Tauchsieder: Der Westen steckt in einer Identitätskrise

kolumneTauchsieder: Der Westen steckt in einer Identitätskrise

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Der Westen steckt in einer Identitätskrise, findet Dieter Schnaas.

Kolumne von Dieter Schnaas

Der Kapitalismus ist bankrott, die Ungleichheit wächst. Und im EU-Parlament sitzen Menschen, die an seiner Abschaffung arbeiten. Der Untergang des Abendlandes? Sieht fast so aus.

An Gedenktagen und Anlässen zur Selbstbesinnung mangelt es den liberalen Demokratien des Westens nicht. Der 6. Juni ist so ein Datum der Erinnerung (D-Day, 1944), der 9. November (Fall der Mauer, 1989) und natürlich der 11. September (Terroranschläge in den USA, 2001).

Unabhängig vom historischen Hintergrund ist jeder dieser Jahrestage für die Staaten dies- und jenseits des Atlantiks ein kräftiges Symbol für die Universalität von Freiheit, Marktwirtschaft und Menschenrechten - und für den Willen zu deren Verteidigung. Insofern passt auch der 4. Juni (Niederschlagung der Studentenproteste in Peking, 1989) ganz gut in die Reihe der westlichen Besinnungstage.

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Kampf gegen Unterdrückung

Die Erinnerung an das Versagen der chinesischen Führung, ihren Bürgern mehr Kritikfähigkeit und Mitsprache zu gewähren, komplettiert ex negativo die schmeichelnde Selbsterzählung des Westens, die eben nicht nur vom Kampf für Selbstbestimmung, Demokratie und Machtdiffusion zu berichten weiß, sondern auch vom Kampf gegen Unterdrückung, Gewalt, Nepotismus und Machtanmaßung.

Offenbar reicht dem Westen die Positivität seiner eigenen Werte nicht aus. Offenbar benötigt er die Negativität eines Außen, eines Anderen und Fremden, um seiner selbst gewiss sein zu können. Daran ist prinzipiell nichts auszusetzen. Jeder Selbstentwurf braucht Abgrenzung. Und jede Wertegemeinschaft kann ihre Identität nur in der Distanz zu dem bilden, was sie - identitätsbildend - ausschließt. Gerne erinnert werden wir nicht daran.

Haben wir nach dem Fall der Mauer und dem Zusammenbruch des "Ostblocks" nicht geglaubt, dass die Welt künftig nur noch inklusiv zu denken sei? Sahen wir damals nicht alle mit Francis Fukuyama ein "Ende der Geschichte" heraufdämmern, eine gewissermaßen zeitlose Zeit, in der dem Westen nur noch die Aufgabe verbleiben würde, sein allgemein anerkanntes Zivilisations- und Wohlstands-Projekt zu globalisieren?

Mahnung für Freiheit? Obama und Putin treffen sich zum "informellen Gespräch"

Am Rande der D-Day-Feierlichkeiten in der Normandie haben Barack Obama und Wladimir Putin miteinander gesprochen. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel traf sich mit dem Kremlchef.

Bei den Feiern zum 70. Jahrestag der Landung der alliierten Streitkräfte an der nordfranzösischen Küste im Zweiten Weltkrieg empfängt Frankreichs Präsident Francois Hollande 20 ausländische Staats- und Regierungschefs. Dazu gehören außer US-Präsident Barack Obama, der britischen Königin Elizabeth II. und Merkel auch der ukrainische und der russische Präsident. Hollande hoffe, dass sich Russlands Präsident Wladimir Putin und sein neugewählter ukrainischer Kollege Petro Poroschenko zumindest die Hand schütteln würden. Quelle: REUTERS

Fukuyamas neohegelianischer These lag der Glauben zugrunde, dass der Westen das "Außen" erfolgreich ausgeschaltet habe. Seine liberale, marktwirtschaftliche Identität sei stilbildend für die ganze Welt - und seine Identitätsbildung damit erfolgreich abgeschlossen.

Der Rest sei bloße Verfeinerung, Verbesserung, Optimierung - ein gemeinsames Weltregieren nach Maßgabe des gerechten Westens: die Menschheitsaufgabe, aus der harmonia mundi eine maxima harmonia mundi zu machen. Was für eine Enttäuschung, was für ein Irrtum!

Nichts außer Verachtung

Tatsächlich hat sich das Außen in den vergangenen Jahren mit Macht zurück gemeldet. Der religiöse Fundamentalismus in der arabischen Welt hat für unsere Toleranz nur Verachtung übrig. Länder wie China verweigern sich offen, zuweilen schamlos dem Universalismus unserer Werte. Und Russland bringt den Partikularismus von Volkskultur und Nationalmythos in konservativ-revolutionäre Stellung gegen alles, was es als Dekadenz des Liberalismus verunglimpft.

Hinzu kommt, dass der neue Druck von außen weit davon entfernt ist, der Identitätsbildung nach innen förderlich zu sein. Stattdessen ist der Westen sich selbst fremd, ja: feind geworden in den vergangenen Jahren.

Sein Modell der Marktwirtschaft ist zunehmend dysfunktional, produziert Macht und Ungleichheit, protegiert die Macht globaler Banken und Konzerne. Sein moralischer Universalismus ist diskreditiert, seit im Namen der Freiheit völkerrechtswidrige Kriege geführt werden (Kosovo), erlogene Beweise der Rechtfertigung für Militäraktionen dienen (Irak), Drohnen Hunderte von Zivilisten töten (Afghanistan), rechtsfreie Räume erschlossen werden, um durch Quälerei und Folter Informationen zu erzwingen (Guantanamo) - und seitdem befreundete Nationen, die stolz sind auf ihre Kultur der Kritik, der Meinungsfreiheit und des "offenen Wortes", dazu übergangenen sind, sich gegenseitig auszuspionieren (NSA).

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