InterviewSchuldenkrise: "Die Euro-Zone wird in dieser Form keinen Bestand haben"

09. September 2013
Raus mit dem Griechenland-Euro aus der Währungsunion? Frank Schäffler und Max Otte plädieren für eine "atmungsaktive Euro-Zone", die Austritte aus dem Euro-Verbund möglich macht. Quelle: Marcel Stahn für WirtschaftsWocheBild vergrößern
Raus mit dem Griechenland-Euro aus der Währungsunion? Frank Schäffler und Max Otte plädieren für eine "atmungsaktive Euro-Zone", die Austritte aus dem Euro-Verbund möglich macht. Quelle: Marcel Stahn für WirtschaftsWoche
von Tim Rahmann

Euro-Kritiker Frank Schäffler (FDP) und Vermögensverwalter Max Otte fordern den Euro-Austritt Griechenlands und ein Ende der Rettungspolitik zu Lasten der Sparer. Zudem verrät Otte, warum jetzt ein günstiger Zeitpunkt zum Goldkauf ist.

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WirtschaftsWoche Online: Herr Schäffler, Sie kommentieren die Entwicklungen in der Euro-Zone oft mit einem ironischen „Alles wird gut“. Müssen sie den ironischen Unterton bald weglassen, schließlich gibt es erste Erfolgsmeldungen aus Griechenland?

Frank Schäffler Quelle: dapd
FDP-Politiker Schäffler Quelle: dapd

Frank Schäffler: Ich würde mich freuen, wenn es Griechenland bald wieder besser gehen würde. Aber das sehe ich überhaupt nicht. Was für Erfolgsmeldungen gibt es denn? Griechenland behauptet, Ende des Jahres wieder einen ausgeglichen Primärhaushalt vorweisen zu können. Ob das tatsächlich der Fall ist, wird man sehen. Ich bin mir da nicht so sicher. Doch selbst wenn dem so ist, ist das längst keine Trendwende. Denn die Kosten für die  Zinszahlungen, sowie die Etats von Kommunen, Regionen und Sozialversicherung werden im Primärhaushalt nicht berücksichtigt. Unterm Strich steigen die Schulden des Landes weiter, bis zum Ende des Jahres auf über 170 Prozent der Wirtschaftsleistung. Diese Last kann Griechenland niemals tragen. Hinzu kommt: Die Wirtschaft schrumpft ununterbrochen weiter – und auch die Hilfsgelder aus dem zweiten Rettungspaket werden aller Voraussicht nach nicht reichen.

Herr Otte, schafft Griechenland die Wende – oder droht das Land zu scheitern?

Wirtschaftsprofessor Max Otte Quelle: dpa
Vermögensverwalter Otte Quelle: dpa

Max Otte: Griechenland droht nicht zu scheitern, es ist längst gescheitert. Die Wirtschaftsleistung des Landes ist seit dem Ausbruch der Krise um 25 Prozent zurückgegangen. Die Mittelschicht verarmt. In Thessaloniki bringen Eltern zum Teil ihre Kinder ins Waisenhaus weil sie sie nicht mehr ernähren können. Es ist ein Drama, was in dem Land passiert.

Frank Schäffler: Genau deswegen müssen wir Griechenland die Chance für einen Neuanfang geben. Wenn die Wirtschaft in einem Land wegbricht und keiner mehr investiert, dann können sie den Niedergang durch Transferzahlungen verlangsamen. Aber die Mittel, die nötig sind, werden sie auf Dauer nicht stemmen können. Wir brauchen eine atmungsaktive Währungsunion. Wenn ein Teil der Länder um einen zweistelligen Bereich schrumpft, während wirtschaftlich starke Nationen wachsen, wird der Spannungsbogen immer größer. Das wird man auf Dauer nicht ausgleichen können.

Zu den Personen

  • Max Otte

    Max Otte ist Professor für Betriebswirtschaftslehre. Der 48-Jährige prognostizierte in seinem Buch „Der Crash kommt“ im Sommer 2006 die internationale Finanzkrise. Otte studierte unter anderem in Princeton beim heutigen Fed-Chef Ben Bernanke. Neben seiner Tätigkeit als BWL-Dozent ist Otte als Vermögensverwalter tätig.

  • Frank Schäffler

    Frank Schäffler ist FDP-Bundestagsabgeordneter aus Bünde. Der 45-jährige Finanzexperte ist gelernter Betriebswirt und arbeitete bis 2010 als selbständiger Finanzberater. Er stellte sich gegen den Europäischen Stabilitäts-Mechanismus (ESM) und versuchte auf dem Parteitag der FDP 2011, eine Mehrheit gegen den Rettungsfonds zu mobilisieren. Dieser Versuch scheiterte.

