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Streitgespräch: Rückkehr zur D-Mark? "Au weia"

von Bert Losse, Malte Fischer, Konrad Handschuch und Anne Kunz

Im Kampf um den Euro lässt die Sparpolitik der Staaten das Wachstum sinken und eine neue Bankenkrise bedroht die Realwirtschaft. Vier renommierte Ökonomen im Disput über Konjunktur, Krisenintervention und Europa.

Michael Hüther Quelle: Oliver Rüther für WirtschaftsWoche
Michael Hüther blickt optimistisch in die Zukunft: "2012 wird ein Jahr der Entspannung" Quelle: Oliver Rüther für WirtschaftsWoche

WirtschaftsWoche: Herr Bofinger, Herr Hüther, Herr Schilbe, Herr Voth, Europas Staats- und Regierungschefs unternehmen alles, um den Euro zu retten. Werden sie es schaffen?

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Schilbe: Was die Politik beschlossen hat, geht zwar in die richtige Richtung, ich bezweifle aber, dass die geplanten nationalen Schuldenbremsen und Sanktionsmechanismen gegen Schuldensünder ohne politische Tricksereien umgesetzt werden. Zudem ist das Reformpaket eher langfristig angelegt. Die Finanzmärkte haben aber – leider – eine sehr kurzfristige Sicht auf die Dinge. Deshalb gibt es am Anleihemarkt weiter massenhaft Verkäufer, aber kaum noch Käufer; Banken und Versicherungen halten sich schon aus eigenem Interesse zurück. Meine Prognose ist, dass die Anleiherenditen vorerst auf hohem Niveau bleiben und es zu weiteren Herabstufungen durch die Ratingagenturen kommt.

Bofinger: Ich bin ähnlich skeptisch. Wir müssen zwei zentrale Aufgaben lösen: erstens die Finanzmärkte stabilisieren, zweitens eine konjunkturelle Abwärtsspirale verhindern. Bei beiden Zielen hilft das Maßnahmenpaket der Politik nicht weiter. Es wird frühestens in ein bis zwei Jahren in Kraft treten können. Die Zukunft der Währungsunion entscheidet sich aber in den nächsten sechs Monaten.

Zu den Personen

  • Peter Bofinger

    Peter Bofinger, 57, ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Würzburg und (auf Vorschlag der Gewerkschaften) seit 2004 Mitglied des Sachverständigenrats. Der überzeugte Keynesianer lehrte zuvor an den Universitäten Kaiserslautern und Konstanz. Sein Schwerpunkt: die Geld- und Währungspolitik.

  • Hans-Joachim Voth

    Hans-Joachim Voth, 43, ist Professor für Wirtschaftsgeschichte an der Universität Pompeu Fabra in Barcelona. Nach dem Studium in Deutschland, Großbritannien und Italien promovierte er in Oxford; anschließend arbeitet er für die Unternehmensberatung McKinsey. Voth ist Autor mehrer Bücher und Mitherausgeber der Fachzeitschrift "European Review of Economic History".

  • Stefan Schilbe

    Stefan Schilbe, 42, ist Chefvolkswirt des Bankhauses HSBC Trinkhaus & Burkhardt und langjähriges Mitglied im Ausschuss für Wirtschafts- und Währungspolitik des Bundesverbands deutscher Banken. Er hat zudem einen Lehrauftrag an der European Business School in Oestrich-Winkel.

  • Michael Hüther

    Michael Hüther, 49, ist seit 2004 Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW). Der gebürtige Düsseldorfer und promovierte Ökonom war zuvor fünf Jahre Chefvolkswirt der Deka-Bank in Frankfurt Main. Von 1995 bis 1999 war er Generalsekretär des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung.

Hüther: Ich sehe das optimistischer als Sie. Die Spanier hatten zuletzt keine Probleme, ihre Anleihen zu platzieren – zu günstigeren Zinsen als vor dem jüngsten EU-Gipfel. Das kommt doch nicht von ungefähr! Die Brüsseler Beschlüsse sind ein starkes Signal. Dass die Staatshaushalte künftig von Brüssel überwacht werden, ist im Vergleich zur bisherigen Qualität der europäischen Fiskalintegration ein qualitativer Sprung. Wir sollten auch nicht so tun, als ließen sich die massiven Probleme von heute auf morgen lösen. Die Haushaltskonsolidierung und die Restrukturierung ganzer Volkswirtschaften brauchen nun mal Zeit.

