Schulz gegen Juncker: Ratlosigkeit nach dem TV-Duell

ThemaEuropawahl

Schulz gegen Juncker: Ratlosigkeit nach dem TV-Duell

von Julia Gurol

Ein wirres Fragen-Bombardement und mit Jean-Claude Juncker und Martin Schulz zwei Kandidaten, die nicht streiten wollten. Was bringen TV-Duelle wie die ARD-Wahlarena?

Es war ein Duell Mann gegen Mann. Sechs Tage vor der Europawahl stellten sich Jean-Claude Juncker (Spitzenkandidat der Konservativen) und Martin Schulz (Spitzenkandidat der Sozialisten) in der Wahlarena der ARD den Fragen der Zuschauer. Sie waren sichtlich bemüht, Kontur zu zeigen und ihre Themen abzustecken. Doch – so viel sei bereits verraten – es sollte nicht gelingen.

Der Reihe nach: Von Beginn an gaben sich Juncker und Schulz, die die Moderatoren Andreas Cichowicz und Sonia Seymour Mikich als „sturmerprobte Skipper“ vorstellten, kämpferisch. Während sich Schulz als Verfechter einer gesamteuropäischen Politik in Szene setzte und für mehr Zusammenarbeit zwischen den Mitgliedsstaaten warb, sprach sich Juncker deutlich dafür aus, die Identität der einzelnen Länder zu wahren. „Ich bin kein Vertreter der Vereinigten Staaten von Europa“, betonte er. Schulz gab an, die „Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit“ müsse an erster Stelle stehen, Juncker dagegen plädierte allgemeingültig für „Wachstum und Beschäftigung“. Diese Floskeln nutzte vor allem Schulz immer wieder, um seinen Gegner anzugreifen. Mit Erfolg: Im ersten Drittel des Duells drohte der SPD-Mann und Präsident des Europaparlaments seinem Konkurrenten den Rang abzulaufen – er hatte nicht nur deutlich mehr Redezeit, sondern auch die konkreteren Ansätze. Doch die Freude währte nur kurz, im weiteren Verlauf marschierten die beiden Kandidaten in den entscheidenden Punkten Seite an Seite.

Anzeige

Eurovision-Debatte Tsipras macht den Etablierten Druck

Zehn Tage vor der Europawahl sind die Spitzenkandidaten der großen Parteien gegeneinander angetreten. Inhaltlich gab es wenig Überraschendes. Viel mehr machte der scheinbare Außenseiter eine erstaunlich gute Figur.

Quelle: AP

So waren sich Schulz und Juncker beispielsweise beim Thema Datenschutz einig: „Über Datenschutz verhandelt man nicht, Datenschutz respektiert man“, betonte Juncker und Schulz sagte dazu: „Wer auf unseren Markt will, der muss sich an unsere Standards halten.“ Ein transatlantisches Freihandelsabkommen werde es nicht geben, wenn europäische Standards nicht eingehalten werden würden.

Einem möglichen EU-Beitritt der Türkei erteilten beide Kandidaten eine deutliche Absage – zumindest zum jetzigen Zeitpunkt. Die Türkei sei noch weit entfernt von europäischen Werten und unter der Regierung von Premierminister Erdogan nicht beitrittsfähig, so Schulz. Auch Juncker kritisierte den türkischen Premier scharf: „Wer Twitter abschaltet, hat die Zukunft nicht verstanden.“

 

Zuschauer blieb eher ratlos zurück

Ebenfalls einig waren sich die beiden Spitzenkandidaten darin, dass Freizügigkeit weiterhin europäisches Grundrecht bleiben soll. Schulz lobte seinen Konkurrenten sogar für seine politische Einstellung. „Juncker gehört ja der CSU an, die sagt ‚Wer betrügt fliegt’. Er hat dazu eine andere Meinung, das finde ich gut.“ Lob statt Kritik? Funktioniert so ein TV-Duell? So mag sich mancher Zuschauer nach dem Auftritt in der Wahlarena gefragt haben, warum sich Schulz und Juncker das Amt des Kommissionspräsidenten nicht einfach teilen können.

Doch es war nicht nur die wenig vorhandene Streitlust, die das gesamte TV-Format in Frage stellen. Auch die Rolle der Zuschauer in der Wahlarena muss kritisch hinterfragt werden. Zwar waren die Fragen der Zuschauer oftmals klug und durchdacht, aber thematisch kaum gebündelt. Den Moderatoren gelang es nicht, Struktur in die Sendung zu bringen. Stattdessen ließen sie wahllos Leute aus dem Publikum zu Wort kommen ließen, ganz nach dem Motto „Wer hat noch nicht, wer will noch?“. So kam man von der Energiepolitik zur Jugendarbeitslosigkeit und von dort über die Chlorhühnchen zur NSA – und das innerhalb von vier Fragen. Schwierig für Juncker und Schulz, die sich gerade in diesen Themen nur wenig voneinander unterscheiden. Ihr Hauptstreitthema, die Steuerpolitik, mussten die Spitzenkandidaten zum Ende des Duells selber aufgreifen, um zumindest einen Hauch von Streit inszenieren zu können.

Weitere Artikel

Die Zuschauer blieben nach dem Redezweikampf eher ratlos zurück. Ob sie auf dieser Basis entscheiden können, welcher der beiden „sturmerprobten Skipper“ Präsident der Europäischen Kommission werden soll, wird sich am Sonntag zeigen. Noch liefern sich Juncker und Schulz mit ihren Fraktionen ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Laut der letzten Prognose des EU-Parlaments liegen die Konservativen mit Juncker derzeit mit knapp 30 Prozent vorn, die Sozialdemokraten mit Schulz kommen auf 26 Prozent. Aber am Ende kann eben nur einer Kommissionspräsident werden und das „Schiff Europa“ steuern.

Anzeige
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%