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Schuldenberg voraus: Warum die „Euro-Rettung“ in die Katastrophe führt

von Malte Heynen

In den schwachen Euro-Staaten tickt eine Zeitbombe. Sie ist viel gefährlicher als die Politiker zugeben. Die sogenannte „Euro-Rettung“ wird diese Bombe nicht entschärfen. Die „Retter“ erreichen nur, dass die Bombe noch einige Monate länger tickt – und die Explosion schließlich umso gefährlicher wird. Ein Gastbeitrag.

Rettungsschirme und immer höhere Kredite suggerieren ein falsches Bild der Sicherheit. Dabei wird ein Absturz Europas immer wahrscheinlicher Quelle: dapd
Rettungsschirme und immer höhere Kredite suggerieren ein falsches Bild der Sicherheit. Dabei wird ein Absturz Europas immer wahrscheinlicher Quelle: dapd

Die Illusion beginnt bereits in den Schlagzeilen: Von „Rettungsschirmen“ und „Brandmauern“ lesen wir dort täglich. Diese Worte suggerieren: Europa schützt sich immer besser gegen die drohende Wirtschaftskrise. Denn mit jeder neuen Milliarde müssten ja eigentlich die „Brandmauern“ höher und die „Rettungsschirme“ stabiler werden.

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In Wirklichkeit wird es von Tag zu Tag wahrscheinlicher, dass Europa in den Abgrund stürzt – trotz immer neuer „Rettungsmilliarden.“

Die „Euro-Retter“ machen nämlich einen folgenschweren Denkfehler. Sie glauben, Griechenland, Spanien, Portugal und Irland seien nur ein wenig überschuldet. Daher könne man diesen Ländern mit Überbrückungs-Krediten helfen. In Zukunft könnten sie ihre Schulden wieder aus eigener Kraft zurückzahlen, weil ihre Wirtschaft kräftig wachsen werde, während sie gleichzeitig strikt sparen.

Dieses Szenario ist geradezu naiv. Denn Griechenland und viele weitere Akteure sind massiv überschuldet. Selbst wenn sie Musterschüler wären (wovon sie weit entfernt sind): Die drückende Schuldenlast macht alle Anstrengungen zunichte. Und auch der bravste Musterschüler könnte es niemals schaffen, massiv zu sparen, während er gleichzeitig seine Wirtschaft ankurbelt und auch noch Milliardenlöcher im Bankensystem stopft.

Gastautor Malte Heynen ist Absolvent der Deutschen Journalistenschule und der Universität München. Er war unter anderem mehrere Jahre Chefreporter der Fernsehsendung "Galileo“. Seit 2006 arbeitet er als freier Journalist und als Coach für Medienschaffende.
Gastautor Malte Heynen ist Absolvent der Deutschen Journalistenschule und der Universität München. Er war unter anderem mehrere Jahre Chefreporter der Fernsehsendung "Galileo“. Seit 2006 arbeitet er als freier Journalist und als Coach für Medienschaffende.

Der Fall Griechenland

Beginnen wir mit dem Beispiel Griechenland: Nach langem Ringen haben die Gläubiger des Landes im März 2012 auf einen Teil ihrer Forderungen verzichtet. Vor der Aktion hatte Griechenland Schulden in Höhe von 170 Prozent seiner Wirtschaftsleistung (BIP). Danach, so wurde verkündet, könnten die Staatsschulden auf 120 Prozent des BIP sinken. Das wäre immer noch viel mehr, als das ineffiziente Griechenland tragen kann (zum Vergleich: Deutschland hat Staatsschulden von rund 80 Prozent des BIP). Vor allem aber sind die 120 Prozent lediglich eine Schätzung des Internationalen Währungsfonds (IWF) für das Jahr 2020. In Wirklichkeit wird Griechenland in den nächsten Jahren immer noch Staatsschulden von weit mehr als 160 Prozent mit sich herumschleppen. Und nur unter optimistischen Annahmen wird diese Schuldenlast überhaupt kleiner werden.

„Geuro“ und „Neue Drachme“: Chancen und Risiken einer Zweitwährung für Griechenland

  • Wie soll der „Geuro“ funktionieren?

    In seinem Modell geht Deutsche-Bank-Ökonom Mayer davon aus, dass der griechischen Regierung das Geld ausgeht, die internationalen Geldgeber aber weiterhin für die Schulden des Landes geradestehen und den Bankensektor stützen. In diesem Fall könnte Athen Staatsangestellten wie etwa Polizisten Schuldscheine geben, statt sie nicht zu bezahlen. Der Beamte könne diese Schuldscheine (Geuro) gegen Euro tauschen.