Voth: Glauben Sie ernsthaft, die Franzosen würden jemals eine von der EU verhängte Sanktionszahlung akzeptieren? Niemals! Wenn wir etwas in dieser Krise gelernt haben, dann dies: Europäisches Papier ist unendlich geduldig. Die Regierungen haben nahezu jedes Stabilitätsversprechen gebrochen, sobald es ihnen opportun erschien. Es war im vergangenen Jahrzehnt eine Todsünde der Politik zu glauben, man könne einen juristisch-formalen Prozess an die Stelle einer politischen Union setzen.

"Eine neue D-Mark würde um 30 bis 40 Prozent aufwerten" Peter Bofinger

Schilbe: Mir ist auch nicht klar, wie die Politik ihre Glaubwürdigkeit wiedererlangen will. Die Finanzmärkte haben die Aufweichung des Stabilitätspakts aufmerksam registriert. Und auch jetzt, bei den neuen Plänen, dürfte es mannigfaltige Schlupflöcher geben, Sanktionen zu umgehen, etwa durch Umbuchungen von Schulden in Schattenhaushalte. Ob die jüngsten Beschlüsse wasserdicht sind, wird sich erst im Ernstfall zeigen.

Voth: Mich stört auch die politische Fokussierung aufs Sparen. Diese Krise zeigt wie in einem ökonomischen Großexperiment, dass massive Ausgabenkürzungen die Volkswirtschaften schrumpfen lassen. Ob ein bestimmtes Land 2015 einen Primärüberschuss von drei Prozent erreicht, ist den Märkten heute ziemlich wurscht, viel wichtiger ist die Frage, ob eine Staatsanleihe noch Käufer findet und wie sich die Banken refinanzieren können.

3 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 05.01.2012, 15:44 UhrAnonymer Benutzer: Wegweiser

    EFSF, ESM, saldierte Leistungsbilanzen im Europool, ein deutscher Euro gleich einem anderen Eurolandeuro, Target II EZB Finanzierungsmechanismus, aufgekaufte Staatsanleihen, seit 13 Jahren keine Aufwertungsgewinne als volkswirtschaftliche Sozial- und Wohlfahrtsdividende, finanziell ruinierte kommunale Gebietskörperschaften, hohe Abwanderungsquote von hochqualifizierten Arbeitskräften, reale stark negative Einkommensentwicklungen von Arbeitnehmern und Rentnern seit der Euroeinführung, die Rücktritte von Axel Weber und von Jürgen Stark und die Nichtnominierung von Jörg Asmussen sprechen eine klare Sprache. Sicherlich werden wir in den EZB-Gremien permanent überstimmt.

    Die Risiken aus den bereits durchgeführten und den noch angedachten Rettungsaktionen sind unkalkulierbar für unsere eigene Volkswirtschaft, jedoch scheint diese Fachleuten der Erhalt der Eurozone als Weichwährungs-, Transfer- und Schuldenunion wichtiger zu sein als eine eigene prosperierende leistungsstarke Volkswirtschaft.

    Die Finanzierung der betreffenden Institute sollte einmal kritisch hinterfragt werden.

  • 05.01.2012, 13:22 UhrAnonymer Benutzer: Pequod

    Diesen Theoretikern scheint entgangen zu sein, daß eine BRD
    durch seine Exportschüsse zum einen und zum anderen durch
    einen Euro der nicht floaten kann eine praktisch bankrotte EU
    mit ihrem nicht mehr finanzierbaren Wasserkopf Brüssel an der
    Spitze von der BRD Dauersubventioniert wird.
    Wenn man Hemmungen mit der Bezeichnung einer floatbaren Wäh-
    rung hat, dann kann man diesen auch DEURO nennen, bevor das
    ganze marode Eurosystem von selbst zusammenbricht.

  • 05.01.2012, 10:48 UhrAnonymer Benutzer: Joker1

    Das ganze Gerede ist doch "Blech".
    Der Euro hat keine Zukunft.
    Die Deutschen werden zahlen bis sie "schwarz" und bankrott sind !
    Zurück zur DM, Umtauschkurs: 1 Euro = 2 neue DM!
    Das Volk wurde betrogen !
    Nur die bekannten, genannten Kasten haben profitiert und wollen
    Ihre Pfründe retten!

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