Referendum über Schottlands Unabhängigkeit: "Typische Methoden des Nationalismus"

InterviewReferendum über Schottlands Unabhängigkeit: "Typische Methoden des Nationalismus"

von Niklas Dummer

Ein unabhängiges Schottland hätte viele negative Folgen. Im Interview erzählt der deutsche Historiker Frank Lorenz Müller vom schottischen Nationalismus und erklärt, was im Falle eines „Ja“-Votums passieren könnte.

Herr Müller, Sie sind Historiker an der schottischen Universität von St. Andrews und werben für ein „Nein“ am Donnerstag. Warum?

Frank Lorenz Müller: Ich war bisher niemals in einer Partei oder in einem Wahlkampf aktiv. Dass ich mich engagiere, hängt damit zusammen, dass ich in der Unabhängigkeits-Frage ganz zentrale Aspekte des Lebens meiner Familie und meiner eigenen Zukunft berührt sehe und versuche, Schaden von uns abzuwenden. Das motiviert mich – keine parteipolitische oder strategische Absicht.

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Zur Person

  • Frank Lorenz Müller

    Frank Lorenz Müller ist Historiker an der Universität von St. Andrews in Schottland. Er arbeitet vor allem zur europäischen Geschichte von 1815 bis zum Zweiten Weltkrieg und zum Nationalismus. Seit 2002 lebt der Deutsche in Schottland. Neben seiner deutschen Staatsbürgerschaft hat er die britische inne. Müller engagiert sich aktiv im Wahlkampf gegen die Loslösung Schottlands vom Vereinigten Königreich.

Als Wahlkämpfer dürften Sie auch mit den Separatisten in Kontakt kommen. Wie nehmen Sie die andere Seite wahr?

In den Diskussionen auf der Straße oder im Internet sind die Reaktionen mitunter leidenschaftlich und engagiert. Manche Befürworter der Unabhängigkeit sind regelrecht ideologisiert. Ihre Strategie ist es, den Gegnern der Unabhängigkeit die Legitimität zu entziehen: Diese seien keine wahren Schotten, sondern Verräter, Imperialisten, die letztendlich nicht zum Wohle der schottischen Nation agierten. Wer mit „Nein“ stimmt, sei kein legitimer Teil des schottischen Nationalkörpers. Hier sind für mich nationalistische Impulse zu erkennen. Das ist natürlich nicht der einzige Impuls, der die Unterstützer auf die Straße und an die Wahlurnen treibt – aber ein zentraler.

Das schottische Referendum

  • Wie kam es zu dem Referendum?

    2011 fuhr Alex Salmond, der Kopf der Scottish National Party (SNP), ein überragendes Ergebnis bei der Wahl des schottischen Parlaments ein. Er und seine Partei errangen die absolute Mehrheit. Im selben Jahr noch forderte Salmond ein Referendum über ein unabhängiges Schottland. Der britische Premierminister David Cameron genehmigte das Referendum.

    Für ein unabhängiges Schottland tritt die SNP bereits seit 80 Jahren ein.

  • Wer sind die Konfliktparteien?

    Bis vor wenigen Wochen schien die Separatisten-Bewegung um die SNP kaum Chancen auf ein „Ja“-Votum zur Unabhängigkeit zu haben.

    Doch die Kampagne der Unionisten, die von der konservativen Tory-Partei, den Liberaldemokraten und weiten Teilen der Labour-Partei angeführt wird, hat im Wahlkampf zu sehr darauf gesetzt, den Schotten vorzubeten, welche Schreckensszenarien die Unabhängigkeit mit sich brächte. Damit hat sie wenige Wochen vor dem Referendum maßgeblich dazu beigetragen, dass die Separatismus-Bewegung unter den Schotten an Zuspruch gewinnt. Die Unionisten und die Separatisten vereinen nahezu gleich viele Befürworter auf einander.

    Am 18. September hat die SNP erstmals eine realistische Chance, ihr Ziel – ein unabhängiges Schott – zu erreichen.

  • Wann wird das Ergebnis bekannt gegeben?

    Am Morgen des 19. Septembers wird das Ergebnis des Referendums voraussichtlich bekannt gegeben.

Woran machen Sie diese nationalistischen Tendenzen fest?

Beispielsweise an der Diskussion um die Ausrichtung der schottischen Universitäten. Die Befürworter der Unabhängigkeit fordern eine schottische Marke. Der Erziehungsminister hat davon gesprochen, dass schottische Forscher Teil der nationalen Psyche sein und mit ihrer Forschung im Einklang mit der schottischen Regierung stehen sollten. Ein prominenter Befürworter der schottischen Unabhängigkeit hat bedauert, dass so viele führende Positionen mit Nicht-Schotten besetzt worden seien. Das sind Anklänge an einen exklusiven Nationalismus, an ein neues Verständnis der schottischen Nation.