  • Was bringt eine Parallelwährung?

    Allmählich würde eine Zweitwährung entstehen, deren Kurs zum Euro sinkt. In der Folge könnten griechische Exporteure ihre Preise in Euro senken und so wieder besser ins Geschäft mit Partnern im Ausland kommen. Die Ökonomen Lucke/Neumann erklären: „Unser Vorschlag, die ND als eine zweite, gleichberechtigte Landeswährung einzuführen, soll es Griechenland erleichtern, durch einen Kurs größerer Flexibilität den wirtschaftlichen Wiederaufstieg zu erreichen. Aber es geht auch um den politisch-psychologischen Aspekt, dem Land die Rückkehr zur vollen Mitgliedschaft in der Euro-Union sichtbar offenzuhalten.“

  • Würden so die Probleme der griechischen Wirtschaft gelöst?

    Wohl kaum. Die griechische Wirtschaft hat ein strukturelles Problem: Das Land lebt vor allem vom Tourismus und Waren wie Oliven, Feta und Wein. „Griechenland fehlen hochwertige, international wettbewerbsfähige Beschäftigungsstrukturen“, urteilten Ökonomen des Instituts für Weltwirtschaft (IfW/Kiel) in einer Anfang 2012 veröffentlichten Studie. Im Vergleich zu anderen Euro-Sorgenländern wie Portugal und Spanien sei Griechenland „seit jeher ausgesprochen schwach industrialisiert“.

  • Wo liegen die Risiken einer Parallelwährung?

    Ein griechischer Sonderweg könnte ein fatales Signal an andere Wackelkandidaten senden. Die Sorge ist groß, dass die Bereitschaft zu Reformen in den Ländern sinkt, sobald der Druck nachlässt. Viele Experten sehen die Gefahr, dass die Tage der Europäischen Währungsunion (EWU) dann gezählt sind. „Der einzige momentan vorstellbare Weg, auf dem die EWU mit allen Mitgliedern fortbestehen kann, scheint uns in einer zeitlichen Streckung der Konsolidierungsvorgaben zu liegen - ohne Aufgabe ihrer absoluten Verbindlichkeit, die auch von den Problemländern ohne Wenn und Aber anerkannt werden müsste“, analysiert die DZ Bank.

  • Darf Griechenland überhaupt einfach eine neue Währung einführen?

    Helmut Siekmann, Professur für Geld-, Währungs- und Notenbankrecht an der Universität Frankfurt und Direktor des Institute for Monetary and Financial Stability (IMFS) betont: „Alle Verbindlichkeiten auch innerhalb Griechenlands sind in Euro zu begleichen, nicht in einer neuen Kunstwährung.“ Selbst neue Forderungen könnten nicht ohne Rechtsbruch auf eine andere Währung als den Euro lauten: „Griechenland hat die Währungshoheit an die EU abgetreten. Das Land kann legal keine neue Währung einführen.“ Privatpersonen, Unternehmen und Investoren im In- und Ausland wären an eine illegal eingeführte Währung nicht gebunden. Der Vorschlag sei insofern sehr kurz gedacht, sagt Siekmann: „Wenn man diese Konsequenzen bedenkt, sehe ich keinen großen Fortschritt außer vielleicht etwas Zeitgewinn.“

  • Gibt es Beispiele für derartige Parallelwährungen?

    De facto habe es in erheblichem Umfang im Sozialismus westliche Währungen als Parallelwährungen gegeben, zum Teil sogar offiziell anerkannt, sagt Ökonom Siekmann. Auch kleinere Länder hätten fremde Währungen ohne formelle Absprache übernommen, etwa Balkanstaaten den Euro. In Zeiten der Hyperinflation habe man immer wieder wie 1923 in Deutschland auch mit US-Dollar bezahlen können. Und immer wenn Kalifornien in Zahlungsschwierigkeiten geriet, wurden dort Schuldscheine ausgegeben.

