Schuldenkrise: "Ein Durchwursteln in der Euro-Krise geht nicht mehr lange gut"

InterviewSchuldenkrise: "Ein Durchwursteln in der Euro-Krise geht nicht mehr lange gut"

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Christopher Pissarides hat 2010 den Nobelpreis für Wirtschaft erhalten und spricht sich für einen Mindestlohn in Maßen aus

von Silke Wettach

Der Ökonomie-Nobelpreisträger von 2010, Christopher Pissarides, hält ein Ende des Euro für möglich und empfiehlt mehr Flexibilität auf den Arbeitsmärkten der Krisenländer.

WirtschaftsWoche: Herr Pissarides, die Wirtschaft in den Ländern der Euro-Zone wächst wieder. Ist die Krise damit vorbei?

Pissarides: Nein. Mittlerweile werden die Defizite in der Euro-Konstruktion immer offensichtlicher. Die Organisation der Europäischen Zentralbank (EZB) ist falsch, wir hätten zum Beispiel von Anfang an eine gemeinsame Bankenaufsicht gebraucht. Nötig sind unter anderem eine Bankenunion und eine bessere finanzpolitische Abstimmung in der Euro-Zone. Ein Durchwursteln wie bisher, das geht nicht mehr lange gut. Wenn die Politik zu Reformen nicht bereit ist, sollten wir darüber nachdenken, den Euro wieder abzuschaffen.

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Sie halten die Abschaffung des Euro wirklich für eine realistische Option?

Durchaus. Zuerst müsste man in jedem Land eine Parallelwährung einführen und nach und nach einen Übergang von der gemeinsamen zur eigenen Währung gewährleisten. Diese würde dann noch für eine recht lange Zeit zirkulieren. Wechselkursschwankungen zwischen den beiden Parallelwährungen dürfte die Geldpolitik dabei nur in beschränktem Ausmaß erlauben.

Zur Person

  • Christopher Pissarides

    Pissarides, 65, ist Ökonomieprofessor an der London School of Economics (LSE). Der in Zypern geborene Experte für Wachstumstheorie und Arbeitsmärkte erhielt 2010 den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften.

Wie hoch wären die Kosten, wenn der Euro tatsächlich scheitert?

Hoch, vor allem politisch. Ein Ende des Euro wäre eine große Niederlage für die Europäische Union. Allerdings: Auch der jetzige Kurs verursacht hohe Kosten – weil wir Austerität erzwingen.

Wollen Sie, dass ohnehin überschuldete Staaten weiter ungehemmt neue Schulden machen? Wie soll das denn funktionieren?

Ich plädiere für Schuldenschnitte, so wie wir sie bei manchen Schwellenländern und in Griechenland gesehen haben. Für eine Schuldenkrise ist ja nicht nur derjenige verantwortlich, der sich Geld leiht – sondern auch derjenige, der immer weiter Geld verleiht. Da sollte man am Ende die Lasten teilen und ein neues Kapitel aufschlagen.

Mit Verlaub: Wer soll diesen Ländern anschließend noch Geld leihen?

Investoren werden auch diese Länder finanzieren, wenn sie überzeugt sind, dass es sich bei dem Haircut um ein einmaliges Ereignis handelt. Daher muss bei einem Schuldenschnitt nicht nur ein bisschen, sondern ein substanzieller Teil der Schuld erlassen werden. Wenn eine gemeinsame Bankenaufsicht durch die Europäische Zentralbank und eine verstärkte Fiskalkooperation hinzukommen, werden Investoren die Anleihen dieser Staaten wieder kaufen.

Griechenlands Baustellen 2013

  • Haushaltskonsolidierung

    Griechenland muss gemäß dem neuen Sparprogramm den Staatshaushalt um 13,5 Milliarden Euro bis Ende 2014 entlasten. Weitere 3,4 Milliarden Euro sollen anschließend bis 2016 eingespart werden. Das Programm sieht vor, Renten und Löhne zu kürzen, das Rentenalter auf 67 Jahre anzuheben und Staatsbedienstete zu entlassen. Nur so wird Athen die Voraussetzungen für weitere Hilfszahlungen erfüllen können.

