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Rettungspolitik: Die Eskalation der Krise

von Ferdinand Knauß

Fünf Jahre nach Beginn der Subprime-Krise zeigt sich: Mit jedem Rettungsschritt wurden die Probleme größer. Die nächste Phase könnte eine politische Krise sein.

Klage gegen den Euro I

Schon im Gründungsvertrag der Europäischen Union, der am 7. Februar 1992 in Maastricht unterzeichnet wurde, war klar: Wichtige Währungsfragen sollen künftig gemeinsam entschieden werden. Die Wirtschafts- und Währungsunion war beschlossen, der Grundstein für den Euro gelegt. Der deutsche Bundestag ratifizierte den EU-Vertrag im Dezember 1992.

Kurz darauf wurde zudem die „Entwicklung der Europäischen Union“ in der Verfassung festgeschrieben. Gegen diese Kompetenzverlagerung klagten zahlreiche Deutsche vor dem Bundesverfassungsgericht - vom Grünen Hans-Christian Ströbele bis zum nationalliberalen Manfred Brunner (später Vorsitzender der Kleinpartei „Bund Freier Buerger - Die Freiheitlichen“; das Bild zeigt ihn bei einer Demonstration für eine Volksabstimmung über die Einführung des Euros).

Bild: dapd

Die Geschichte der aktuellen Finanzkrise ist eine Geschichte der Eskalation. Nachdem die eine Katastrophe abgewendet war, kam stets eine noch größere.

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Angefangen hat alles als „Subprime-Krise“ im Sommer 2007. Es ging – vordergründig – um Kredite minderer Güte, die amerikanische Häuslebauer nicht mehr bedienen konnten. Das klang für Nicht-Finanz-Experten harmlos. Und daher standen die Meldungen darüber damals noch auf den hinteren Seiten im Finanzteil der Tageszeitungen. Tatsächlich ging es längst nicht nur um amerikanische Eigenheime und verantwortungslose Immobilienfinanzierer. Der exzessive Schuldenrausch des Finanzkapitalismus  insgesamt war an eine Grenze gestoßen. Spätestens im Sommer 2008 wurde offensichtlich, dass nicht nur einzelne Institute, sondern im Grunde die gesamte Finanzbranche Risiken aufgehäuft hatte, die sie selbst nicht tragen konnte.

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Tragen konnten sie nur die Staaten – vorläufig zumindest. Und die ließen die Banken nicht hängen. Wenn die Geschichte der Krise eines offenbart hat, dann ist es das immer enger werdende gegenseitige Abhängigkeitsverhältnis von Staaten und Banken. Der verschuldungsfreudige Staat, der seinen Bürgern mehr Wohltaten als Steuern bieten will, und  die nach sicheren Anlagemöglichkeiten suchenden Banken brauchen sich gegenseitig. Das Gerede vom Primat der Politik über die Märkte, den es durchzusetzen gelte, ist daher unsinnig – solange Politik mit Schulden gemacht wird.   

Bei Finanzpolitikern trafen die Horrorprophezeiungen der Experten über „Erdbeben“ und den Kollaps der Weltwirtschaft, die drohten, wenn man große Banken pleite gehen ließe, daher sofort auf Verständnis. 2008 wurden reihenweise Banken mit riesigen Milliardenbeträgen aus den Staatskassen am Leben erhalten. Die einzige Ausnahme bei der Bankenrettung - Lehman Brothers wurde bekanntlich im September 2008 tatsächlich abgewickelt – schien die Rettungspolitik zu bestätigen: Die Vertrauenskrise unter den Banken konnte nur durch den Staat behoben werden. „To big to fail“: Ab einer gewissen Größe kann der Bankrott eines Finanzmarktakteurs den Bestand des gesamten Systems gefährden. Für Deutschland bedeutete das, dass die Bundesregierung die Hypo Real Estate (HRE) nicht pleite gehen ließ, sondern für weit über 100 Milliarden Euro zu bürgen bereit war.

