Tauchsieder: Krise? Welche Krise?

kolumneTauchsieder: Krise? Welche Krise?

Kolumne von Dieter Schnaas

Nach fünf Jahren glücklich vorbei? Oder nur schnöde beiseite geschoben? Wir haben uns in der Krise eingerichtet, machen weiter, immer weiter. Warum bloß stellt keiner die Systemfrage?

Vor fast vier Jahrzehnten, im November 1975, legte die britische Prog-Rock-Band Supertramp ihr viertes Studioalbum vor. Die zehn Songs sind heute nicht ganz zu Unrecht beinah‘ vergessen, aber der Titel der Platte und das Cover, die sind zeitlos gültig, bleibend, legendär. „Crisis? What Crisis?“ stand da geschrieben - und vor der Kulisse einer sagenhaft trostlosen Industrielandschaft mit anderthalb Dutzend rauchenden Schloten entspannte sich, den Deckchair trotzig aufgespannt im grauen Schotter, ein zufriedener, junger Mann in Badehose - beschallt von einem Kofferradio, beschirmt von einem knallorangen Sonnenschirm, ein Erfrischungsgetränk in Reichweite. Der Mann in der Badehose sonnte sich, keine Frage, stoisch, störrisch, ein Symbol des Trotzes und des Eigensinns. Allein was ihn so hell beschien, darüber gab das Cover keinen Aufschluss. Nur der Mittagsstern? Oder doch ein Atomblitz? Darüber wurde damals heftig diskutiert: Handelt es sich bei dem Mann um einen modernen Diogenes, der den herrschenden Industriekapitalismus bittet, ihm aus der Sonne zu gehen? Oder um das Sinnbild einer Sorglosigkeit, die die Apokalypse herannahen weiß und sich bis dahin einen möglichst schlanken Fuß macht?

Krise? Welche Krise? – achtunddreißig Jahre nach dem Supertramp-Album klingt die Doppelbödigkeit der Doppelfrage boshafter denn je. Denn einerseits ist die Krise – hierzulande – beinahe unsichtbar geworden. Andererseits versichern uns Politiker, Ökonomen, Leitartikler und andere Weltweise beinah' täglich, dass sich die Krise dramatisch verschärft. Womit also haben wir es zu tun, wenn wir heute von der „Krise“ reden? Mit der fortschreitenden Zuspitzung zahlreicher Gefahrenlagen - und mit einer proportional fortschreitenden Verstumpfung unseren Krisenbewusstseins? Fast scheint es so. Jeder weiß heute informierter denn je: Es gibt sie, die Krise. Die Zeit drängt. Wir können nicht so weitermachen wie bisher.

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Vor der Bundestagswahl vermittelt vor allem die Regierung den Eindruck, die Krise sei vorbei. Doch die Vertuschungsstrategie wird sich bitter rächen.

Quelle: dpa

Und doch ist die Krise heute weniger denn je der Zeitpunkt der Entscheidung, die günstige Gelegenheit zur Umkehr - der kairos, der entweder genutzt oder verpasst wird. Die westlichen Industrienationen haben fast alles, was Schmutz und Lärm macht, in Schwellenländer ausgelagert. Der moderne Wirtschaftsstandort trainiert für seine atomkraftfreie Zukunft. Die Deutschen filtern Feinstaub, teilen Autos, kaufen Bio. Die Zahl der Beschäftigten ist so hoch wie nie. Die Wirtschaft wächst. Und seit Mario Draghi, der Chef der Europäischen Zentralbank, Geld druckt, ist der Euro gerettet und mit ihm Europa, unser Wohlstand, unsere Zukunft. Krise? Welche Krise?

Wie widersprüchlich die Problemlagen heute wirklich sind, davon erzählt beispielhaft die gegenwärtige Banken-, Finanz-, Währungs-, Schulden-, Geld- und Wirtschaftskrise. Dass all diese Bezeichnungen von den meisten Kommentatoren wie Synonyme verwendet werden, ist erstens unscharf analysiert, aber zweitens nur konsequent, denn das eine – die Bankenkrise – hängt mit dem anderen – der Schuldenkrise – zusammen, und die Schuldenkrise wiederum hat stark mit einem Drittem - der Geldkrise nämlich, und die wiederum mit dem Vierten, der Wirtschaftskrise zu tun… Fragt sich nur, warum die Regierenden aus der Offensichtlichkeit dieses systemischen Defekts nicht auch die Schlussfolgerung ziehen, wir hätten es mit einer „Systemkrise“ zu tun. Und zwar nicht, weil es um die Rettung "systemrelevanter" Banken ginge, von deren Überleben das Überleben unserer global vernetzten Wachstums- und Wirtschaftsordnung abhängt. Sondern weil es um die Wachstums- und Wirtschaftsordnung selbst geht: Der Kapitalismus an sich steht zur Debatte.

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