S&P-Ökonom Paul Sheard: "Die EZB muss aggressiver eingreifen"

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InterviewS&P-Ökonom Paul Sheard: "Die EZB muss aggressiver eingreifen"

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Paul Sheard, Chef-Ökonom der US-Ratingagentur S&P

von Angela Hennersdorf

Paul Sheard, Chef-Ökonom der US-Ratingagentur S&P, warnt vor einer neuen Euro-Krise und fordert eine noch expansivere Geldpolitik der EZB.

WirtschaftsWoche: Mr. Sheard, Ihre Ratingagentur hat gerade den Ausblick für Frankreich von stabil auf negativ geändert und die Kreditwürdigkeit von Finnland um eine Stufe gesenkt. Stehen wir vor der nächsten Krise in Europa?

Sheard: Es besteht ein augenfälliges Risiko einer neuen Rezession in Europa. Die ökonomischen Bedingungen sind alarmierend: anhaltend niedrige Inflation, kaum Wachstum, hohe Arbeitslosenzahlen. In der Euro-Zone rechnen wir nur noch mit einem Wachstum von einem Prozent in diesem und von 1,4 Prozent im kommenden Jahr.

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Stresstest-ABC

  • A wie Asset Quality Review (AQR)

    Der erste Teil der Bankentests. Bei diesem Bilanzcheck hatten sich die Aufseher vorgenommen, mindestens 160 000 Kreditakten in die Hand zu nehmen und Risikopapiere im Volumen von 3,72 Billionen Euro unter die Lupe zu nehmen.

  • B wie Bankenunion

    Die führenden Banken in den 18 Euro-Staaten werden ab November gemeinsam überwacht. Ab 2016 greifen zudem gemeinsame Regeln zur Sanierung und - im Notfall - Schließung von Banken.

  • C wie Comprehensive Assessment

    Die aktuellen Bankentests verknüpfen einen Krisentest (Stresstest) mit einem direkten Blick in die Bücher der Banken, das ist neu.

  • D wie Durchfaller

    Das Wort nehmen Aufseher und Banker ungern in den Mund. Faktisch gilt: Institute, die am Ende nicht die gefordert Kapitalquote von acht Prozent vorweisen, haben die Anforderungen der Tests nicht erfüllt und müssen Kapitallöcher stopfen.

  • E wie EZB

    Die Notenbank ist eigentlich für die Zinsen im Euroraum zuständig. Weil in der Kürze der Zeit keine neue Behörde aufgebaut werden konnte, übertrugen Europas Politiker der Europäischen Zentralbank zusätzlich die Aufgabe der zentralen Bankenaufsicht.

  • F wie Finanzkrise

    Die Krise der Jahre 2007/2008 brachte die Finanzwelt an den Rand des Kollaps. Die Rettung maroder Banken kostete die Steuerzahler Milliarden. Das soll sich nach dem Willen der EU-Politiker nicht wiederholen. Daher die harten Tests und eine strengere Aufsicht vor allem über grenzüberschreitend tätige Banken.

  • G wie Großbank

    Manche Banken sind so groß, dass ihr Kollaps das weltweite Finanzsystem in Schieflage bringen könnte. Neun dieser sogenannten global systemrelevanten Banken wird die EZB künftig direkt überwachen, darunter die Deutsche Bank.

  • H wie Heimatmarkt

    Bisher waren die Aufseher in den Ländern zuständig, in denen Banken ihre Zentrale haben. Allein der Blick auf den Heimatmarkt ist jedoch zu wenig. Grenzüberschreitend tätige Banken sollen künftig von Aufsehern aus mehreren Ländern überwacht werden.

  • I wie Immobilien

    Unter ihrer laxen Vergabe von Krediten für Bauherren und Wohnungskäufer haben vielen Banken noch heute zu knabbern. Unter anderem deshalb schauen die Prüfer bei den Tests auch darauf, ob Institute auch dann überlebensfähig sind, wenn die Immobilienpreise abstürzen.

