Separatismus in Europa: „Die EU befördert ungewollt die Autonomiebestrebungen“

InterviewSeparatismus in Europa: „Die EU befördert ungewollt die Autonomiebestrebungen“

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Die Unterstützer eines unabhängiges Schottlands waten durch den Regen. Schottland bleibt weiterhin Teil des Vereinigten Königreichs.

von Niklas Dummer

Der frühere Vize-Präsident des Europäischen Parlaments und Vorstandsmitglied der CSU, Ingo Friedrich, spricht im Interview über den Ausgang des Schottland-Referendums und seiner Vision eines Europas der starken Regionen.

Herr Friedrich, Sie als früherer Vize-Präsident des Europaparlaments haben sicherlich noch Kontakte nach Brüssel. Wie wurde das Ergebnis des Referendums dort aufgenommen?

Ich war selbst vor ein paar Tagen noch dort. In den Gesprächen mit Abgeordneten und Experten wurde deutlich: Unter der Hand waren alle gegen die Unabhängigkeit. Aus Höflichkeit hat man jede Einmischung vermieden, aber allen war klar, der Weg in die Unabhängigkeit Schottlands brächte eine unkalkulierbare Zukunft mit sich. Dort ist allen ein Stein vom Herzen gefallen.

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Zur Person

  • Ingo Friedrich

    Ingo Friedrich ist Parteivorstands-Mitglied der CSU und ehemaliger Abgeordneter des Europäischen Parlaments. Von 1999 bis 2007 war er einer der 14 Vizepräsidenten des Europäischen Parlaments. Heute ist er unter anderem Präsident des Europäischen Wirtschaftsforums.

Also war die Angst in Brüssel vor dem Referendum groß.

Natürlich war die Sorge groß. Man hätte in jedem Fall die demokratische Entscheidung akzeptieren müssen. Ein „Ja“ wäre ein negatives Signal an Europa gewesen und hätte uns für Monate festgehalten. Brüssel hätte über die Aufnahme Schottlands diskutieren müssen, hätte ein Auge auf Katalonien werfen müssen. All das hätte Brüssel an der Bewältigung größerer Probleme gehindert: Die Lösung der Finanzkrise, eine Reaktion auf den Terror, eine Lösung der Ukraine-Krise.

Ingo Friedrich ist ehemaliger Abgeordneter des Europäischen Parlaments. Heute ist er Präsident des Europäischen Wirtschaftsforums

Ingo Friedrich ist ehemaliger Abgeordneter des Europäischen Parlaments. Heute ist er Präsident des Europäischen Wirtschaftsforums

Sie sprechen die möglichen Reaktionen Brüssels an. Glauben Sie, ein unabhängiges Schottland hätte entgegen der Beteuerungen des EU-Kommission-Präsidenten José Manuel Barroso Teil der EU bleiben können?

Ein Selbstläufer wäre es nicht geworden -  aber letztlich wäre ein unabhängiges Schottland als Teil der Europäischen Union unvermeidbar gewesen. Sie wären aufgenommen worden. Die Gefahr wäre vielmehr die Langzeitwirkung: 35 oder sogar 40 Kleinstaaten vereint unter dem europäischen Dach, würden die politische Arbeit innerhalb der Union nahezu unmöglich machen.

Das scheint der EU fürs erste erspart geblieben zu sein.

Ja, ich habe heute Morgen mit Brüsseler Freunden telefoniert. Die Erleichterung dort ist groß. Übrigens: Alle dort unterstützen den Gedanken der regionalen Identität. Das ist ein guter, europäischer Gedanke – aber er muss eingebunden werden in die europäische Identität. Ich bin ein begeisterter Bayer, aber natürlich auch ein patriotischer Deutscher und nicht zuletzt – aus ganz rationalen Gründen – ein guter Europäer.

Europa ist unsere Zukunft – es verschafft den Regionen und Nationen Stabilität.

Kommen wir noch einmal zurück zu Schottland. Welche Konsequenzen wird das Ergebnis des Referendums aus Ihrer Sicht für Schottland haben?

Schottische Kollegen sagten mir in Brüssel, dass es jetzt erst einmal der Aufarbeitung bedürfe. In den letzten Monaten hat es so viel Streit zwischen Separatisten und Unionisten gegeben – das Land ist gespalten. Diese Spaltung zu überwinden ist bitter notwendig. Der schottische Ministerpräsident Alex Salmond hat das schon realisiert: Bisher lautete sein Slogan „Yes Scotland“ – jetzt lautet er „One Scotland“. Er hat verstanden, dass es jetzt seine Aufgabe ist, die Gräben zuzuschütten und für ein starkes, eigenständiges Schottland im Vereinigten Königreich einzustehen.

Ich sehe in dem Votum auch ein gutes Zeichen für Großbritannien. Die rechtspopulistische UKIP, die das ganze Königreich aus der Europäischen Union herausreißen will, wird dadurch einen Dämpfer erhalten.

Auf den ersten Fotos, die man  heute Nacht und heute Morgen von Salmond sah, wirkte er ziemlich zerknirscht.

Herr Salmond ist eine beeindruckende Persönlichkeit – er hat mich immer etwas an Franz Josef Strauß erinnert. Er ist Demokrat und hat das Votum korrekterweise sofort akzeptiert. Wenn er es jetzt schafft, die Umsetzung der Versprechen aus London einzufordern, dann ist das Referendum keineswegs verloren, sondern ein Erfolg. Es hätte zu mehr Rechten für Schottland geführt. Das ist ein guter Weg, den auch Katalonien bestreiten sollte.

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