S&P-Chefvolkswirt: "EZB muss aggressiver eingreifen"

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exklusivS&P-Chefvolkswirt: "EZB muss aggressiver eingreifen"

von Angela Hennersdorf

Der Chef-Ökonom der US-Ratingagentur Standard & Poor’s, Paul Sheard, warnt vor einer neuen Euro-Krise und fordert ein aggressiveres Eingreifen der Europäischen Zentralbank.

"Die Notenbank muss mehr machen, um ihre Ziele zu erreichen. Sie muss aggressiver eingreifen", fordert Sheard in einem Interview mit der WirtschaftsWoche. Die EZB habe nicht nur die Aufgabe für Preisstabilität zu sorgen, sondern sie müsse auch mit ihrer Geldpolitik zu den Zielen der EU beitragen. "Dies sind Ziele wie Vollbeschäftigung sowie der soziale und wirtschaftliche Zusammenhalt in Europa." Nichts davon sei ihr bisher gelungen, kritisierte Sheard.

Reaktionen auf EZB-Zinssenkung und Wertpapierkäufe

  • Worum es geht

    Die EZB senkt im Kampf gegen eine drohende Deflation ihren Leitzins überraschend auf das neue Rekordtief von 0,05 Prozent. Der Schlüsselsatz für die Versorgung des Bankensystems mit Zentralbankgeld lag seit Juni bei 0,15 Prozent. In der anschließenden Pressekonferenz kündigte Zentralbank-Chef Mario Draghi zudem an, dass die EZB sogenannte Kreditverbriefungen (ABS) sowie Pfandbriefe aufkaufen wird. Ökonomen und Händler sagten dazu in ersten Reaktionen:

  • Hans-Werner Sinn, ifo-Präsident

    "Die EZB hatte ihr Pulver schon viel zu früh verschossen und die Zinsen zu weit gesenkt. Jetzt ist sie in der Liquiditätsfalle. Sie kann an dieser Stelle kaum noch etwas tun. Bedauerlicherweise deutet sich auch der Kauf von Anleihen durch die EZB an. Damit würde sie das Investitionsrisiko der Anleger übernehmen, wozu sie nicht befugt ist, weil es sich dabei um eine fiskalische und keine geldpolitische Maßnahme handelt. Eine solche Politik ginge zulasten der Steuerzahler Europas, die für die Verluste der EZB aufkommen müssten."

  • Ralf Umlauf, Helaba

    "Die Notenbanker argumentieren mit den zuletzt schwachen Konjunkturdaten und der geringen Inflation. Auch die gesunkenen mittelfristigen Inflationserwartungen wurden thematisiert. In diesem Zusammenhang wurden auch die Projektionen für Wachstum und Inflation in diesem Jahr nach unten angepasst. Insofern bleibt die Tür für weitergehende Lockerungsschritte weit geöffnet."

  • Eugen Keller, Metzler Bank

    "EZB-Chef Mario Draghi hat geliefert, warum auch immer. Für uns ist das nicht gerade eine glückliche Maßnahme. Alle Banken und Vermögensverwalter sind jetzt in noch größerer Not, ihre Liquidität irgendwo zu parken, ohne bestraft zu werden. Auch die Sparer dürften sich verraten fühlen und werden immer mehr ins Risiko gezwungen."

  • Michael Kemmer, Hauptgeschäftsführer Bankenverband BDB

    "Die ökonomischen Wirkungen der heutigen Zinssenkung sind vernachlässigbar. Die EZB hat sich im Vorfeld der Zinsentscheidung unnötig unter Zugzwang gesetzt. Die Gefahr, dass der Euro-Raum in eine gefährliche Deflationsspirale rutscht, ist nach wie vor gering. Auf der anderen Seite wächst mit den Aktivitäten der EZB die Gefahr, dass die in mehreren Euro-Ländern dringend erforderlichen Wirtschaftsreformen weiter verschleppt werden."

  • Marco Bargel, Postbank-Chefvolkswirt

    "Das ist überraschend. Eine Zinssenkung hatte niemand so richtig auf der Agenda - zumal sie konjunkturell nichts bringt und verpuffen wird. Die Deflationsgefahr lässt sich damit nicht vertreiben. Dazu bedarf es eher eines Anleihen-Kaufprogramms. Die EZB signalisiert mit ihrer Maßnahme aber, dass sie sehr weit zu gehen bereit ist. Das ist eher ein symbolischer Schritt. Die realwirtschaftlichen Folgen sind bescheiden."

  • Carsten Brzeski, ING

    "Beginnt jetzt auch EZB-Chef Mario Draghi damit, Geld aus dem Hubschrauber abzuwerfen? Wenn Draghi um 14.30 Uhr mit der Pressekonferenz beginnt, wissen wir mehr. Dann wird sich zeigen, ob die Zinssenkung nur das Vorspiel für weiteres geldpolitisches Feuerwerk sein wird oder er damit den bequemsten Weg wählte, um unkonventionelle Maßnahmen in großem Stil ohne Gesichtsverlust abzuwenden."

  • Ein Aktienhändler

    "Das war schon eine heftige Überraschung, mit einer Zinssenkung hat kaum einer gerechnet. Bei der Senkung der Zinsen handelt es sich zwar nur noch um Nuancen, aber das ist ein wichtiges Signal an die Kapitalmärkte, dass die EZB bereit ist, alles zu tun, was nötig ist."

Laut Sheard "besteht ein augenfälliges Risiko einer neuen Rezession in Europa. Die ökonomischen Bedingungen sind alarmierend: anhaltend niedrige Inflation, kaum Wachstum, hohe Arbeitslosenzahlen." Auch in Deutschland sei die Entwicklung nicht erfreulich, sagt der S&P-Chefökonom. "Die Wirtschaft stagniert." In der Euro-Zone rechnet S&P laut Sheard "nur noch mit einem Wachstum von einem Prozent in diesem und von 1,4 Prozent im kommenden Jahr".

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"Vom primären Mandat der Preisstabilität – mit einer Inflationszielrate von rund zwei Prozent – wie auch von ihrem sekundären Mandat ist die EZB meilenweit entfernt. Die Inflationsrate in der Euro-Zone liegt bei 0,3 Prozent, die Arbeitslosenquote im Durchschnitt bei über elf Prozent", führt der Chef-Volkswirt aus. Mit der Ankündigung, forderungsbesicherte Wertpapiere (ABS) zu kaufen, habe die EZB endlich einen Kurswechsel vorgenommen, begrüßt Sheard den umstrittenen Vorstoß der Notenbank. Gleichzeitig schränkt er aber ein: "Die EZB sollte nicht direkt Staatsanleihen von Regierungen einzelner Euro-Länder kaufen. Das ist tatsächlich direkte Staatsschuldenfinanzierung."

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