Max Otte: Hinzu kommt: Die ganzen Rettungsmilliarden der Euro-Partner haben den Menschen in Griechenland überhaupt nichts gebracht. Die griechischen Staatsschulden lagen zu Beginn der Euro-Krise zum Großteil im eigenen Land. Als der Staat kurz davor war, seine Schulden nicht mehr bedienen zu können, kamen die Banken, der größte Geldgeber der Regierung, ins Wanken. Doch wem gehören die Banken? Den zehn großen, milliardenschweren Familien, die in Griechenland seit Jahrzehnten das Sagen haben. Mit dem ersten Rettungspaket für Griechenland wurde nicht das Land gerettet, sondern die Besitzer der Banken, also: die großen Dynastien. Wer wirklich den Menschen vor Ort helfen will, der muss für einen Euro-Austritt des Landes sein. Nur so gibt es die Chance, per Abwertung die Wettbewerbsfähigkeit zu steigern, Investoren anzuwerben und die Menschen wieder in Arbeit zu bekommen.

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Kommentare | 40Alle Kommentare
  • 09.09.2013, 07:23 UhrNealmerlin

    Genau die gleiche und richtige Richtung der AfD! Also auch schon einmal alles von den sog. "Euro-Hassern" zu Genüge gehört.

    Na, Herr Scheffler, vielleicht doch lieber ein Wechsel zur AfD? Ich würde es gut finden! Die FDP wird ohnehin Schwierigkeiten bekommen in den Bundestag wieder einzuziehen, im Gegensatz zur AfD! ... Nein, ich hoffe, dass die AfD in den Bundestag einziehen wird.

  • 09.09.2013, 07:38 UhrWegweiser

    Die ökonomischen Ungleichgewichte, resultierend aus völlig verschiedenen ökonomischen und technologischen Leistungs- und Wettbewerbsfähigkeiten, wurden vor der Euroeinführung durch den zeitnahen, marktkonformen und flexiblen Wechselkurs der eigenen Währung an- bzw. ausgeglichen. Mit der Gleichung ein deutscher Euro gleich jedem anderen Eurolandeuro fiel dieser Mechanismus als automatisches Marktsteuerungskorrektiv weg. Mit katastrophalen Folgen für unserer eigenes Land und dies schon mit dem Start dieser neuen multinationalen Einheitswährung.

    Reale Kapitalbeschaffungskosten für Unternehmen, staatliche Investitionsquote, die hohen Kapitalexporte aus Deutschland, die Vermögens- und Einkommensentwicklungen in Deutschland selbst, hinzu kommen nunmehr die Risiken zur Erhaltung dieses dysfunktionalen und fragmentierten Währungs- und Wirtschaftsgebietes. Die EZB-Politik dient nur noch dem bedingungslosen Erhalt dieser Währungszone (Weber/Stark), der Bankensektor der Südzone ist angeschlagen, deren realer Abwertungsbedarf inklusive Frankreichs liegt zwischen 20 und 45%, Finnland, Österreich, die Niederlande und wir selbst haben einen Aufwertungsbedarf.

    Der Weg in die vollkommene und totale Weichwährungs-, Vollhaftungs-, Dauertransfer- und Hyperverschuldungsunion ist so gut vorgezeichnet, mit breitester Unterstützung aus Berlin.

    Wir befinden uns auf einem guten Weg, der Euro ist alternativlos, Deutschland hat nur vom Euro profitiert, kein Staat haftet oder bürgt für die Schulden anderer Eurostaaten, eine Überschuldung von Eurostaaten wird durch die Maastrichter Verträger wirksam verhindert, die Hilfen laufen aus, das haben wir fest vereinbart, das Wohl der gesamten Eurozone hängt ab von dem permanenten Verzicht des kranken Mann Europas (siehe Leistungsbilanzüberschüsse von 1999 bis heute, hohe Kapitalexporte gen Süden, staatliche Investitionsquote, EZB-Vermögensbericht Infrastruktur etc.).

    Und am 22. September ist Bundestagswahl!

  • 09.09.2013, 08:15 UhrAugias

    Die ökonomischen Ungleichgewichte, resultierend aus völlig verschiedenen ökonomischen und technologischen Leistungs- und Wettbewerbsfähigkeiten, wurden vor der Euroeinführung durch den zeitnahen, marktkonformen und flexiblen Wechselkurs der eigenen Währung an- bzw. ausgeglichen.
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    Ja, das ist ja nun schon hinlänglich bekannt - und deshalb gehören obszöne Schuldenmacher wie Griechenland, die sich den Euro-Beitritt auch noch durch Betrug - also in krimineller Absicht! - erschlichen haben, mit Stumpf und Stiel aus der Euro-Zone entfernt.

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