Schriftsteller Nikos Dimou: "Tsipras verkörpert die Hoffnung auf Veränderung"

InterviewSchriftsteller Nikos Dimou: "Tsipras verkörpert die Hoffnung auf Veränderung"

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Denker und Zweifler.
Dimou, 79, ist griechischer Philosoph und Autor des Buchs „Vom Unglück, ein Grieche zu sein“, das 2012 auf Deutsch erschienen ist.

von Silke Wettach

Der griechische Schriftsteller und Philosoph Nikos Dimou über das Feindbild Deutschland, die Gefahr eines Gottesstaats und das verheerende Verschwinden der politischen Mitte.

WirtschaftsWoche Online: Herr Dimou, hat der griechische Premier Antonis Samaras bei der Wahl noch irgendeine Chance?
Dimou: Ich gehe davon aus, dass Alexis Tsipras gewinnen wird. Er hofft ja auf eine absolute Mehrheit für seine Syriza. Falls er die nicht erreicht, setzt er auf eine Koalition mit ANEL, den „unabhängigen Griechen“. Seine ultralinke Partei würde dann mit einer ultrarechten zusammenarbeiten, eine absurde Konstellation. Die beiden verbindet ihr großer Hass auf die mit der Troika vereinbarten Reformabkommen. Viele Griechen machen diese Vereinbarungen für die Krise verantwortlich, statt zu begreifen, dass sie eine Folge, eine Konsequenz der Krise waren. Sie glauben, würden diese Abkommen abgeschafft, werde alles wieder beim Alten sein.

Wo sich die Schuldensünder der Euro-Zone verbessert haben

  • Staatshaushalt konsolidiert

    Haushaltsdefizit (Anteil am Bruttoinlandsprodukt ohne Bankenhilfe)

    Griechenland

    2009: -15,7 % 2013: -2,1 %

    Portugal

    2009: -10,2 % 2013: -4,5 %

    Spanien

    2009: -11,1% 2013: -6,6 %

    Irland

    2009: -12,4 % 2013: -6,7 %

    Eurozone

    2009: -6,4 % 2013: -3,0 %

  • Leistungsbilanzdefizit nahezu verschwunden

    Leistungsbilanzdefizit*

    Die Exporte von Portugal (+37 %) und Spanien (+35%) haben zwischen 2009 und 2013 schneller zugelegt als in Deutschland (+33%)

    Griechenland

    2009: -14,4 % 2013: -2,3 %

    Portugal

    2009: -10,8 % 2013: +0,4 %

    Spanien

    2009: -4,8 % 2013: +1,1 %

    Irland

    2009: -2,3 % 2013: +7,0 %

    Eurozone

    2009: +0,2 % 2013: +2,7 %

    (*im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt)

  • Wirtschaftswachstum kehrt langsam zurück

    Die Schuldenkrise bescherte Griechenland, Spanien, Portugal und Irland eine tiefe Rezession. In Spanien sank das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 7,5 Prozent, in Portugal um 8,5 Prozent und in Griechenland sogar um 20 Prozent. Für 2014 erwarten Analysten nach fünf Jahren endlich überall wieder Wachstum - wenn auch nur in vergleichsweise kleinem Umfang. Allerdings ist dabei auch der Abstand zwischen Peripherie und den Kernländern.

  • Wirtschaftsvertrauen

    Wirtschaftsvertrauen der EU-Kommission.

    Den Tiefpunkt erreichte die Stimmung 2009. Bei der Erhebung im April 2015 war der Wert nur noch in Griechenland leicht unterdurchschnittlich.

    Griechenland

    2009: 74,8* April 2014: 95,4

    Portugal

    2009: 75,4 April 2014: 100,6

    Spanien

    2009: 73,8 April 2014: 101,5

    Eurozone

    2009: 70,1 April 2014: 102,0

    (100 Punkte = langfristiger Durchschnitt; keine Werte für Irland)

  • Lohnstückkost nivelliert

    In den ersten Jahren nach der Euro-Einführung haben die Peripherieländer ihre Lohnstückkosten deutlich gesteigert. Seit 2010 gab es einen deutlichen Richtungswechsel. Nach den Berechnungen des Anleihenmanagers Bantleon ist der zuvor aufgebaute Wettbewerbsnachteil durch hohe Lohnstückkosten inzwischen verschwunden

    Entwicklung der Lohnstückkosten seit Anfang 2009:

    Griechenland -15,0 %

    Portugal -6,6 %

    Spanien -7,6 %

    Irland -13,0 %

    Eurozone +3,0 %

  • Strukturreformen zeigen Wirkung

    Auch wenn es in der Öffentlichkeit oft so ankommt, als würden würden die Krisenländer in der Euro-Peripherie sich mit der Umsteuerung schwertun, so wurden doch weitreichende Reformen am Arbeitsmarkt, in den Renten- und Steuersystemen sowie Verwaltungen vorgenommen. Das etwa der Arbeitsmarkt flexibler geworden ist, belegt der Employment Protection Index der OECD. Je niedriger sein Wert, um geringer die Regulierung am Arbeitsmarkt durch Kündigungsschutz, Abfindungszahlungen, Probezeiten, etc.) Bis auf Irland habe sich alle Krisenländer verbessert.

