Reform geplant: Frankreich hat die Deutsche Bahn als Vorbild

ThemaFrankreich

Reform geplant: Frankreich hat die Deutsche Bahn als Vorbild

von Christian Schlesiger

Die Franzosen blicken neidvoll über die Grenze: Die Staatsbahn SNCF soll unter ein Dach mit dem Schienennetz. Vorbild ist die Deutsche Bahn.

 

In Frankreich wird mal wieder gestreikt. Dieses Mal fürchten Eisenbahner um ihren Job und legten heute den öffentlichen Verkehr in weiten Teilen lahm. Stein des Anstoßes: Das Parlament in Paris entscheidet bald über eine Bahnreform. Ziel ist es unter anderem, den 1997 ausgegliederten Netzbetreiber Réseau Ferré de France (RFF) wieder mit dem Bahnkonzern SNCF zusammenzuschließen.

Anzeige

Vorbild ist die Deutsche Bahn, die als integrierter Konzern Transportgesellschaften und Infrastruktur gemeinsam betreibt. Doch ob Frankreich mit der Bahnreform wirklich in die Erfolgsspur fährt, ist ungewiss. Anders als die Deutsche Bahn ächzt der Netzbetrieber RFF unter einer hohen Verschuldung. So kämpfen die Mitarbeiter daher nicht nur gegen einen Sozialabbau , sondern auch für eine Schuldenentlastung durch den Staat. Der Netzbetreiber ist mit 40 Milliarden Euro hoch verschuldet. Teilweise gehen die Verbindlichkeiten noch auf Investitionen im 19. Jahrhundert zurück.

Woran Frankreich krankt

  • Wettbewerbsfähigkeit

    In Frankreich sticht die ungünstige Entwicklung der Wettbewerbsfähigkeit hervor. Auch deshalb ist der Weltmarktanteil des Exportsektors des Landes deutlich gesunken; die Leistungsbilanz hat sich seit Beginn der Währungsunion kontinuierlich verschlechtert– von einem Überschuss von 2,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu einem Defizit von zuletzt etwa 2 Prozent. Im Durchschnitt der zurückliegenden drei Jahre hat Frankreich damit das höchste Leistungsbilanzdefizit aller Kernländer aufgewiesen. Im „Global Competitiveness Report 2012-2013“ belegt Frankreich damit nur Rang 21 von insgesamt 144 Ländern. Im Jahr 2010 wurde es mit Rang 15 noch deutlich besser bewertet.

    Quelle: Frühjahrsgutachten der führenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute; Commerzbank

  • Lohnstückkosten

    Die Lohnstückkosten sind seit 1999 um 30 Prozent gestiegen. Die Lage heute: Während eine Arbeitsstunde deutsche Arbeitgeber 30,40 Euro kostet, fallen westlich des Rheins 34,20 Euro an. Typisch für den Niedergang sind die Autobauer. „Hier verdichten sich die Probleme Frankreichs“, sagt Commerzbank-Chefökonom Jörg Krämer. Das Land produziere 40 Prozent weniger Kraftfahrzeuge als 2005, Deutschland dagegen 15 Prozent mehr.

  • Arbeitslosigkeit

    Die wirtschaftliche Entwicklung lässt kaum eine deutliche Reduzierung der Arbeitslosigkeit und der öffentlichen Verschuldung erwarten. Die Arbeitslosigkeit dürfte auf einem hohen Niveau jenseits von 10 Prozent verharren.

  • Staatsverschuldung

    Noch wird die Schuldentragfähigkeit von den Anlegern nicht in Frage gestellt. Die öffentliche Verschuldung Frankreichs hat sich aber seit der Großen Rezession deutlich erhöht. Zwischen 2008 und 2012 stieg die Schuldenstandsquote um rund 25 Prozentpunkte auf über 90 Prozent. Im Jahr 2013 lag die Defizitquote mit 4,3 Prozent weiterhin deutlich über den Maastricht-Kriterien. Und auch für das Jahr 2014 wird eine diesen Wert überschreitende Quote erwartet. Damit steigt die öffentliche Verschuldung weiter.

  • Private Verschuldung

    Die private Verschuldung ist in Frankreich weniger stark gestiegen und liegt auf einem deutlich geringeren Niveau als z. B. in Irland, Spanien und Portugal. Dennoch ist Frankreich das einzige der ausgewählten Länder, in dem die private Verschuldung auch seit 2009 noch merklich zunimmt.

Doch eine Entschuldung sieht die Bahnreform in Frankreich gar nicht vor. Angesichts der ökonomischen Krise im Land hat Paris gar keinen Spielraum. Die Bahn bleibt somit ein Dauerpatient für Frankreich. In den Neunzigerjahren schob der Staat die Bahnschulden bewusst der französischen Gleisgesellschaft RFF zu, um für den Euro-Beitritt die Maastricht-Kriterien zu erfüllen. Damals galt eine Staatsschulden-Grenze in Höhe von 60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

Bei der deutschen Bahnreform 1994 wurde die Deutsche Bahn dagegen komplett entschuldet. Heute lähmt die Finanzlast der RFF die Entwicklung der Eisenbahn in Frankreich. Die Trassenpreise sind in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Die bisherige Cash Cow der SNCF, der Schnellzug TGV, gilt inzwischen als Sorgenkind.

Frankreich hofft bei der Reform vor allem auf mehr Effizienz. SNCF-Chef Guillaume Pépy hält die aktuelle Organisationsstruktur für ein Grundproblem: "Gleisarbeiten werden angekündigt, Züge storniert, doch dann finden die Gleisarbeiten gar nicht statt", sagte er im französischen Senat. Unter einem Dach sollen SNCF und RFF nun besser kooperieren. Das soll jedes Jahr 500 Millionen Euro einsparen. Doch Experten halten das für zu wenig. "Man braucht mindestens das Doppelte, um die Schulden zu stabilisieren", sagt Arnaud Aymé von der Beratungsgesellschaft Sia Partners laut "Süddeutsche Zeitung".  Damit wäre dann aber noch nicht einmal ein einziger Euro an Schulden abgebaut.

weitere Artikel

Die Organisationsform des integrierten Konzerns stößt bei Ökonomen und Wettbewerbern ohnehin auf heftige Kritik. Sie sehen die potenzielle Gefahr der Diskriminierung der Konkurrenten. Tatsächlich musste die Bundesnetzagentur in Deutschland in der Vergangenheit immer wieder eingreifen, um eine Benachteiligung zu verhindern. Und das Mainzer Debakel aus dem vergangenen Jahr zeigt nicht gerade, dass Netz und Betrieb unter einem Dach mehr Problemlösungskompetenz mit sich bringen.

Unterm Strich wird dem französischen Bahnsystem mit der Reform wohl kaum geholfen. Mehr Wettbewerb wäre die bessere Lösung. Doch hier zieht die Regierung in Paris lieber die sozialistische Nationalkarte: Fern- und Nahverkehr bleiben ausländer- und konkurrenzfreie Zone.

Dem Autor auf Twitter folgen:

Anzeige
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%