Das klingt ja beinahe nach Gleichschaltung.

Ich will Vokabeln vermeiden, die dem Nationalsozialismus entstammen. Der schottische Nationalismus ist nicht mit dem Nationalsozialismus zu vergleichen. Wenn man das behauptete, würde man den Nationalsozialismus verkennen und die Befürworter der schottischen Unabhängigkeit verleumden. Trotzdem: Die Parallelen des schottischen Nationalismus und des Nationalismus im 19. Jahrhundert sind nicht zu übersehen.

Bei Schottlands „Yes“ zur Unabhängigkeit – so geht es weiter

  • Märkte

    Die Briten müssen Märkte und Unternehmen beruhigen, um den Kurs des britischen Pfunds zu stabilisieren. Es werden bereits am Freitagmorgen Aussagen von Finanzminister George Osborne, Notenbankchef Mark Carney und auch Schottlands Ministerpräsident Alex Salmond erwartet.

  • Rücktritte

    Premierminister David Cameron und Oppositionsführer Ed Miliband von der Labour-Partei stehen vor der Frage, wie es für sie weitergeht - der Verlust eines Teils des Landes würde besonders auch ihnen zugeschrieben. Da das Unterhaus wegen verschiedener Parteitage Sitzungspause hat, ist ein schnelles Misstrauensvotum gegen den Premier eher unwahrscheinlich. Cameron hat bereits angekündigt, er werde nicht freiwillig zurücktreten.

  • Verhandlungen London-Edinburgh

    Edinburgh und London haben 18 Monate Zeit, um die Bedingungen der Trennung auszuhandeln. Die Punkte auf der Agenda sind in ihrem Umfang kaum zu überschauen: Währung, Atomwaffen, Grenzkontrollen, Handelsabkommen, Renten- und Gesundheitssystem sind nur einige Punkte.

  • Aufbau eines Staats

    Schottland muss unter anderem eine Armee, ein Steuersystem sowie ein Netz von Botschaften im Ausland aufbauen, seinen Einwohnern Pässe ausstellen, internationale Handelsabkommen schließen und seine Mitgliedschaft in Institutionen wie der EU und der Nato klären.

  • Britische Parlamentswahlen

    Für den 7. Mai 2015 sind Parlamentswahlen in Großbritannien geplant. Die Schotten sind noch wahlberechtigt. Ob der Termin im Fall eines „Ja“ bleibt, ist unklar - Schottland schickt 59 Abgeordnete nach London, davon gehören derzeit 40 zu Labour. Sollten die Sozialdemokraten die Wahl gewinnen, könnte ihnen die Mehrheit wegbrechen, wenn die schottischen Abgeordneten mit der Unabhängigkeit ein Jahr später ihr Mandat verlieren. Zudem säßen damit Schotten auf beiden Seiten des Verhandlungstischs.

  • Unabhängigkeit

    Schottland würde am 24. März 2016 unabhängig.

  • Schottische Parlamentswahl

    Schottland wählt am 5. Mai 2016 ein neues Parlament.

  • Referendum über EU-Mitgliedschaft

    Sollte der Konservative David Cameron wiedergewählt werden, hat er für 2017 ein Referendum über den Verbleib Großbritanniens in der EU in Aussicht gestellt. Die Schotten würden dann nicht mehr mit abstimmen - damit fehlen den EU-Befürwortern viele Stimmen.

Erklären Sie doch bitte, worin diese Parallelen bestehen.

Die Rhetorik der Separatisten ist typisch nationalistisch. Das sind die Narrative und Darstellungsmethoden, die aus den Nationalismen des 19. und 20. Jahrhundert bekannt sind. Alex Salmond, der schottische Ministerpräsident, sagte beispielsweise zum Jubiläum der Schlacht von Bannockburn in diesem Sommer, sie sei der Ursprung des schottischen Nationalgefühls. Eine Schlacht vor 700 Jahren, wo zwei anglonormannisch sprechende Feudalkönige irgendwelche Streitigkeiten austrugen und die schottische Seite gegen die englische Übermacht gewann. In einer Zeit, in der es keine Druckerpresse, keine Öffentlichkeit, keine demokratischen Rechte gab. Davon irgendwelche Befindlichkeiten für die Gegenwart abzuleiten, ist doch absurd.

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