Für optimistische Annahmen jedoch besteht kein Anlass: Griechenland steckt in einer gewaltigen Abwärtsspirale. Die Arbeitslosigkeit ist soeben auf 25 Prozent gestiegen. Und seit 2008 ist die Wirtschaftsleistung des Landes bereits um fast 20 Prozent zurückgegangen – genauso stark wie im Deutschen Reich während der Weltwirtschaftskrise ab 1929. Fortschritte? Die griechische Steuerverwaltung ist immer noch so marode, dass selbst Millionäre das Finanzamt weitgehend ignorieren. Griechenland ist ein gescheiterter Staat. Wird Athen in einigen Jahren in der Lage sein, Schulden von 160 Prozent des BIP zu bedienen? Nein. Wer bedient tatsächlich die griechischen Schulden? Vor allem Deutschland. Einen großen Teil unserer Hilfskredite überweist die griechische Regierung sofort weiter an ihre Gläubiger.

Spaniens Immobilienblase wächst

Während Griechenland schon mitten in der Abwärtsspirale steckt, hat sie in Spanien gerade erst begonnen. Dort sind die größte Gefahr nicht einmal die Staatsschulden. Noch gefährlicher ist die Überschuldung der Banken, Haushalte und Unternehmen. Allein die spanischen Haushalte haben ihre Verschuldung seit 1980 mehr als verdreifacht, von 24 auf 91 Prozent der Wirtschaftsleistung. Der Grund: die leichtfertige Vergabe von Immobilienkrediten. Dadurch haben die Banken die Immobilienblase in Spanien noch stärker aufgepumpt als in den USA. Jetzt steht Spanien kurz vor dem Crash: Immer mehr Schuldner rutschen in die Pleite. Bei den Banken drohen Kreditausfälle in gewaltigem Umfang. Allein die ausstehenden Immobilienkredite haben ein Volumen von 1000 Milliarden Euro. Es ist ein schlechter Witz, wenn die Spanier behaupten, ihre Banken bräuchten höchstens Notfallhilfen von 62 Milliarden Euro.

29 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 14.11.2012, 13:42 UhrMehr_Leistung

    Die Analyse ist einseitig korrekt, aber journalistische Schwarzmalerei. Es kann so kommen, muss es aber nicht! Es wäre zu viel von einem einzelnen Menschen verlangt, wenn er dieses komplexe Problem von Schulden lösen soll. Einfacher ist es, sich einen Aspekt herauszugreifen und diesen dann als Generalpeitsche zu benutzen. Genauso bringt es nichts, sich hinzustellen und auf die Katastrophe zu warten. Die Wartezeit sollten wir nutzen, um breit und tiefgründig (ja, das schließst sich nicht gegenseitig aus, obwohl Jauch, Illner und Co dies immer zu widerlegen versuchen) zu analysieren.
    Fest steht: Des einen Schulden sind des anderen Gewinne. Geld geht (mit Ausnahme normaler Zerstörung) nicht verloren! Steht diesem Geld kein realer Wert gegenüber, verliert es an Wert. Diese Werte einfach abzuschreiben - wie es der Autor verlangt - ist einfach, die Konsequenzen aber nicht überschaubar. Ein besserer Weg ist es, diese Schulden bedienbar zu machen, was im Umkehrschluss bedeuted, dass die Wirtschaft des Landes mehr erwirtschaften muss. Abschreiben heißt erlösen und Erlösung reduziert den Druck. Druck bringt jedoch Reformen voran und dies ist momentan das Gebot der Stunde. Nur wenn dem Berg an Schulden neue Werte gegenübergestellt werden, kann das Schuldenproblem gelöst werden. Abschreibungen vermindert die Wertseite, doch die Geldmenge bleibt m.E. die gleiche, womit Inflation die Wertdiskrepanz ausgleichen muss. Dies ist eine schleichende Enteignung, die auf lange Sicht den größten sozialen Sprengstoff darstellt.

  • 12.11.2012, 12:18 Uhrjumbing

    Ich stimme jedem Ihrer Worte uneingeschränkt zu.

  • 24.10.2012, 21:22 Uhrcashca

    Schuldenberg voraus: Warum die „Euro-Rettung“ in die Katastrophe führt--
    ----
    Diese Erkenntis kommt leider zuspät. Das Ding ist gelaufen, mit allen Konsequenzen, die wir dadurch zu tragen haben.
    Es wird eine verdammt bittere Pille , die wir schlucken müssen.
    Warum haben bloß alle Verantwortlichen solange die wahren Entwicklungen nicht sehen wollen -oder nicht erkannt--warum haben die Mitverantwortlichen -Presse -Medien--das solange verdrängt, verschwiegen? Alles war klar erkennbar, was kommt.Jetzt kommt die Rechnung und zwar für uns alle. Politker-Bürger- und alle freiwilligen Helfershelfer.

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