Schuldenkrise: Muss Deutschland mehr Schulden machen?

kolumneSchuldenkrise: Muss Deutschland mehr Schulden machen?

Kolumne

Die Wirtschaft in den Euro-Ländern gewinnt nur langsam an Fahrt. EZB-Präsident Mario Draghi plädiert für mehr öffentliche Investitionen. Ob das funktioniert, ist fraglich.

Die faktische Übernahme einer Garantie für die Anleihen der Krisenländer durch die Europäische Zentralbank (EZB) hat dafür gesorgt, dass die Schuldenkrise im Euro-Raum an den Kapitalmärkten mittlerweile nicht mehr die Hauptrolle spielt. Dennoch prägen ihre Nachwirkungen immer noch entscheidend das wirtschaftliche Umfeld. Seit 2008 ist die konjunkturelle Erholung im Währungsraum nicht mehr richtig in Schwung gekommen.

Immerhin ist die Rezession im Euro-Raum seit rund einem Jahr überwunden, und die Wirtschaft der Euro-Länder weist - wenn auch nur minimale – positive Wachstumsraten auf. Insgesamt betrachtet liegt das Bruttoinlandsprodukt immer noch um rund zwei Prozent niedriger als vor sechs Jahren. Die wirtschaftlichen Folgen sind also keineswegs ausgestanden. Und aktuell machen neue geopolitische Krisen die Hoffnung zunichte, dass sich bald mehr Aufwärtsdynamik einstellt.

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Wo sich die Schuldensünder der Euro-Zone verbessert haben

  • Staatshaushalt konsolidiert

    Haushaltsdefizit (Anteil am Bruttoinlandsprodukt ohne Bankenhilfe)

    Griechenland

    2009: -15,7 % 2013: -2,1 %

    Portugal

    2009: -10,2 % 2013: -4,5 %

    Spanien

    2009: -11,1% 2013: -6,6 %

    Irland

    2009: -12,4 % 2013: -6,7 %

    Eurozone

    2009: -6,4 % 2013: -3,0 %

  • Leistungsbilanzdefizit nahezu verschwunden

    Leistungsbilanzdefizit*

    Die Exporte von Portugal (+37 %) und Spanien (+35%) haben zwischen 2009 und 2013 schneller zugelegt als in Deutschland (+33%)

    Griechenland

    2009: -14,4 % 2013: -2,3 %

    Portugal

    2009: -10,8 % 2013: +0,4 %

    Spanien

    2009: -4,8 % 2013: +1,1 %

    Irland

    2009: -2,3 % 2013: +7,0 %

    Eurozone

    2009: +0,2 % 2013: +2,7 %

    (*im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt)

  • Wirtschaftswachstum kehrt langsam zurück

    Die Schuldenkrise bescherte Griechenland, Spanien, Portugal und Irland eine tiefe Rezession. In Spanien sank das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 7,5 Prozent, in Portugal um 8,5 Prozent und in Griechenland sogar um 20 Prozent. Für 2014 erwarten Analysten nach fünf Jahren endlich überall wieder Wachstum - wenn auch nur in vergleichsweise kleinem Umfang. Allerdings ist dabei auch der Abstand zwischen Peripherie und den Kernländern.

  • Wirtschaftsvertrauen

    Wirtschaftsvertrauen der EU-Kommission.

    Den Tiefpunkt erreichte die Stimmung 2009. Bei der Erhebung im April 2015 war der Wert nur noch in Griechenland leicht unterdurchschnittlich.

    Griechenland

    2009: 74,8* April 2014: 95,4

    Portugal

    2009: 75,4 April 2014: 100,6

    Spanien

    2009: 73,8 April 2014: 101,5

    Eurozone

    2009: 70,1 April 2014: 102,0

    (100 Punkte = langfristiger Durchschnitt; keine Werte für Irland)

  • Lohnstückkost nivelliert

    In den ersten Jahren nach der Euro-Einführung haben die Peripherieländer ihre Lohnstückkosten deutlich gesteigert. Seit 2010 gab es einen deutlichen Richtungswechsel. Nach den Berechnungen des Anleihenmanagers Bantleon ist der zuvor aufgebaute Wettbewerbsnachteil durch hohe Lohnstückkosten inzwischen verschwunden

