Roundtable: Griechenland braucht eine Agenda 2025

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InterviewRoundtable: Griechenland braucht eine Agenda 2025

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Die Masterstudenten Tina Papadopoulou (26), Fratzekos Gkirkoglou (33), Nikos Chalarakis (36) und Maria Atmatzidou (48) im Roundtable-Gespräch mit der WirtschaftsWoche.

von Silke Wettach

Vier griechische Master-Studenten sprechen über einen Neustart ihres Landes nach der Wahl am Sonntag und dem Alltag in der Krise.

WirtschaftsWoche: Am kommenden Sonntag werden die Griechen wählen, zum fünften Mal in sechs Jahren. Was erwarten Sie sich von dieser Wahl?

Tina: Eine Regierung, die vier Jahre an der Macht bleibt, wäre schon ein echter Fortschritt. Aber stattdessen hangeln wir uns von einer Wahl zur nächsten. Keine Partei hat Zeit, einen Langfristplan zu entwerfen.

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Maria: Mich erinnert unsere Situation an ein Unternehmen, in dem man die gesamte Arbeitszeit in internen Meetings zubringt. An einem gewissen Punkt muss man dann auch mal arbeiten. Ich wollte diese Wahl nicht, genauso wenig wie das Referendum im Juli.

Nikos: Die drei stärksten Parteien sollten ihre ideologischen Unterschiede hinten anstellen und sich gemeinsam auf die Zukunft des Lands konzentrieren. Eine eng abgestimmte, konstruktive Zusammenarbeit der größten Parteien wäre das bestmögliche Ergebnis dieser Wahl. In Deutschland haben sich Politik, Arbeitgeber und Arbeitnehmer im Jahr 2000 auf die Agenda 2010 verständigt. Wir bräuchten jetzt eine Agenda 2025.

Zu den Personen

  • Tina Papadopoulou

    Tina Papadopoulou (26) hat als Jahrgangsbeste ihr Studium der Betriebswirtschaftslehre abgeschlossen. Nach ihrem Master in Marketing will sie in diesem Fach promovieren.

  • Fratzekos Gkirkoglou

    Fratzekos Gkirkoglou (33) leitet das von seinem Vater gegründetes Bauunternehmen Blasteco, das sich auf Spreng- und Bohrarbeiten spezialisiert hat. Er studiert für einen Master of Entrepreneurship und hat zwei Kinder im Alter von sechs und vier.

  • Nikos Chalarakis

    Nikos Chalarakis (36) hat nach vier Jahren als Psychiater zum US-Konzern Johnsen and Johnsen gewechselt. Er hat die Hilfsorganisation Mitos gegründet, die sich um die psychologische Betreuung von Kindern kümmert, deren Eltern das Sorgerecht entzogen wurde. Er macht gerade seinen MBA.

  • Maria Atmatzidou

    Maria Atmatzidou (48) war über ein Jahrzehnt lang Chefredakteurin der griechischen Ausgabe von „National Geographics“. Die studiert Psychologin hat zwei Kinder im Alter von 15 und 13. Mit dem MBA strebt sie eine Karriere im Bereich Kultur oder Umweltschutz an.

    Alle vier sind Studenten an der privaten ALBA Graduate Business School am American College of Greece in Athen.

Wie sollte die aussehen?

Nikos: Ein ganz wichtiger Punkt wäre ein einfaches Steuersystem, das auf zwei Seiten passt, und in den kommenden Jahren nicht mehr angetastet wird.

Fratzeskos: Bisher erleben wir das komplette Gegenteil. Als Unternehmer weiß ich nie, welche Forderung auf mich zukommt. Syriza hat nach dem Wahlsieg im Januar rückwirkend für das Jahr 2012 eine Warenumsatzsteuer eingeführt. Mit ständig neuen Überraschungen kann ich unmöglich meinen Cashflow managen.

Was müsste noch in einer langfristigen Agenda stehen?

Nikos: Ich würde Griechenland wie ein Unternehmen betrachten und auf Wachstum setzen – statt nur die Kosten zu senken. In zentralen Sektoren wie Landwirtschaft, Tourismus, Energie und Transport müssen sich Arbeitgeber und –nehmer an einen Tisch setzen und gemeinsam sehen, wie sie vorankommen.

Wie realistisch ist so ein gemeinsames Vorgehen?