    Das Ziel der Troika (EU, IWF, EZB) ist es, den Schuldenstand des Landes auf 120 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu drücken. Doch davon ist Athen nach wie vor weit entfernt: Die Verbindlichkeiten des Landes belaufen sich auf über 165 Prozent des BIP. 2022 soll Griechenland dieses Ziel erreichen – zwei Jahre mehr, als ursprünglich von der Troika geplant. Doch 2013 dürfte es weiter schwierig für das schuldengeplagte Land werden. Allein, weil die Wirtschaft wohl zwischen 4,2 bis 4,5 Prozent schrumpfen wird.

  • Kampf dem Steuerbetrug

    Die CD, mit Namen von 2000 Griechen mit Schweizer Geldkonten, die zwei Jahre lang verschwand und nun den sozialistischen Ex-Finanzminister Giorgos Papakonstantinou hinter Gitter bringen könnte, zeigt: Griechenland muss den Steuerbetrug konsequenter angehen. Das sieht auch eine Mehrheit der griechischen Bevölkerung so. 68 Prozent kritisierten in einer Umfrage der Tageszeitung "To Vima", dass ihre Regierung den Steuerbetrug nicht konsequent bekämpft.

  • Privatisierung

    Die Regierung in Athen muss die Privatisierung von Staatsbesitz weiter vorantreiben. Im vergangenen Jahr hatte der Hellenic Republic Asset Development Fund (HRADF), die Privatisierungsanstalt des griechischen Staates, zahlreiche Vorhaben auf dem Weg gebracht. Doch nur eine Handvoll von Projekten sind tatsächlich über die Bühne gegangen. Was noch zu privatisieren ist: Flughäfen, Regierungsgebäude, maritime Häfen, die staatliche Pferderenn Wetten-Gesellschaft.

  • Neugliederung der Verwaltung

    Die Zahl der Angestellten im öffentlichen Dienst wird 2013 weiter abnehmen. Insgesamt sollen bis Ende des Jahres 25.000 Arbeiter weniger für den Staat arbeiten. Zahlreiche Organisationseinheiten und Behörden müssen fusionieren oder geschlossen werden.

Im Fall Griechenland hat die Politik auch beteuert, der erste Schuldenschnitt sei ein einmaliges Ereignis. Und nun gilt unter Experten ein zweiter Schnitt als nahezu sicher...

...weil der erste nicht groß genug ausgefallen ist. Und niemand hat damit gerechnet, dass der Einbruch des griechischen Bruttoinlandsprodukts so stark sein würde.

Wie sollte die von Ihnen angemahnte Fiskalkooperation genau aussehen?

Die EU-Kommission sollte über eine unabhängige Agentur die Finanzpolitik in allen Staaten der Euro-Zone kontrollieren. Sie sollte eigene Vorhersagen machen und bei den nationalen Regierungen hinterfragen, warum diese bestimmte Dinge tun.

Aber wir erleben doch jetzt schon, dass sich die Nationalstaaten aus Brüssel keine Vorschriften machen lassen wollen – geschweige denn, dass sie Kompetenzen in der Haushaltsführung abgeben wollen.

Ja, das höre auch ich aus der Kommission. Die Krisenstaaten, die derzeit europäische Hilfen bekommen, akzeptieren allerdings die Überwachung ihrer Haushalte.

Sie haben 2010 für Ihre Arbeitsmarktforschung den Ökonomie-Nobelpreis erhalten. Was raten Sie angesichts der Rekordarbeitslosigkeit in vielen EU-Staaten?

Die wichtigste Regel lautet: Arbeitsmärkte müssen flexibel sein. Die Betriebe müssen neue Mitarbeiter ohne große Bürokratie einstellen können – und jemanden auch ohne großen Aufwand wieder entlassen können. Ebenso wichtig sind flexible Arbeitszeiten und keine übertrieben starren Jobbeschreibungen in den Arbeitsverträgen. Im zypriotischen Gastgewerbe etwa haben die Gewerkschaften lange auf extrem genaue und starre Jobbeschreibungen gepocht. Ein Barkeeper serviert Drinks an der Bar und darf maximal an den Tischen in der Bar bedienen. Wenn der Hotelbesitzer den Mitarbeiter aber im Restaurant einsetzen will, kann der sich darauf berufen, dass er kein Kellner ist. Ich höre, dass diese Regel gerade geändert worden ist...

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