  • J wie Joint Supervisory Teams

    Für die Beaufsichtigung der 120 führenden Banken im Euroraum werden Teams aus EZB-Mitarbeitern und Aufsehern aus den nationalen Behörden gebildet. Für große Banken, deren Kollaps das ganze System gefährden könnte, können solche Aufsichtsgremien 50 bis 70 Experten umfassen.

  • K wie Kapitalquote

    Banken sollen Risiken durch mehr eigenes Kapital absichern. Dazu zählen Gelder, die im Verlustfall uneingeschränkt zur Verfügung stehen wie Stammkapital der Eigentümer, eigene Aktien und einbehaltene Gewinne. Bei den Tests wird eine Quote von acht Prozent hartem Kernkapital verlangt. 100 Euro in Risikopositionen muss eine Bank also mit mindestens 8 Euro eigenem Geld abdecken.

  • L wie Leverage Ratio

    Auch diese Verschuldungsobergrenze soll Banken sicherer machen. Dabei sollen die Geschäfte einer Bank unabhängig vom Risikogehalt pauschal ins Verhältnis zum Eigenkapital gesetzt werden.

  • M wie Millionenkosten

    Der Aufwand für die seit Monaten laufenden Checks ist gewaltig. 2000 Aufseher und Wirtschaftsprüfer waren allein in Deutschland mit der Überprüfung der Banken beschäftigt, europaweit waren es 6000. Dazu kommen zahllose Mitarbeiter bei den einzelnen Instituten. Viele Banken berichten von Kosten im zweistelligen Millionenbereich.

  • N wie Nouy

    Die Französin Danièle Nouy leitet die neue europäische Bankenaufsicht unter dem Dach der EZB. Die 64-Jährige war zuvor Chefin der französischen Bankenaufsicht.

  • O wie Oliver Wyman

    Für die Konzeption und Durchführung der Bankentests hat die EZB das US-Beratungsunternehmen Oliver Wyman angeheuert, das im Jahr 2012 einen Stresstest für die spanischen Banken durchführte.

  • P wie Puffer

    Eigenkapital gilt als Puffer für Krisenzeiten. Seit den Erfahrungen der Finanzkrise fordern Aufseher dickere Polster.

  • Q wie Quote

    Mancher Beobachter meint, die Tests seien nur glaubwürdig, wenn es eine bestimmte Quote von Durchfallern unter den 130 von der EZB untersuchten Instituten gebe.

  • R wie Rettungsfonds

    In vielen Ländern gibt es Notfallprogramme für den Fall, dass Banken frisches Geld brauchen, es aber bei Investoren nicht bekommen. Umstritten ist, ob in letzter Konsequenz auch Gelder aus dem europäischen Schutzschirm ESM genutzt werden können.

  • S wie Stresstest

    Der Krisentest soll zeigen, ob Banken auch unter widrigen Umständen ausreichend Kapital haben, um ihr Geschäft fortzuführen. Auf Verbraucher übertragen könnte der Test so aussehen: Reichen Einnahmen, Ersparnisse oder Versicherungsschutz auch dann, wenn Auto und Waschmaschine gleichzeitig kaputtgehen, der Arbeitgeber pleitegeht und man erst im nächsten Jahr einen neuen Job findet?

  • T wie Transparenz

    Die gewaltige Datensammlung soll auch für mehr Transparenz sorgen: Welche Altlasten schlummern noch in den Bankbilanzen, wo sind die Risiken, wie groß ist der Kapitalbedarf?

  • U wie Unabhängigkeit

    Kritiker meinen, es vertrage sich nicht, dass die EZB gleichzeitig für die Zinsen im Euroraum zuständig ist - von denen Banken abhängen - und die Banken überwacht. Sie finden, Geldpolitik und Bankenaufsicht sollten deutlicher getrennt werden.

