Reichstagswahl in Schweden: Schweden rückt nach links

Reichstagswahl in Schweden: Schweden rückt nach links

, aktualisiert 15. September 2014, 06:16 Uhr
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Schwedens aktueller Regierungschef: Fredrik Reinfeldt. Endet seine Amtszeit?

Kein Konservativer war länger in Schweden an der Macht als Fredrik Reinfeldt, doch nun geht seine Ära nach acht Jahren zu Ende. Das Rot-Rot-Grüne Bündnis erreicht die meisten Stimmen.

Schweden steht vor einem politischen Neuanfang. Bei der Parlamentswahl hat sich die von den Sozialdemokraten angeführte Linkskoalition gegen das Mitte-Rechts-Bündnis von Ministerpräsident Fredrik Reinfeldt durchgesetzt. Sozialdemokraten, Linke und Grüne verfehlten bei der Wahl am Sonntag jedoch die absolute Mehrheit, was die Politik im Reichstag in Stockholm deutlich erschweren könnte. Das Hauptproblem der Wahlsieger um den Sozialdemokraten Stefan Löfven: der Erfolg der rechtspopulistischen Schwedendemokraten, die ihr Wahlresultat von 2010 mehr als verdoppeln konnten.

Nach Auszählung von 99 Prozent der Wahlbezirke entfielen auf Rot-Rot-Grün 43,7 Prozent der Stimmen, wie aus vorläufigen offiziellen Ergebnissen vom Sonntagabend hervorgeht. Die bürgerliche Allianz kam demnach auf 39,3 Prozent.

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Die ausländerfeindlichen Schwedendemokraten um Parteichef Jimmie Åkesson wurden mit 13 Prozent drittstärkste Kraft - nach lediglich 5,7 Prozent bei der vorherigen Parlamentswahl. Die Partei wird von vielen Schweden als rassistisch angesehen, obwohl sie ihre Rhetorik unter Åkesson zuletzt zu mäßigen versuchte. Eine feministische Partei verpasste mit 3,1 Prozent knapp den für möglich gehaltenen Sprung über die Vier-Prozent-Hürde.

Die Regierung von Reinfeldt, die vor allem für Steuersenkungen und eine marktfreundliche Politik eintrat, steht nach acht Jahren vor dem Aus. Der 49-Jährige gestand seine Niederlage ein. „Das schwedische Volk hat entschieden. Wir sind nicht ganz am Ziel angekommen.“ Er werde nun als Regierungschef sowie als Vorsitzender seiner Moderaten Sammlungspartei zurücktreten, gab der sichtlich geknickte Reinfeldt nach der Wahl vor Anhängern bekannt.

Wissenswertes über Schweden

  • Was sind schwedische Exportschlager?

    Die wichtigsten Ausfuhrprodukte sind Pharmazeutika, Maschinen, Uhren, Präzisionsinstrumente und Elektronikprodukte. Exportschlager ist natürlich auch die schwedische Literatur: Astrid Lindgrens Kinderbuchklassiker kennt jeder. Auch die düsteren Romane von Henning Mankell oder Stieg Larsson sind nicht nur Krimiliebhabern ein Begriff, sondern durch vielfache Verfilmungen auch bei Cineasten beliebt. Außerdem haben die Schweden den Reißverschluss erfunden.

  • Was sind berühmte schwedische Unternehmen?

    Ganz vorne natürlich Ikea. Wer hat nicht schon einmal auf dem heimischen Fußboden Schrauben und Nägel sortiert, um einen günstigen Kleiderschrank selbst zusammen zu zimmern? Genau das ist Ingvar Kamprads Erfolgsrezept, der das Einrichtungshaus 1943 ins Leben rief und das inzwischen mit Filialen auf dem ganzen Globus vertreten ist.

    Auch H&M ist aus den Fußgängerzonen nicht mehr wegzudenken. Kleiner Preis für modische Kleidung, großes Budget für Werbekampagnen und Designerkooperationen mit Größen wie Lagerfeld oder Versace. Auch Volvo, Saab, Ericsson, ABB, Electrolux, SKF, Astra Zeneca Skype, Tetra Pak oder Absolut Vodka kommen aus Schweden.

  • Warum können die Schweden so gut Englisch?