    Entwicklung der Lohnstückkosten seit Anfang 2009:

    Griechenland -15,0 %

    Portugal -6,6 %

    Spanien -7,6 %

    Irland -13,0 %

    Eurozone +3,0 %

  • Strukturreformen zeigen Wirkung

    Auch wenn es in der Öffentlichkeit oft so ankommt, als würden würden die Krisenländer in der Euro-Peripherie sich mit der Umsteuerung schwertun, so wurden doch weitreichende Reformen am Arbeitsmarkt, in den Renten- und Steuersystemen sowie Verwaltungen vorgenommen. Das etwa der Arbeitsmarkt flexibler geworden ist, belegt der Employment Protection Index der OECD. Je niedriger sein Wert, um geringer die Regulierung am Arbeitsmarkt durch Kündigungsschutz, Abfindungszahlungen, Probezeiten, etc.) Bis auf Irland habe sich alle Krisenländer verbessert.

    Griechenland

    2008: 2,9 2013: 2,4

    Portugal

    2008: 3,5 2013: 2,7

    Spanien

    2008: 2,7 2013: 2,3

    Irland

    2008: 2,0 2013: 2,1

    Eurozone

    2008: 2,4 2013: 2,3

Die sehr schleppende Erholung geht einher mit einer andauernden Unterauslastung der Produktionsmöglichkeiten. Das gilt zwar nicht für Deutschland, wo die Kapazitätsauslastung immerhin leicht über dem langjährigen Durchschnitt liegt, doch in den meisten anderen Ländern ist die Lücke umso größer. In Spanien und Portugal, aber auch in Frankreich und Italien liegen immer noch rund drei Prozent der Kapazitäten brach, in Griechenland sogar noch fast doppelt so viel.

Hinzu kommen ein Lohnanstieg, der sich in den Euro-Ländern derzeit unter zwei Prozent pro Jahr bewegt sowie sinkende Energiepreise auf dem Weltmarkt. Unter diesen Umständen kann kaum Preisdruck aufkommen. Denn die Unternehmen müssen beim Preis tendenziell Zugeständnisse machen, um in einem schwachen Markt ihren Absatz nicht zu gefährden. Diese Faktoren erklären, warum die Inflationsrate aktuell gerade einmal 0,4 Prozent beträgt. Noch tiefer lag sie lediglich 2009 einmal zum Höhepunkt der Krise. Damit ist sie weit entfernt vom Ziel der EZB, das für die Preissteigerungsrate bei "unter, aber nahe 2 Prozent" liegt.

Zinsentscheid Draghi flirtet weiter mit Kreditverbriefungen

Die EZB will den Markt für Kreditverbriefungen wiederbeleben, daran arbeitet sie unter Hochdruck. Die deutschen Inflationssorgen sind ihr dabei egal.

EZB dürfte trotz gesunkener Inflation abwarten. Quelle: dpa

In den besonders gebeutelten Ökonomien Südeuropas sinken die Verbraucherpreise sogar seit einigen Monaten. Das sollte aber nicht als Einstieg in eine gefährliche Deflationsspirale verstanden werden, sondern als vorübergehend notwendige Korrektur, die – in Verbindung mit Strukturreformen - zur Wiederherstellung der Wettbewerbsfähigkeit dieser Länder unabdingbar ist. Denn nur wenn die Kosten sinken und der Preisauftrieb unter dem wichtiger Konkurrenten liegt, kann Konkurrenzfähigkeit wiedergewonnen werden.
Die nun deutlich gesunkene Inflationsrate im Euroraum sollte bei der Europäischen Zentralbank eigentlich keine großen Bedenken hervorrufen, da die Europäische Zentralbank nur mittelfristig eine Inflationsrate von zwei Prozent anstrebt. Jedoch sind in den letzten Monaten in Folge der schleppenden wirtschaftlichen Dynamik und der zunehmende Verunsicherung der Investoren durch die geopolitischen Krisen, insbesondere in der Ukraine, die mittelfristigen Inflationserwartungen merklich gefallen.

Damit wächst die Gefahr, dass sich auch mittelfristig die Inflation auf einem sehr niedrigen Niveau bewegen wird. Dies würde sicherlich nicht im Sinne des Mandates der EZB sein.

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