Referendum beendet: Schottland wählt das "Nein"

Referendum beendet: Schottland wählt das "Nein"

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Drei Frauen bejubeln den Verbleib Schottlands im Vereinigten Königreich

von Yvonne Esterházy

Das Referendum ist beendet - Schottland bleibt Teil Großbritanniens. Trotzdem wird das Land mehr Selbstverwaltungsrechte erhalten als bisher. Das Pfund erholt sich kräftig.

Die lange Nacht des Hoffens und Bangens endete um 5.55 Uhr. Als George Black, Wahlleiter von Glasgow, das Abstimmungsergebnis für Schottlands größte Stadt verkündete war klar: In der Metropole selbst und in der schottischen Stadt Dundee hatten die Befürworter einer Abspaltung Schottlands zwar gewonnen. Doch für einen landesweiten Sieg war das Ergebnis zu knapp.

Rund 20 Minuten später - 26 der 32 Wahlbezirke waren ausgezählt - veröffentlichte die BBC das erste vorläufige Ergebnis des Referendums: Mit 54 Prozent der Stimmen lagen die Unabhängigkeitsgegner klar in Führung. Denn nur 45 Prozent hatten sich bis zu diesem Zeitpunkt für die Autonomie ausgesprochen.

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Schottland bleibt also Teil von Großbritannien. Die Gefahr eines Auseinanderbrechens der 307-jährigen Union zwischen England, Schottland, Wales und Nordirland war gebannt.

Erleichterung auch in London. Dort dankte der britische Premier David Cameron den Schotten für ihre Unterstützung und gratulierte Alistair Darling, dem Leiter der Nein-Kampagne. Erleichterung auch im restlichen Europa, denn eine Abspaltung Schottlands hätte tiefgreifende Folgen für die EU haben können.

Nicht nur wäre mit Großbritannien ein wichtiges EU-Land geschwächt worden. Vor allem war befürchtet worden, dass auch andere Regionen Europas wie das spanische Katalonien in ihrem Bestreben nach Unabhängigkeit Auftrieb erhalten hätten. Doch die anderen Separatistenbewegungen haben nun einen empfindlichen Dämpfer erhalten.

Wichtig ist auch die Signalwirkung im Hinblick auf das von Cameron für 2017 in Aussicht gestellte EU-Referendum in Großbritannien: Denn damit hat die Wahrscheinlichkeit für ein Ausscheiden der Briten aus der EU abgenommen. Denn die Schotten sind europafreundlicher als die Engländer.

Gleichzeitig haben sich die Chancen eines Wahlsiegs der Labour-Partei bei den nächsten Parlamentswahlen im Mai 2015 erhöht. Denn ohne Schottland hätte Labour kaum Chancen auf eine Mehrheit im Parlament von Westminster. Labour hat sich bisher aber - anders als die Konservativen - nicht auf ein EU-Referendum festgelegt. 

So wichtig ist Schottland für die deutsche Wirtschaft!

  • Wie stark ist die schottische Wirtschaft überhaupt?

    Die jährliche Wirtschaftsleistung beträgt rund 131 Milliarden Pfund - umgerechnet fast 165 Milliarden Euro. Das entspricht in etwa dem Bruttoinlandsprodukt von Berlin und Brandenburg zusammen.

  • Wie viel exportiert Deutschland nach Schottland?

    Deutschland exportierte 2013 Waren im Wert von umgerechnet gut fünf Milliarden Euro nach Schottland. "In der Rangliste unserer wichtigsten Kunden würde Schottland einen Platz unter den ersten 50 belegen", sagt der Außenwirtschaftschef des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Volker Treier. "Und zwar noch vor Staaten wie Irland und Griechenland." Großbritannien insgesamt steht mit einem Volumen von knapp 76 Milliarden Euro an Nummer drei, hinter Frankreich und den USA, aber noch vor den Niederlanden und China. Die Schotten kaufen vor allem deutsche Maschinen und Fahrzeuge, aber auch chemische Produkte.

  • Wie viel kauft Deutschland in Schottland?

    Schottland lieferte 2013 Waren im Wert von etwa drei Milliarden Euro in die Bundesrepublik. Das würde zu einem Platz unter den 50 wichtigsten deutschen Lieferanten reichen, noch vor Australien oder Saudi-Arabien.

