Sorge um den fallenden Ölpreis: EZB-Vize Constâncio warnt vor "gefährlichem Teufelskreislauf"

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exklusivSorge um den fallenden Ölpreis: EZB-Vize Constâncio warnt vor "gefährlichem Teufelskreislauf"

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EZB-Vizepräsident Vitor Constancio

von Angela Hennersdorf, Malte Fischer und Konrad Handschuch

Die stetig fallenden Ölpreise schüren bei der Europäischen Zentralbank die Angst vor einer Deflation. EZB-Vize Constâncio warnt vor einem "gefährlichem Teufelskreislauf".

"Kurzfristig schafft dies eine nicht einfache Situation für uns", räumte EZB-Vizepräsident Vitor Constancio im Interview mit der WirtschaftsWoche ein. "Wir rechnen nun mit einer negativen Inflationsrate in den kommenden Monaten. Das ist eine Sache, die sich jede Zentralbank sehr genau anschauen muss."

Die ursprüngliche Inflationsschätzung der EZB für 2015 von 0,7 Prozent ist für den EZB-Vize schon überholt. "Seit der Erarbeitung dieser Projektionen sind die Ölpreise um weitere 15 Prozent gefallen." Die EZB müsse nun eine Abwärtsspirale verhindern. Es drohe "ein gefährlicher Teufelskreis aus sinkenden Preisen, steigenden realen Lohnkosten, sinkenden Gewinnen, schrumpfender Nachfrage und weiter sinkenden Preisen", warnte der EZB-Vizepräsident. "Die Wirtschaft würde dann in eine Rezession rutschen." Derzeit prognostizierten viele Experten, dass die Konjunkturflaute in der Euro-Zone bis 2018 anhalten wird. Constancio: "Bis dahin besteht also Abwärtsdruck auf die Inflationserwartungen."

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Derzeit befinde sich die Euro-Zone allerdings noch nicht in einer Deflation. "Einige Monate mit negativen Inflationsraten bedeuten keine Deflation. Dazu müssen negative Inflationsraten über einen längeren Zeitraum vorliegen", betonte Constancio. "Wenn es nur ein temporäres Phänomen ist, dann sehe ich keine Gefahr. Deflationäre Tendenzen beginnen, wenn die Unternehmen und die Menschen ihr Verhalten ändern und Investitionen und Ausgaben verschieben."

Die wichtigsten Fakten zur niedrigen Inflation

  • Was bedeutet das niedrige Preisniveau für Verbraucher?

    Autofahrer können sich ebenso freuen wie alle, die Haus oder Wohnung heizen müssen: Die Sprit- und Energiepreise liegen seit Monaten unter dem Vorjahresniveau. Auch der starke Euro trägt dazu bei, dass Tanken und Heizen günstiger wird: Die Euro-Stärke verbilligt die in Dollar abgerechneten Rohölimporte. Niedrige Inflation ist also in diesem Fall gut fürs Portemonnaie: Verbraucher bekommen mehr für ihr Geld. Allerdings liegt selbst die derzeit sehr niedrige Inflationsrate in Deutschland noch über den Zinsen, die aktuell auf den meisten Sparbüchern oder Tagesgeldkonten zu verdienen sind. Ersparnisse verlieren also unter dem Strich an Wert. Allerdings wären die Einbußen für Sparer noch größer, wenn die Inflation höher läge.

  • Was ist schlecht an sinkenden Preisen?

    Das Problem ist, wie Verbraucher und Unternehmen die künftige Entwicklung des Preisniveaus einschätzen. Wer weiter sinkende Preise erwartet, verschiebt vielleicht den Kauf der neuen Waschmaschine oder die Investition in die neue Fabrikhalle - denn es kann ja eigentlich nur günstiger werden. Das könnte eine gefährliche Abwärtsspirale in Gang setzen: Unternehmen machen weniger Gewinn, Mitarbeiter werden entlassen. Diese können sich dann weniger leisten und der Druck, Preise weiter zu senken, nimmt zu. Diese Verkettung lähmt die Konjunktur. In der Folge sinken auch die Steuereinnahmen und die Belastungen durch Schulden und Sozialleistungen nehmen zu.