  • V wie Vertrauen

    Das ist das große Ziel der Aufseher. Investoren und Kunden sollen wieder Vertrauen in Europas Banken schöpfen.

  • W wie Wackelkandidaten

    Viele Banken haben vorgesorgt, bei manchen könnte es im Test jedoch eng werden. Wackelkandidaten gibt es in Griechenland, Spanien, Portugal. Größtes Sorgenkind unter den 23 deutschen Instituten im Test ist die HSH Nordbank.

  • X wie x-Mal

    Stresstests gehören seit Jahren zum Instrumentenkasten von Bankenaufsehern weltweit. Europas Erfahrungen sind durchwachsen. Kenner finden, die USA hätten es 2009 mit ihrem ersten Test besser gemacht: Sie zwangen 10 von 19 Häuser, ihre Kapitaldecke zu stärken.

  • Y wie Yellow

    Die EZB entwickelte ein Ampelsystem für die Rückmeldung an die Banken über die Güte der gemeldeten Daten. Gelb (englisch: „yellow“ - bei Ampeln streng genommen und so auch in der EZB-Terminologie: „amber“) signalisierte Klärungsbedarf.

  • Z wie Zeitplan

    Gerade mal etwa ein Jahr hatte die EZB, um die neue Mammutbehörde für die Bankenaufsicht mit etwa 1000 Mitarbeitern aufzubauen. Parallel lief die aufwendigste Überprüfung, der sich die Banken im Euroraum bislang stellen mussten.

Die Entwicklung in Deutschland ist nicht erfreulich. Die Wirtschaft stagniert. Politiker in ganz Europa sollten sich darum kümmern, eine neue Rezession zu verhindern. Eine Krise entsteht ja nicht über Nacht, das ist ein schleichender Prozess.

Die Politik kommt allerdings mit strukturellen Reformen nicht voran. Stattdessen soll es die Europäische Zentralbank richten. Kann die EZB mit einer immer lockereren Geldpolitik Europa aus dem Wachstumstief helfen?

Alle großen Zentralbanken stehen derzeit zu sehr im Rampenlicht. Da wird jedes Wort auf die Goldwaage gelegt und analysiert. Die Notenbanken werden kritisiert, dass sie zu viel tun oder zu wenig – je nachdem, von welcher politischen Seite die Attacke kommt. Notenbanken sollten sich auf ihr Mandat konzentrieren. Die EZB hat ein primäres Mandat. Das lautet, für Preisstabilität zu sorgen. Sie hat aber noch ein zweites Mandat, das weniger Aufmerksamkeit bekommt.

Und das wäre?

In den europäischen Verträgen ist festgeschrieben: Die EZB muss mit ihrer Geldpolitik zu den Zielen der EU beitragen. Dies sind Ziele wie Vollbeschäftigung sowie der soziale und wirtschaftliche Zusammenhalt in Europa. Man kann darüber diskutieren, wie viel Gewicht die Notenbank auf diese Ziele legen sollte. Aber es überrascht mich, dass dieser Aspekt kaum eine Rolle spielt.

Was bedeutet das für die Geldpolitik der EZB?

Sie muss auch auf die Arbeitslosenquote schauen und sich fragen: Setzen wir die richtigen geldpolitischen Instrumente ein, mit denen wir die Entwicklung in der Euro-Zone positiv beeinflussen können, ohne vom Primärziel der Preisstabilität abzuweichen?

Und? Erfüllt die EZB das?

Vom primären Mandat der Preisstabilität – mit einer Inflationszielrate von rund zwei Prozent – wie auch von ihrem sekundären Mandat ist die EZB meilenweit entfernt. Die Inflationsrate in der Euro- Zone liegt bei 0,3 Prozent, die Arbeitslosenquote im Durchschnitt bei über elf Prozent. Die Notenbank muss mehr machen, um ihre Ziele zu erreichen. Sie muss aggressiver eingreifen.

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