England 1345

Das spätmittelalterliche England war arm, allein die Wollproduktion war exportfähig. Nach der verpatzten Frankreich-Invasion des englischen Königs Edward III. konnte er seine Schulden bei norditalienischen Bankiers nicht mehr begleichen. Florentinische Handels- und Finanzhäuser hatten Ausgaben für Geschenke, Hof, Flotte und Militär der englischen Krone mit Krediten finanziert. Zugleich waren die Italiener nicht mehr bereit, die gewohnten Preise für englische Wolle zu bezahlen. Der König stellte den Schuldendienst ein. In Florenz brachen große Finanzhäuser zusammen.

Bild: Gemeinfrei

Der theatralische Höhepunkt dieser ersten Phase der Krise war die Garantieerklärung von Angela Merkel und Peer Steinbrück für die Spareinlagen der Deutschen. Der realwirtschaftliche Einbruch kam, aber er wurde durch riesige – natürlich durch neue Schulden finanzierte - Konjunkturpakete wettgemacht. Die führenden Finanzpolitiker wie Peer Steinbrück hatten wohl das Gefühl, die Welt oder zumindest die Weltwirtschaft vor dem Untergang bewahrt zu haben. Tatsächlich hatten sie nur die nächste Phase der Krise eingeläutet.

Die Krise und die Versuche, ihrer Herr zu werden, offenbaren ein Muster der Eskalation: Die verlorene Kreditwürdigkeit eines Finanzmarktakteurs oder des gesamten Bankensystems wird wiederhergestellt, indem eine höhere Instanz, also der Staat, einspringt und den Schwächelnden unter seinen Garantie-Schirm nimmt. Die Soziologen Wolfgang Streeck und Jens Beckert sprechen daher von einem „System des Vertrauensmanagements“.

22 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 24.09.2012, 14:24 UhrRedaktion

    Dass die Bundesrepublik eine Diktatur sei, habe ich ausdrücklich nicht geschrieben. Das ist natürlich Blödsinn. Ferdinand Knauß

  • 24.09.2012, 03:18 Uhrsuchtgrueblerxy

    Der „Schuldenrausch“ des Finanzkapitalismus ist nicht nur dieser Branche anzulasten. Schließlich haben die Ökonomen in der Vergangenheit das deregulierte Finanzwesen als Motor und Heilsbringer für die Volkswirtschaften bezeichnet und die Finanzbranche zum Drehen eines großen Rades ermuntert. Die wissenschaftsgläubigen Politiker hatten nichts Eiligeres zu tun, als das Wachstum der Finanzbranche zu fördern und die Finanzbranche von Regulierungsfesseln möglichst schnell zu befreien. Die Nationalbanken haben im Bewußtsein auf die finanztransaktionenfördernde und kreditfördernde Wirkung billigen, üppigen Geldes auch die Zinssätze zu niedrig gehalten und dabei im Einvernehmen mit der Politik Wirtschaftswachstum erhofft und billige kreditfinanzierte Wohlstandsverteilung dem schuldenbereiten Staat ermöglicht. Ergebnis dieser Zentralbankenpolitik war wegen der billigen Kredite in geringerem Maße sustantielles Wirtschaftwachstum mit ungesund großem Volumen und wegen zu geringen Zinsertragsmöglichkeiten hat die Finanzbranche Ertrag durch voluminösen Umschlag von zweifelhaften Finanzinnovationen gesucht und gefunden. Das realwirtschaftlich substantiell erarbeitete Sparkapital wurde durch diese Maßnahmen in seiner Bedeutung zurückgedrängt.

  • 23.09.2012, 18:44 UhrDankesordenverleiher

    Bemerkenswert, daß die Wirtschaftswoche es wagt, etwas zu veröffentlichen, was seit 15 Jahren jeder wußte, der Wilhelm Hankels Bücher gelesen hat.

    Früher gab's so etwas wie Schneckenpost, heute haben wir es mit der Schneckenpresse zu tun.

    Dennoch ein großes Kompliment an Ferdinand Knauß, der vor allem auf Seite 3 längst überfällige und vernichtende Wahrheiten über die BRD und ihre politische Klasse ausspricht.

    Den 23. September 2012 sollte man sich einprägen. Das war der Tag, an dem in der Wirtschaftswoche stand, daß die BRD eine Diktatur ist.

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