Schuldenkrise: Spanien zwischen Hoffnung und Verzweiflung

Schuldenkrise: Spanien zwischen Hoffnung und Verzweiflung

von Anne Grüttner

Die Krise wirbelt das Leben der Menschen durcheinander: Berufsanfänger finden keinen Job und wandern aus – doch in der Industrie zeigen sich schon die ersten Signale einer Erholung.

Nervös, aber auch euphorisch erzählt die junge Frau von ihrem Abenteuer. In wenigen Tagen wird sie ihre Heimat verlassen, für mindestens zwei Jahre. Sie hat das noch nicht verinnerlicht, wird auch nicht mehr dazu kommen, zwischen Papierkram, Abschiedsfesten und Kofferpacken.

Cristina Mateos geht nach Ecuador, an die Technische Universität in Manabí, einer Küstenprovinz im Nordwesten des Landes. Mit der 33-jährigen Soziologin ziehen 150 weitere promovierte Spanier nach Ecuador – in ein Land, aus dem bis vor Kurzem Hunderttausende Emigranten nach Spanien strömten, um sich dort als Bauarbeiter, Kindermädchen oder Putzfrauen zu verdingen. Die Zeiten haben sich geändert.

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Auf dem alljährlichen Treffen der Pharmabranche im Madrider Messezentrum Ifema, hat Alejandro Ollé nur wenig Zeit, um seine Geschichte zu erzählen. Kunden warten auf ihn oder solche, die es werden sollen. Der 37-jährige Mitgründer, Finanz- und Personalchef des Generikaherstellers Galenicum aus Barcelona erntet gerade die Früchte seiner Mühen der vergangenen Jahre. Sein Unternehmen wächst mit Raten von knapp 80 Prozent pro Jahr.

Die Geschichten der beiden sind typisch für das Spanien dieser Tage – ein Land zwischen Resignation und Hoffnung. Beim Staat, in Banken und vielen Unternehmen wird gespart. Die Arbeitslosenquote überschritt im dritten Quartal die 25 Prozent, zuletzt vor allem wegen des Stellenabbaus im öffentlichen Dienst. Gleichzeitig aber profitieren Unternehmen bereits von sinkenden Lohnstückkosten, steigender Produktivität und zunehmenden Exporten.

Krise und Arbeitslosigkeit in Spanien

  • Die Zahlen

    Spanien hat mit 22,4 Prozent die höchste Arbeitslosenquote in der Europäischen Union. Bei Jugendlichen unter 25 Jahren lag sie im Jahresdurchschnitt 2011 bei 46,4 Prozent, im ersten Quartal 2012 stieg sie schon auf 52,1 Prozent - ebenfalls ein Negativ-Rekord in der EU. Von den im Mai registrierten 3,3 Millionen arbeitslosen Jugendlichen in der Eurozone lebten 921 000 in Spanien.

  • Die Jugend, das Hauptopfer

    Die spanischen Jugendlichen sind Hauptopfer des schrumpfenden Arbeitsmarktes. In Zeiten wirtschaftlicher Krise bevorzugen die Unternehmen bei Einstellungen hochgebildete Fachkräfte mit viel Erfahrung. Für viele Jugendlichen unter 25 Jahren bleibt als einzige Alternative die Zeitarbeit. Mehr als 57 Prozent der erwerbstätigen spanischen Jugendlichen haben - oft schlecht bezahlte - Zeitverträge.

  • Die Ursachen der Arbeitslosigkeit

    Als wichtigste Ursachen der hohen Jugendarbeitslosenquote in Spanien gelten ein früher Schulabbruch und das große Ungleichgewicht zwischen Nachfrage und Angebot am Arbeitsmarkt. Vor allem bei Jugendlichen mit Hochschulabschluss ist das Angebot unverhältnismäßig groß und die Arbeitslosenquote im Vergleich zu den restlichen EU-Ländern hoch. Als weiteren Faktor nennen Experten die geringe Effektivität der Beschäftigungspolitik.

  • Die Regierung versucht, gegenzusteuern

    Die spanische Regierung hat im Februar eine Arbeitsmarktreform beschlossen, die Steuervergünstigungen für jene kleinen und mittleren Unternehmen vorsieht, die jugendliche Arbeitslose unter 30 Jahren einstellen. Der Vertrag enthält allerdings eine Probezeit von einem Jahr, in der die jugendlichen Arbeitnehmer ohne Abfindung entlassen werden können.

Befristete Aufträge

Als Cristina Mateos ihr Berufsleben startete, ging es dem Land noch gut. Die sozialistische Regierung von José Luis Rodríguez Zapatero baute die im EU-Vergleich dürftigen Sozialleistungen aus, führte etwa erstmals eine Pflegeversicherung ein. „Angefangen hab ich mit einem Supergehalt von fast 2000 Euro an der Uni“, erzählt Cristina. Danach aber kamen nur noch befristete Aufträge als Sozialarbeiterin und Dozentin, nebenher schrieb sie an ihrer Doktorarbeit. Zwischendurch ging es drei Monate für ein Frauenprojekt nach Kolumbien, finanziert von der spanischen Agentur für Internationale Entwicklungszusammenarbeit.

Entwicklungshilfe hat Spaniens konservativer Premier Mariano Rajoy als Erstes zusammengestrichen. Überhaupt setzt er den Rotstift gerade dort an, wo Cristina tägig werden könnte: Kultur, Bildung, Sozialarbeit. „Soziale Dienstleistungen für alle – nein zu den Kürzungen“, steht auf einem der Buttons an ihrem T-Shirt.

Gute Ausbildung

„Wir sind wohl tatsächlich eine Art verlorene Generation“, sagt die Spanierin nüchtern. Und es ist geradezu paradox: Keine zuvor hatte eine so gute Ausbildung. „Unsere Eltern haben uns ständig gepredigt, dass wir studieren müssen, um eine gute Zukunft zu haben.“

Ihre Familie stammt vom Land, aus dem 350-Seelen-Dorf Villabrázaro in der Provinz Zamora, nördlich von Madrid. Cristinas Mutter war zuletzt Fleischverkäuferin in einem größeren Nachbardorf, der Vater arbeitete in der Verwaltung einer Holzfabrik. Die ging vergangenes Jahr pleite und blieb den Mitarbeitern ein Jahr Gehalt schuldig. In so eine Situation will Cristina niemals kommen. Auch deshalb geht sie nach Ecuador.

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