  • Warum ist die Inflationsrate derzeit so niedrig?

    70 Prozent des Inflationsrückgangs im Euroraum, so hat es kürzlich EZB-Präsident Mario Draghi vorgerechnet, gehen auf das Konto gesunkener Energie- und Lebensmittelpreise. Dass das Preisniveau in Deutschland noch höher ist als in vielen anderen Eurostaaten liegt daran, dass in Ländern wie Griechenland, Spanien und Co. Unternehmen Preise senken müssen, um wettbewerbsfähiger zu werden. Zudem müssen Regierungen sparen, um hohe Schuldenberge abzutragen. In Deutschland ist die Konjunktur hingegen relativ robust. Das schafft Raum für Investitionen und Lohnerhöhungen.

  • Droht eine für die Konjunktur gefährliche Deflation?

    Darüber gehen die Meinungen auseinander. So warnt das DIW vor der Gefahr „einer sich selbst verstärkenden Deflationsspirale“ bei langanhaltend niedrigen Inflationsraten. DIW-Präsident Marcel Fratzscher fordert ein Eingreifen der Europäischen Zentralbank. Im „Focus“ schreibt er: „Ohne ein beherztes Eingreifen der EZB sehe ich schwarz.“ Europas Währungshüter rechnen zwar mit einer niedrigen Inflationsrate in diesem und im kommenden Jahr, Deflationsrisiken sehen sie aber nicht.

  • Was kann die Europäische Zentralbank tun?

    Draghi hat klargestellt, dass die EZB bereit ist, alles zu tun, sollte die Teuerungsrate überraschenderweise weiter sinken. Die Notenbank prüfe auch weitere unkonventionelle Maßnahmen, darunter ein Programm zum Anleihekauf („Quantitative Lockerung/QE). „Ob die EZB noch einmal die Zinsen senkt, oder gleich ein breit angelegtes Anleihenkaufprogramm beschließt, würde wohl davon abhängen, wie stark sie ihren mittelfristigen Inflationsausblick nach unten korrigiert“, glaubt Commerzbank-Ökonom Christoph Weil.

  • Wie werden sich die Verbraucherpreise weiter entwickeln?

    Die EZB erwartet, dass die Inflationsrate schon im April wieder etwas anziehen wird. Volkswirt Weil erklärt, warum: Der übliche Anstieg der Preise für Reisen und Hotelübernachtungen rund um Ostern fällt in diesem Jahr in den April und nicht wie 2013 in den März. Zudem dürften die Energiepreise im April anders als im Vorjahr nicht sinken. Hierfür sprechen nach Weils Einschätzung etwa die tendenziell höheren Benzinpreise während der Osterferien. Insgesamt erwartet die Commerzbank, dass die Inflation im Euroraum in den kommenden Monaten um 0,8 Prozent pendeln wird.

  • Müssen Verbraucher für Nahrungsmittel weiterhin mehr zahlen als 2013?

    Vorerst ja, allerdings stiegen die Preise für Nahrungsmittel in Deutschland zuletzt nicht mehr so rasant wie in den vergangenen Monaten. Da wegen des milden Wetters früher frisches Obst und Gemüse zu haben ist, dürfte der saisonübliche Preisrückgang für diese Waren in diesem Jahr früher einsetzen. 2013 hatte das kalte Frühjahr die Ernte verzögert. Sinkende Preise für Lebensmittel freuen die Verbraucher, sie können allerdings die Inflation insgesamt wieder etwas drücken.

Auch bestehe ein Deflationsrisiko nicht in allen Euro-Ländern. "In Ländern wie Spanien oder Irland, deren Wirtschaft sich langsam erholt, steigt die Produktivität. Das schafft Spielraum für Lohnerhöhungen, die der Deflationsgefahr entgegenwirken", sagte Constancio, der früher Präsident der Banco de Portugal war.