  • Importiert Deutschland vor allem Whisky?

    Alkohol ist tatsächlich ein großer Exportschlager. Nummer eins sind zwar Maschinen und Fahrzeuge. Nach Angaben der Scotch Whisky Association wurde 2013 Whisky im Wert von 172 Millionen Pfund (216 Mio Euro) nach Deutschland exportiert. Die Bundesrepublik ist damit fünftgrößter Abnehmer hinter den USA, Frankreich, Singapur und Spanien.

  • Wie viele Deutsche Unternehmen sind vor Ort?

    Mehr als 200, sagt DIHK-Experte Treier. "Davon wiederum sind knapp 40 hundertprozentige Töchter von Industrieunternehmen wie BASF, Bosch und Evotec." Insgesamt beschäftigen die deutschen Firmen rund 20.000 Mitarbeiter in Schottland.

Deutlich spürbar war die Erleichterung auch an den Finanzmärkten: Denn damit war auch die Ungewissheit über die Währungsfrage vom Tisch: Das Pfund, das in den vergangenen Tagen kräftig gefallen war, stieg gegenüber dem Euro auf ein Zweijahreshoch. An den Aktienmärkten rechnete man ebenfalls mit steigenden Kursen. Denn an den Märkten war befürchtet worden, dass ein Sieg des "Ja-Lagers" eine lange Phase der wirtschaftlichen und politischen Ungewissheit zur Folge gehabt hätte.

Enttäuschung dagegen im Lager der "Ja-Kampagne" und bei der nationalistischen Partei SNP, die seit Jahren für die Unabhängigkeit gekämpft hatte. SNP-Chef und Ministerpräsident Alex Salmond räumte noch vor der Veröffentlichung des amtlichen Endergbnisses ein, sein Ziel verfehlt zu haben. "Ich nehme das Urteil des Volkes an", sagte er, forderte aber gleichzeitig unter Hinweis auf die 1,6 Millionen Stimmen für die Unabhängigkeit die Einhaltung der Zusagen für mehr Selbstverwaltungsrechte ein, die Cameron während des Wahlkampfes gemacht hatte. Der britische Premier stellte den Schotten am Freitag morgen mehr Befugnisse in Aussicht, ohne das zu präzisieren und versprach, bis Januar werde er diesbezüglich einen Gesetzentwurf vorlegen.

Auch Schottlands stellvertretende Ministerpräsidentin Nicola Sturgeon versuchte in der Stunde der bittersten Niederlage noch einen Funken Hoffnung zu verbreiten. "Das Ergebnis ist für mich persönlich und politisch eine große Enttäuschung. Aber es hat gezeigt, dass es einen großen Willen für eine Veränderung gibt. Das muss berücksichtigt werden. Unser Land wird nicht so bleiben wie früher".

Die zweijährige Kampagne hatte gezeigt, dass auch die Befürworter der Union den Wunsch der Schotten nach mehr Selbstverwaltung nicht ignorieren können. Von den 4,3 Millionen Bürger Wahlberechtigten hatten sich 97 Prozent der im Vorfeld der Abstimmung registrieren lassen. Allgemein wurde damit gerechnet, dass die Wahlbeteiligung Rekordwerte von über 80 Prozent aufweisen dürfte. Erstmals durften in Schottland auch die 16-Jährigen zur Wahl.

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Alle drei großen britischen Parteien in London hatten den Schotten in den vergangenen Tagen Zugeständnisse in Sachen Autonomie versprochen. Allerdings blieben sie im Hinblick auf die Details vage. Robert Wood, Großbritannien-Volkswirt der Berenberg-Bank ist dennoch überzeugt: Der alte Status Quo wird nicht zu halten sein.

"Die Nationalisten in Schottland werden nun ein starkes Mandat für künftige Verhandlungen mit dem restlichen Großbritannien reklamieren" sagt er und meint, Cameron werde für seine Versprechen möglicherweise einen hohen Preis bezahlen müssen. Andere Experten erwarten nämlich, dass nun auch die übrigen Regionen Großbritanniens, allen voran England, auf mehr Rechte pochen werden.

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