Spieltheoretiker zu Griechenland-Verhandlungen: Grexit-Drohungen aus Berlin sind sehr riskant

InterviewSpieltheoretiker zu Griechenland-Verhandlungen: Grexit-Drohungen aus Berlin sind sehr riskant

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Finanzminister Griechenlands: Yanis Varoufakis

Der griechische Finanzminister Varoufakis, ein gelernter Spieltheoretiker, pokert hoch um die Zukunft seines Landes im Euro. Wie kann Europa darauf strategisch reagieren? Ein Interview mit dem Spieltheoretiker Wolfram Elsner von der Universität Bremen, der Herrn Varoufakis persönlich kennt.

Herr Elsner, in der Spieltheorie wägt man verschiedene Handlungsmöglichkeiten ab, je nachdem, wie sich das Gegenüber entscheidet. Der griechische Finanzminister ist Spieltheoretiker wie Sie. Was können Sie uns über sein Verhandlungsgeschick sagen und welche Vorteile kann er aus der Spieltheorie ziehen?
Man muss kein Spieltheoretiker sein, um einen guten Strategen abzugeben. Da ich Herrn Varoufakis als Kollegen persönlich kenne, kann ich aber auch sagen, dass er kein konventioneller Spieltheoretiker ist. Er hat ein Lehrbuch zur Spieltheorie mitverfasst, das eine Reihe neuer Erkenntnisse eröffnet hat. Aber es ist schwierig, solche komplexen Erkenntnisse in der realen Situation zwischen Athen und Berlin unmittelbar anzuwenden. Man sollte sich das auf keinen Fall so einfach vorstellen, dass man eine kleine eindeutige Matrix aufstellt und dann genau sagen kann, was die besten Handlungsoptionen für jeden sind. Ein solches Normalform-Spiel allein reicht nicht aus, um die tatsächlichen Zusammenhänge abzubilden. Wir können vielmehr Aspekte verschiedener Spiele in der jetzigen Situation erkennen, unter anderem Dilemma-Spiele und sogenannte Anti-Koordinations-Spiele. Herr Varoufakis ist sicher in der Lage, einzelne Aussagen und Handlungen im Rahmen von spieltheoretischen Konzepten zu erkennen und einzuordnen. Das verschafft ihm aber längerfristig nicht notwendigerweise klare Vorteile.

Professor Wolfram Elsner Quelle: PR

Professor Wolfram Elsner lehrt Spieltheorie an der Universität Bremen. Im Gespräch mit der WirtschaftsWoche spricht er über seinen langjährigen Kollegen, Spieltheoretiker und jetzigen Finanzminister Griechenlands, Yanis Varoufakis. Aus spieltheoretischer Sicht empfiehlt er: Die Bundesregierung solle als Disziplinierungsmaßnahme nicht mit einem Grexit drohen. Das könnte kontraproduktiv sein.

Bild: PR

Sie sprachen von einem Dilemma-Spiel. Meinen sie das sogenannte Gefangenen-Dilemma, bei dem ein für die Gemeinschaft nicht optimales Ergebnis herauskommt, weil die Akteure zu sehr auf ihren eigenen Vorteil beharren - also Bundeskanzlerin Angela Merkel und Ministerpräsident Alexis Tsipras einfach stur auf ihren Positionen bestehen?
Wie gesagt, es ist schwierig, einen klar definierten Spieltyp heranzuziehen, mit dem wir die jetzige Lage analysieren können. Man hat ja in der letzten Zeit immer wieder das sogenannte Feiglingsspiel angeführt, das so funktioniert wie in dem Film „… denn sie wissen nicht, was sie tun“ mit James Dean: Zwei Autos rasen auf einen Abgrund zu und derjenige gewinnt, der als letzter aus dem Auto springt. Würde man einen solchen Spieltyp einmal annehmen, der dann in einer Gruppe von Akteuren wiederholt gespielt wird, so wird unmittelbar klar, dass in solchen sogenannten Antikoordinations-Strukturen eine Lösung ein zu bestimmender Mix aus den vorhandenen reinen Strategien ist - wir nennen das gemischte Strategien: Mal bin ich also Feigling und mal Draufgänger. Das ist weit davon entfernt, optimal für eine Partei oder für alle zu sein, aber es ist die einzige nachhaltige Lösung. Sie hält den Kontakt zwischen den Euro-Akteuren am Laufen und verhindert einen totalen Crash. Man könnte auch an andere Spiele denken -wie zum Beispiel an das Eintrittsverhinderungs-Spiel, leicht umkehrbar als „Grexit-Spiel“. Bei einem solchen Spiel, sequentiell aufeinander folgend gespielt, würden beide Seiten mit dem Grexit drohen, um den anderen einzuschüchtern. In einer ähnlichen Situation befinden wir uns schon seit einigen Wochen.

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