Soziologe Raphael Liogier: "Frankreich steht am Scheideweg"

InterviewSoziologe Raphael Liogier: "Frankreich steht am Scheideweg"

von Karin Finkenzeller

Am Nachmittag wollen Hunderttausende in Paris auf die Straße gehen, um ein Zeichen gegen Terrorismus zu setzen. Im Interview befürchtet der französische Soziologe Raphael Liogier aber eine europaweite Identitätskrise.

„Wir alle sind Charlie, wir alle sind die Polizei, wir alle sind französische Juden", sagte der französische Ministerpräsident Manuel Valls mit Blick auf die Opfer. In Paris wollen Hunderttausende auf die Straße gehen - auch Staatschefs aus vielen europäischen Ländern. Es scheint so, als ob die Nation und ganz Europa zusammensteht. Der französische Soziologe Raphael Liogier begrüßt den Zusammenhalt, warnt aber auch vor einem Terrorismus mit ganz anderer Qualität als bislang.

Herr Liogier, in den vergangenen Tagen wurde häufig der Zusammenhalt der französischen Bevölkerung jenseits politischer oder religiöser Unterschiede beschworen. Waren das mehr als schöne Sonntagsreden? Oder besteht nicht vielmehr die Gefahr, dass unter dem Eindruck der Attentate das Zusammenleben noch schwieriger wird?

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Raphael Liogier: Ich begrüße, dass man sich endlich der Notwendigkeit bewusst geworden ist, Zusammenhalt zu demonstrieren. Dass das auch Politikern klar geworden ist wie dem jetzigen Premier und früheren Innenminister Manuel Valls, der noch vor nicht allzu langer Zeit ganz anders geklungen hat. Oder auch dem ehemaligen Präsidenten Nicolas Sarkozy. Allerdings besteht in der Tat auch das Risiko, dass sich das Trennende eher noch verstärkt. Frankreich steht am Scheideweg. Das Land muss sich jetzt entscheiden, in welche Richtung das Pendel ausschlägt.

Wie groß schätzen Sie die Gefahr ein, dass Frankreichs extreme Rechte unter Marine LePen, aber auch der rechte Flügel der Konservativen unter Ex-Präsident Nicolas Sarkozy die Attentate der vergangenen Woche für ihre politischen Ziele einsetzen und damit Erfolg haben?

Wir erleben vielleicht die schwierigste Identitätskrise seit langer Zeit. Übrigens nicht nur in Frankreich. Auch in Deutschland. In ganz Europa. In vielen Ländern wird die Gefahr des nationalen oder kulturellen Identitätsverlusts beschworen. Wenn man die Lage auf die Medizin überträgt, erkennt ein Arzt im Moment der Krise, wenn die Symptome einer Krankheit sich ganz deutlich zeigen, auch die notwendige Therapie. Im positiven Fall. Dann kann er den Patienten retten. Es kann aber auch sein, dass die Krise in den Untergang führt, zum Tod. Diese Entscheidung steht jetzt an. Dazu zählt auch, dass die Sicherheitskräfte sich darüber klar werden, dass sie nicht mehr gegen eine terroristische Gefahr kämpfen, wie wir sie bis zur Jahrtausendwende kannten. Der Terrorismus hat heute eine ganz andere Qualität.

Wie konnte es dazu kommen, dass die Attentäter der vergangenen Woche der Polizei und den Geheimdiensten durchaus bekannt waren, aber nicht aufgehalten werden konnten?

Wir kennen heute zwei Formen des Dschihadismus. Denjenigen, der von den 80er Jahren bis zum Beginn der 2000er Jahre praktiziert wurde. Die Attentate des 11. September 2001 gehörten noch in diese Kategorie. Und jetzt haben wir es mit dem Dschihadismus von Individuen zu tun, die schwer zu greifen sind. Erstere hatten ihn professionalisiert. Sie übten ihn wie einen Beruf aus. Sie hatten eine theologische Ausbildung, sie kamen aus hierarchisch strukturierten Organisationen. Diese Leute entwickelten sich zu einem bestimmten Zeitpunkt zu Dschihadisten, indem sie sich radikalisierten. Das waren einerseits sehr intelligente Köpfe, zum Teil ausgebildet an europäischen Universitäten. Und solche, die aus benachteiligten Schichten kamen, in Frankreich häufig aus den Vorstädten. Sie radikalisierten sich zum Beispiel im Gefängnis, weil sie dort radikale Prediger trafen.

Zur Person

  • Raphaël Liogier (47)

    Professor am Institut für politische Studien in Aix-en-Provence sowie am "Collège international de philosophie" in Paris. In Büchern wie „Le Mythe de l'islamisation, essai sur une obsession collective“ (Mythos Islamisierung, ein Versuch über eine kollektive Obsession) setzt er sich seit Jahren mit den Ängsten des Westens vor einer Überfremdung auseinander.

Was ist heute anders?
Heutzutage sehen wir Leute, die auf direktem Weg in den Dschihad springen. Sogar noch bevor sie richtige Muslims werden. Sie eignen sich erst im Nachhinein eine minimale muslimische Praxis an, einzig zu dem Zweck, um ihren Dschihad zu rechtfertigen. Wo wollen sie die kontrollieren? Man weiß ja oft nicht einmal, wo sie sind. Im Gegensatz zu denen am Ende des vergangenen Jahrhunderts frequentieren sie Moscheen eher selten. Man kann deshalb auch nicht durch Imame auf sie Einfluss nehmen, die vom Staat legitimiert sind. Sie finden zwar auch ihre Netzwerke und Organisationen, häufig im Internet. Aber sie betrachten Al Quaida oder den Islamischen Staat nicht als Organisationen, denen sie angehören, sondern vielmehr als Label.

Wie eine Markenjeans, die man tragen muss, um dazu zu gehören?

In der Tat. So berief sich zum Beispiel in Paris einer der Attentäter auf den Islamischen Staat und die beiden anderen auf Al Quaida. Hinter den Attentätern stand aber keine Logistik einer der beiden großen Organisationen. Nachdem die Anschläge verübt waren, gab es keinen Fluchtplan, sie wussten nicht wohin. Und es gab auch keinen Plan, wie am 11. September, sofort als Märtyrer zu sterben. Sie sind nur deshalb zu Märtyrern geworden, weil es letztlich für sie keinen anderen Ausweg gab.

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