Tauchsieder: Entkopplung von der Realwirtschaft

Tauchsieder: Krise? Welche Krise?

Entkopplung von der Realwirtschaft

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Was uns zur dritten Frage führt, zur Funktion von modernen Finanzmärkten: Deren Aufgabe besteht nicht wie ehedem darin, der Wirtschaft als ihr Seismograf über sich selbst Auskunft zu verleihen, sondern darin, dass das Geld sich in ihnen möglichst unbegrenzt vermehren kann. Die Börsen sind längst kein Markt der Märkte mehr, in denen die Wirtschaft sich selbst den Puls fühlt, sondern eine Geldmaschine, die darauf programmiert ist, alle Verbindungsreste zur schwach wachsenden Realwirtschaft zu kappen. Die „Entkopplung“ der Finanzmärkte von der so genannten Realwirtschaft ist unbedingt gewollt, ja: zwingende Voraussetzung dafür, dass das Wohlstandsversprechen überhaupt noch einigermaßen aufrechterhalten werden kann.

Lebensversicherer, die ihren Anlegern in wachstumsreligiösen Niedrigzinsländern viereinhalb Prozent Rendite garantieren und mit Tagesgeldern und Schatzbriefen notwendig Verluste erwirtschaften würden, müssen sich mit B-Papieren mäßig beleumundeter Verschuldungsstaaten - etwa griechischen Staatsanleihen – eindecken oder aber gleich auf Kreditausfälle, Währungsschwankungen und Staatsbankrotte wetten. Gleichzeitig sind die nominell „unabhängigen“ Notenbanken zur Durchführungsagentur einer in Berlin, Paris und Brüssel abgemischten Währungsrettungspolitik verkommen: Sie sind dazu verdonnert, immer neues Geld in den Wirtschaftskreislauf zu pumpen – und damit die Refinanzierbarkeit von Banken und Staaten sicherzustellen.

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Fazit: Die politisch derzeit auszuhandelnden Fragen sind marginal im Vergleich zur großen Systemfrage. Die gegebenen Antworten lösen ein aktuelles konjunkturelles Problem, aber sie eröffnen keine zukunftsweisende Perspektive. Bestenfalls verzeitlichen sie die Krise; schlimmstenfalls verschärfen sie sie. Was also tun? Kräftig kürzen und sparen, die Steuern und Einnahmen erhöhen? Wir sehen in Griechenland, was das bedeutet: Die Reichen machen sich davon, die Normalbürger bluten, soziale Unruhen drohen. Kräftig investieren, Staatsprogramme auflegen und Geld drucken? Damit lindert man die Symptome und forciert die Krankheit zugleich: die Verschuldungsspirale geht in die nächste Runde, am Ende stehen Währungsschnitt und Staatsbankrott. Eine kontrollierte Inflation versuchen, dem Geld (und damit auch den Schulden) schleichend Wert entziehen? Das mag den überschuldeten Staat sanieren, frisst aber verlässlich das Ersparte von Sparkassenkunden auf – und  bestraft damit ausgerechnet die solidesten aller Staatsbürger.

Kurzum, einen Königsweg aus der Krise gibt es nicht. Was es gibt, so oder so, ist ein bisschen Zeitgewinn und die Chance auf die Einsicht, dass der finanzmarktliberale Staatsschuldenkapitalismus restlos bankrott ist. Dass er keine Zukunft hat, weil er die Grundlagen auffrisst, auf denen er beruht. Dass der Kapitalismus, will er seine Ressourcen nicht verzehren, Geld braucht, das seinen Preis hat - und Kredite, die verantwortlich bearbeitet werden. Kurzum, die Systemfrage ist, ob wir es wollen oder nicht, zurück. Sie lautet nicht wie damals: Kapitalismus oder Sozialismus. Sondern Kapitalismus - oder Marktwirtschaft. 

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