Nikos: Wenn wir jetzt nichts machen, dann drohen wir zu einem zweitklassigen Land am Rande Europas zu werden. Es ist eigentlich klar, dass wir keine Zeit mehr übrig haben.
Bisher sind Reformen aber ausgeblieben und das nun schon seit Jahren…

Das sagen Analysten zur Lage Griechenlands

  • Jörg Krämer, Commerzbank-Chefvolkswirt

    "Letztendlich entscheidet das Referendum am Sonntag darüber, ob Griechenland in der Währungsunion bleibt. Wenn sich die Griechen dafür aussprechen, kann die Staatengemeinschaft ein solch demokratisches Votum nicht übergehen. Dann werden die Verhandlungen wieder aufgenommen. Bei einem negativen Votum kommt es dagegen zum Grexit. (...) Bis dahin tobt ein Nervenkrieg. Die Kapitalverkehrskontrollen reichen zunächst erst einmal aus, um das Schlimmste zu verhindern. Aber die Kontrollen behindern die Wirtschaft, ebenso wie die von der Syriza geschaffene Unsicherheit. Das ist wirtschaftlich ein verlorenes Jahr für Griechenland. Für Deutschland spielt das keine Rolle. Nicht einmal ein Prozent der deutschen Exporte gehen dorthin."

  • Marc Tüngler, Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz

    „Natürlich wird der Dax zunächst leiden, aber fundamental ist die Wirtschaft in Takt (...) Der Rückschlag wird nicht von Dauer sein."

  • Holger Schmieding, Chefvolkswirt Berenberg Bank

    "Für Griechenland wird es jetzt ganz schwierig. Europa versucht, den Schaden für andere Euro-Länder zu begrenzen. Das wird mit großer Wahrscheinlichkeit gelingen. Die EZB hat bereits erklärt, dass sie die Lage an den Finanzmärkten genau verfolgt und notfalls eingreifen wird. Bei größeren Turbulenzen, die der Konjunktur gefährlich werden könnten, könnte die EZB ihre Anleihekäufe zeitlich nach vorne ziehen oder aufstocken. Sie könnte auch Anleihen bestimmter Länder wie Spanien und Italien früher kaufen. Sie könnte noch deutlicher darauf verweisen, dass es das ultimative Sicherheitsprogramm - das sogenannte OMT-Programm - auch noch gibt."

  • Nicolaus Heinen, Deutsche Bank

    "Mit einer solchen Wendung haben nur wenige gerechnet. Kapitalverkehrskontrollen, vor allem aber die hohe Unsicherheit der kommenden Wochen und Monate dürften die letzte Hoffnung auf eine wirtschaftliche Erholung in Griechenland zunichte machen. Ein Staatsbankrott Griechenlands bedeutet nicht automatisch Grexit. Im besten Fall könnten die Entwicklungen dieser Tage nun dazu führen, dass Europa einen Insolvenzmechanismus für Staaten entwickelt - ganz so, wie die erste Griechenlandkrise vor fünf Jahren zu einem Rettungsmechanismus für Staaten führte. Spannend bleibt, ob und wie andere populistische Kräfte in Europa von den Entwicklungen profitieren. Die Polarisierung zwischen etabliertem Lager und Populisten dürfte in den kommenden Monaten weiter steigen."

  • Johannes Mayr, BayernLB

    "Weder der Grexit noch die Staatspleite sind zwingend. Es hängt sehr davon ab, wie das Referendum ausgeht. Wenn es zu einer Ablehnung kommt, wäre Griechenland auf schiefer Ebene unterwegs in Richtung Euro-Abschied. Die EZB hat die Kapitalverkehrskontrollen praktisch erzwungen, indem sie die Notfallkredite an griechische Banken nicht weiter erhöht hat. Wenn die EZB sie wieder aufstockt nach einem positiven Votum der Griechen, dann wären sie in diesem Umfang nicht mehr notwendig. Die Folgen für die Wirtschaft sind sehr negativ. Durch die Kapitalverkehrskontrollen werden die Geschäfte von Unternehmen und deren Abwicklung über die Banken behindert. Das dürfte die Konjunktur weiter beschädigen.

    Die direkten Folgen für die Wirtschaft in der Euro-Zone und Deutschland dürften begrenzt sein - Griechenland ist zu klein, die Handelsverflechtungen zu gering. Man muss aber abwarten, wie stark die Marktturbulenzen sein werden. Denn die könnten auf die Realwirtschaft durchschlagen."

Maria: …das ist ja das Deprimierende. Eine Mehrheit der Griechen hat an die Reformen geglaubt, die die Geldgeber Griechenland auferlegt haben. Wir haben die Haushaltskürzungen hingenommen, weil wir dachten, dass es gleichzeitig zu Veränderungen kommt, die unser Land nach vorne bringen. Aber jetzt sind so viele Jahre vergangene, ohne dass sich viel verändert hat.

Wie könnte das nun anders laufen?

Nikos: Man muss sicherstellen, was man im Change Management „Quick wins“ nennt, also schnelle und sichtbare Erfolge. Man braucht etwas Positives, um den Menschen weitere Einsparungen zu verkaufen.

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