Serdar Somuncu: Die Briten sind einfach irre

GastbeitragSerdar Somuncu: Die Briten sind einfach irre

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Serdar Somuncu ist Kabarettist und Buchautor.

Erst der Brexit, dann das EM-Aus gegen Island: Die Briten offenbaren dieser Tage ein erstaunliches Talent, sich selbst aus dem Spiel zu nehmen.

Endlich finde ich die EU cool. Bisher dachte ich nämlich auch: zu viele Regeln, zu weit weg, zu kompliziert.

Aber was die Engländer mit ihrem Ja zum Brexit gemacht haben, war echt an Dummheit nicht zu überbieten. Sich selbst aus der EU rauszuschießen, obwohl manche seit Jahrzehnten darum betteln, dabei sein zu dürfen, ist schlicht und einfach irre. Fragen Sie mal die Türken.

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Und dass die EU jetzt so hart reagiert und den neuerlichen Versuchen der Engländer, ihre Entscheidung zu revidieren, einen Riegel vorschiebt, finde ich echt… Stellen Sie sich einfach mal vor, Sie würden in einer unglücklichen Beziehung leben und Ihr Partner veranstaltet ein Referendum unter seinen Verwandten, ob er mit Ihnen Schluss machen soll.

Die EU mit all ihren Problemen ist eine gewachsene Ehe. Es macht nicht immer Spaß, aber man bleibt zusammen, solange man nichts Besseres findet. Und wenn der Partner ständig nörgelt, dass er zu kurz kommt, dann muss man ihm eben die Streicheleinheiten entziehen, schon kommt er von selbst wieder angekrochen und will kuscheln.

Wo die großen Brexit-Baustellen sind

  • Führungsstreit bei den Tories

    Seit der konservative Premier David Cameron seinen Rücktritt angekündigt hat, tobt ein Kampf um seine Nachfolge - nicht nur hinter den Kulissen. Als aussichtsreichste Kandidaten gelten Brexit-Wortführer Boris Johnson und Innenministerin Theresa May. Johnson werden die besten Chancen eingeräumt, auch wenn er erbitterte Feinde in der Tory-Fraktion hat. May könnte als Kompromisskandidatin gelten, sie war zwar im Lager der EU-Befürworter, hielt sich aber mit öffentlichen Äußerungen zurück.

  • Führungsstreit bei Labour

    Labour-Chef Jeremy Corbyn laufen nach dem Rauswurf seines schärfsten Kritikers Hilary Benn die Mitglieder seines Schattenkabinetts in Scharen davon. Mehr als die Hälfte seines Wahlkampfteams trat bereits zurück. Sie werfen Corbyn vor, nur halbherzig gegen einen EU-Austritt geworben zu haben, und stellen seine Führungsqualitäten in Frage. Dahinter steckt auch die Befürchtung, es könne bald zu Neuwahlen kommen. Viele Labour-Abgeordnete befürchten, mit dem Linksaußen Corbyn an der Spitze nicht genug Wähler aus der Mitte ansprechen zu können. Corbyn war im Spätsommer vergangenen Jahres per Urwahl an die Parteispitze gerückt, hat aber wenig Unterstützung in der Fraktion.

  • Streit um Beginn der Austrittsverhandlungen

    Der scheidende Premier David Cameron kündigte an, die offiziellen Austrittsverhandlungen mit der EU nicht mehr selbst einzuleiten. Der Ablösungsprozess könnte damit frühestens nach Camerons Rücktritt beginnen - womöglich erst im Oktober. Äußerungen anderer britischer Politiker lassen befürchten, dass sich die Briten gern sogar noch mehr Zeit lassen würden. Am allerliebsten würden sie schon vor offiziellen Austrittsverhandlungen an einem neuen Abkommen mit der EU basteln. Brüssel, Berlin und Paris dringen aber auf einen raschen Beginn der Austrittsverhandlungen.

  • Die Schottland-Frage

    Seit dem Brexit-Votum liegt die Frage nach der schottischen Unabhängigkeit wieder auf dem Tisch. Die Schotten stimmten - anders als Engländer und Waliser - mit einer Mehrheit von 62 Prozent gegen einen Brexit. Schottlands Regierungschefin Nicola Sturgeon kündigte in Edinburgh an, Vorbereitungen für ein zweites Unabhängigkeitsreferendum einzuleiten. Boris Johnson deutete jedoch bereits an, dass er als Premierminister da nicht mitspielen würde: „Wir hatten ein Schottland-Referendum 2014 und ich sehe keinen echten Appetit auf ein weiteres in der nahen Zukunft“, schrieb Johnson in einem Gastbeitrag im „Daily Telegraph“. Auch Premierminister David Cameron erteilte einem erneuten Schottland-Referendum eine Absage.

  • Irland und Nordirland

    In beiden Teilen der Insel herrscht Sorge, der Brexit könnte dazu führen, dass wieder Grenzkontrollen eingeführt werden und der Friedensprozess gestört wird. Irlands Ministerpräsident Enda Kenny versicherte, seine Regierung arbeite eng mit Belfast und London zusammen, um die Grenzen offenzuhalten. Ähnlich wie in Schottland stimmte auch in Nordirland eine Mehrheit der Wähler gegen den Austritt des Königreichs aus der EU. Die nordirische nationalistische Partei Sinn Fein forderte bereits eine Abstimmung über eine Wiedervereinigung Irlands und Nordirlands.

  • Drohende Wirtschaftskrise

    Das britische Pfund verlor seit dem Brexit-Votum massiv an Wert gegenüber dem Dollar und fiel auf den niedrigsten Stand seit drei Jahrzehnten. Auch die Börsenkurse stürzten zeitweise in den Keller. Der britische Finanzminister George Osborne versuchte am Montag, Sorgen an den Märkten zu zerstreuen. Großbritannien sei auf alles vorbereitet, sagte Osborne. Noch am Tag nach der Brexit-Entscheidung war Notenbank-Chef Mark Carney vor die Kameras getreten und hatte angekündigt, die Bank of England könne bis zu 250 Milliarden Pfund in die Hand nehmen, um weitere Verwerfungen zu verhindern. Trotz allem verlor das Pfund weiter an Wert.

Machen wir uns nichts vor. Die EU ist bestimmt nicht für jeden verständlich und sie ist auch nicht der Weisheit letzter Schluss. Aber ist sie wirklich so schlecht wie sie von ihren Gegnern gemacht wird? Sie ist eben auch Geborgenheit und ein Schutzraum, in dem man sich einigen muss, wie man miteinander umgeht, welche Rechte und welche Pflichten man hat.

England war niemals vollständiges Mitglied der EU und hat seine eigenen Probleme nur allzu gern Brüssel in die Schuhe geschoben. In Wirklichkeit haben die Engländer sogar von der EU profitiert. Zwei Drittel der Subventionen sind zurückgeflossen, der Euro wurde nie eingeführt und selbst Schengen galt nur bedingt.

Selten hat man erlebt, dass Menschen, denen es gut geht, sich so sehr nach Veränderungen sehnen. Langeweile macht eben manchmal destruktiv. Und so wird sich bald auch wieder ein neuer Frust einstellen, nur eben mit dem Unterschied, dass man bei sich selbst die Schuld suchen muss.

Ich mag Irland sowieso lieber als England und auf die grölenden Rotbäuche vom Ballermann kann ich dankend verzichten. Wenn sich jetzt noch die UEFA entschließt, Transfers für Fußballer aus Europa zu verbieten, können die Engländer von mir aus unter sich bleiben.

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