    In Schweden wird Englisch als erste Fremdsprache an den Schulen unterrichtet. Aber das allein ist noch nicht das Geheimnis des schwedischen Sprachwunders: da es sich für nur rund 9,6 Millionen Einwohner nicht lohnt englischsprachige Filme und Serien für Kino oder Fernsehen zu synchronisieren, schauen sich die Schweden diese immer in Originalsprache mit Untertiteln an.

  • Was können die Schweden besser als die Deutschen?

    Sommersonnwende feiern, auf Schwedisch Midsommar. Am Johannisabend Ende Juni geht in Nordschweden die Sonne 24 Stunden lang nicht unter. Eine gute Gelegenheit für die Schweden ausgelassen zu feiern, um einen Maibaum zu tanzen und pappige Zimtschnecken mit reichlich Alkohol runterzuspülen. Nicht umsonst ist das bei Polizeistreifen eher unbeliebt.

  • McDonald's per Ski

    Im schwedischen Skigebiet Lindvallen gibt es das etwas andere McDrive: Bei McSki kann können sich Skifahrer einen Burger auf die Hand mitnehmen, ohne erst lästigerweise die Skier abschnallen zu müssen. Außerdem hat Schweden die höchste Pro-Kopf-Anzahl von McDonald's-Filialen in Europa.

  • Größtes Einkaufszentrum Skandinaviens

    Im schwedischen Göteborg gibt es die größte Shoppingmall Skandinaviens. Das Nordstan hat 180 Geschäfte und 150 Büros unter seinem Dach.

Nun könnten die Rechtspopulisten in strittigen Fragen im Reichstag zum Zünglein an der Waage werden. Trotz ihrer Zugewinne dürften die Schwedendemokraten jedoch mit ihrem Ziel einer radikalen Beschränkung der Einwanderung scheitern: Alle anderen Parteien sprechen sich für eine liberale Asylpolitik aus.

Sozialdemokraten-Chef Löfven ließ sich am späten Sonntagabend von jubelnden Unterstützern feiern. „Da ist etwas auseinandergefallen in Schweden“, sagte der 57-Jährige. „Heute Nacht hat Schweden geantwortet, dass wir einen Wechsel brauchen.“

Er dürfte nach seinem Sieg für eine Regierungsbildung auf die Grünen und Linken zugehen. Doch für eine Mehrheit im Parlament würde dies nicht reichen. Der Politologe Mikael Sundström von der Universität Lund brachte die Möglichkeit ins Spiel, dass Löfven eine der vier Mitte-Rechts-Parteien aus Reinfeldts Bündnis für seine Koalition zu gewinnen versuchen könnte. Keine von ihnen hat aber Interesse an einer Zusammenarbeit mit den Sozialdemokraten signalisiert.

Reinfeldts Amtszeit war mit acht Jahren die bisher längste eines konservativen Regierungschefs in Schweden. Zwar bekam er weltweit viel Lob dafür, die Wirtschaft des Landes während Europas Finanzkrise intaktgehalten zu haben. Doch befürchteten viele Schweden, dass seine marktorientierte Politik das schwedische Sozialsystem untergraben hat.

Weitere Artikel

So hatte Reinfeldts Mitte-Rechts-Allianz seit ihrer Machtübernahme im Jahr 2006 die Einkommens- und Unternehmenssteuern gesenkt, eine Besteuerung der Vermögen Reicher abgeschafft, soziale Leistungen gekürzt, arbeitsrechtliche Gesetze gelockert und staatseigene Unternehmen privatisiert. Die Kluft zwischen Arm und Reich im Land vertiefte sich in einem stärkeren Tempo als in den meisten anderen Industrieländern.

Am Rande der Wahl kam es nach Polizeiangaben zu Störungen durch eine Neonazi-Gruppe. Demnach betraten deren Mitglieder am Sonntag mehrere Wahllokale in Stockholm. Dort schüchterten sie offenbar Wähler ein, indem sie sie filmten und Parolen skandierten. Die Gruppe bestätigte auf ihrer Internetseite, ihre Aktivisten seien in die Wahllokale eingetreten, nachdem sie im Zentrum Stockholms Wahlzettel und eine Israel-Flagge verbrannt hätten.

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