Im Kampf gegen die Deflation müsse die EZB alle möglichen Instrumente einsetzen, auch den umstrittenen Ankauf von Staatsanleihen, den zuletzt Bundesbank-Präsident Jens Weidmann kritisiert hatte. "Wir müssen alle geldpolitischen Instrumente nutzen, die uns zur Verfügung stehen", sagte Constancio. "Im Grunde genommen ist die quantitative Lockerung, von der jetzt alle reden, nichts anderes als eine traditionelle Offenmarkt-Operation, also etwa die Möglichkeit einer Zentralbank, Wertpapiere, auch Staatsanleihen, im Sekundärmarkt zu kaufen oder zu verkaufen, um die Zentralbankgeldmenge zu steuern. Das ist ganz legal. Und was legal ist, schließen wir nicht aus." Es gebe gleichwohl bei der EZB "keine Obsession, unbedingt Staatsanleihen zu kaufen".

Constancio sieht keine Blasengefahr am Aktien- und Immobilienmarkt

Die Europäische Zentralbank hält Warnungen vor einer Blase an den Finanzmärkten für unbegründet. "In den USA liegt das Kurs-Gewinn-Verhältnis der Aktien zwar über dem historischen Durchschnitt – nicht aber in Europa. Hier sehe ich derzeit keine signifikante Überbewertung der Aktienmärkte", sagte EZB-Vizepräsident Vitor Constancio im Gespräch mit der WirtschaftsWoche. "Auch bei den Unternehmensanleihen können wir eine solche Überbewertung nicht erkennen." Ähnlich sei die Lage auf den Immobilienmärkten. In einigen Euro-Ländern seien die Preise in den vergangenen Jahren zwar deutlich gestiegen, etwa in Belgien und Irland. In Belgien hätten die nationalen Aufsichtsbehörden aber bereits reagiert und die Eigenkapitalanforderungen für Hypothekenkredite erhöht. Auch in Irland gebe es jetzt strengere Kapitalvorschriften. "Insgesamt sehe ich für Europa keine Gefahr einer erneuten Immobilienpreisblase", betonte Constancio.

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2 Kommentare zu Sorge um den fallenden Ölpreis: EZB-Vize Constâncio warnt vor "gefährlichem Teufelskreislauf"

  • Die EZB fürchtet weiter fallende Ölpreise
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    Die stetig fallenden Ölpreise schüren bei der Europäischen Zentralbank die Angst vor einer Deflation. EZB-Vize Constâncio warnt vor einem "gefährlichem Teufelskreislauf".

    Was ist5 das schlimme an einem fallenden Ölpreis?
    Aktuell liegt er bei 58 Dollar pro Barrel. Er lag in der Vergangenheit auch schon einmal bei 25 Dollar pro Barrel und die Welt ist nicht untergegangen.
    Gut, im Juni 2014 lag er bei 107 Dollar pro Barrel, aber das war überzogen und nicht gerechtfertigt.
    Aber jetzt sieht die Banca d'Italia (EZB) durch den gesunkenen Ölpreis die Gefahr einer Deflation am Horizont.
    Außerdem leiden die "armen Russen" unter den niedrigen Preisen. Putins Reich würde dadurch "destabilisiert".

  • Müssen wir nicht selbstkritisch und verantwortungsvoll prüfen, ob unsere aktuellen Vorstellungen von Marktwirtschaft nicht deren Perversion sind? Welche fundamental neue Erkenntnis treibt den Mainstream wenn urplötzlich hohe Inputkosten als Glücks- und Erfolgsfaktor gelten. Bisher hatten uns Ökonomen, Betriebs- und Volkswirtschaftler gelehrt, dass Wertschöpfung der Differenzbetrag aus hohem Output und niedrigen Input ist. Wer nun diesen Grundsatz ins Gegenteil umkehrt, wird weiterhin Erfolge propagieren können, sofern er Wertschöpfung nur noch als Betrag ausweist (d.h. ohne Plus- oder Minus-Vorzeichen). Für die Verkünder bzw. Ankündiger der Rettung aus der EU-Krise ist das gewiss eine sehr verlockende Vorstellung.

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