    Griechenland

    2008: 2,9 2013: 2,4

    Portugal

    2008: 3,5 2013: 2,7

    Spanien

    2008: 2,7 2013: 2,3

    Irland

    2008: 2,0 2013: 2,1

    Eurozone

    2008: 2,4 2013: 2,3

Tsipras hat das ja oft genug suggeriert...
...und damit den Eindruck erweckt, er werde auf eine völlig neue Art mit den Geldgebern verhandeln und nur mit Angela Merkel persönlich sprechen, statt mit den Beamten aus der EU-Kommission und dem Internationalen Währungsfonds. Insgesamt ist er aber schon viel sanfter geworden. Er spricht nicht mehr davon, dass er als neuer Regierungschef binnen 24 Stunden alle 4000 Entscheidungen annullieren würde, die seit 2010 auf Druck der Troika getroffen worden sind.

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Keiner merkt, dass die versprochenen Wohltaten nicht zu finanzieren sind?
Nach einer so langen Zeit der Demütigung und Depression greifen die Leute nach jeder Hoffnung. Die Parteien, die bisher regiert haben, sind furchtbar verbraucht. Ich kenne niemand, der die Nea Dimokratia wählt, weil er ein enthusiastischer Anhänger von Samaras wäre. Die Leute wählen die Nea Dimokratia aus purer Angst, weil sie sicherer scheint als die Alternative.

Was begeistert die Menschen an Tsipras?
Er hat etwas, das keiner seiner Konkurrenten hat: Charisma. Außerdem ist er jung, es gab in Griechenland nie einen so jungen Politiker, der die Chance hat, Ministerpräsident zu werden. Die anderen waren meist über 60. Und Tsipras verkörpert die Hoffnung auf Veränderung. Die Leute wissen ganz genau, was sie erwartet, wenn die Situation so wie heute bleibt. Das wollen sie nicht.

Blenden die Menschen aus, dass sich die Lage verschlechtern könnte?
Ich höre sehr oft den Satz: Schlimmer als jetzt kann es nicht mehr werden. Das ist natürlich falsch, denn es kann viel schlimmer kommen. Wenn wir den Euro gegen eine Drachme tauschen, die alle paar Wochen an Wert verliert, dann werden Importe unbezahlbar. Wir werden kaum Benzin haben und selbst kein Brot, denn wir importieren einen großen Teil des Getreides. Vielen ist nicht bewusst, dass wir eine Krise haben, weil wir zu wenig produzieren und exportieren. 80 Prozent der Summe, die wir jetzt den internationalen Gläubigern schulden, gehen darauf zurück, dass wir unsere Importe nicht bezahlen konnten.

Griechenlands Schwächen

  • Schlechtes Image

    Griechenlands Ruf hat in der Euro-Krise arg gelitten. Nur zwei der 60 getesteten Staaten haben ein schlechteres Image als der Pleitestaat. Die Folge: Investoren meiden das Land, die Kreditwürdigkeit ist mies.

  • Unfähige Regierung

    Nur 5,7 Prozent der gefragten Experten bescheinigten Griechenland, eine kompetente Regierung zu haben. In der Tat hat es Athen nicht geschafft, die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen (Rang 60), für Wachstum zu sorgen (Rang 60) und die öffentlichen Finanzen auf Vordermann zu bringen.

  • Wenig Förderung

    Auch bei der Bildung und Weiterbildung der Bürger hat Griechenland großen Nachholbedarf. Fortbildung von Angestellten gibt es quasi nicht (Platz 58), auch die Qualität der Universitäten ist schlecht (Rang 51). Demzufolge gibt es auch wenige Forscher und Wissenschaftler (Rang 49). Besser schneidet der Krisenstaat bei der Frühförderung ab: Es gibt eine Vielzahl von Lehrern, die Klassen sind sehr klein (Rang 2).

Tsipras hat angekündigt, gegen Oligarchen vorzugehen und alte Strukturen aufzubrechen. Wie glaubwürdig ist das?
Es gibt in Griechenland ungefähr zehn Oligarchen mit großem Einfluss. Wenn er glaubt, deren Vermögen konfiszieren zu können, um das Geld der Reichen an die Armen zu verteilen, dann ist es die klassische kommunistische Illusion.

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