Tauchsieder: Krise? Welche Krise?

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Krise - welche Krise?

Kolumne von Dieter Schnaas

Nach fünf Jahren glücklich vorbei? Oder nur schnöde beiseite geschoben? Wir haben uns in der Krise eingerichtet, machen weiter, immer weiter. Warum bloß stellt keiner die Systemfrage? (Teil 2)

Vergangene Woche haben wir die Krise des finanzmarktliberalen Staatsschuldenkapitalismus skizziert und die verhängnisvolle Abhängigkeit, mit der "Staat" und "Markt" aufeinander bezogen sind bei der Aufrechterhaltung unserer Wohlstand- und Wachstumsillusion. Um aber zu verstehen, dass wir Gefangene der Krise sind, die wir angeblich bekämpfen, solange wir die Frage ihrer Lösung nicht als Systemfrage begreifen, müssen wir verstehen, welchen Gesetzen der Kapitalismus unterliegt, was überhaupt (heute) Geld ist und welcher Logik die Märkte folgen. Die Antworten auf alle nachgeordneten Fragen ergeben sich dann praktisch von allein. Zunächst also: Auf welchen Gesetzen fußt der Kapitalismus?

Kurz gesagt, es sind deren drei: Beschleunigung, Wachstum und Instabilität. Niemand hat das früher und besser verstanden als Benjamin Franklin (1706 – 1790), das amerikanische Universalgenie. Geld, so Franklin, will im Kapitalismus angelegt sein und investiert werden, es will „arbeiten“ und sich vermehren; es ist, eingesetzt oder nicht, verwendet oder verschwendet, nie das, was es ist, sondern immer sein mögliches Mehr: Produkt, Potenz und Projekt seiner selbst, bewegende und bewegte Substanz, zugleich Modus, Motor und Ziel des kapitalistischen Wirtschaftens: „Geld kann Geld erzeugen und die Sprösslinge können noch mehr erzeugen und so fort.“ Eben deshalb, wegen seiner „zeugungskräftigen und fruchtbaren Natur“, weil es immer mehr Geld in sich trägt, als es repräsentiert, beschert das Kapital seinen Besitzern brennende Unruhe und ewigen Zeitmangel: „Time is money“. Kapitalistisches Geld, so Franklin, ist eine kalkulierbare Summe und zugleich ihr berechnetes Plus – Produktivkapital eben, das sich bei denen, die es einsetzen, nur deshalb häuft und mehrt, um als Aufgehäuftes und Vermehrtes möglichst schnell wieder eingesetzt, aufgehäuft und vermehrt zu werden. Kurzum, ein Kapitalist hat es immer mit mobilisiertem Geld, mit seiner Anreicherung und mit seiner Wiederaufbereitung tun: mit Recycling-Geld, das mit jeder Runde, die es durch den Produktionsprozess dreht, aufgewertet wird.

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Es ist daher kaum verwunderlich, dass ein Kapitalist in der ständigen Angst lebt, das Geld könnte als Ausgegebenes, Gespartes oder Gehortetes sinnlos verschwendet oder vom Staat im Wege von Steuern und Abgaben um seine Fortpflanzungsfähigkeit gebracht werden. „Wer ein Fünfschillingstück umbringt“, so Franklin, „mordet alles, was damit hätte produziert werden können: ganze Kolonnen von Pfunden Sterling.“ Die so populäre Formel von der Wirtschaft, die dem Menschen zu dienen habe und nicht der Mensch der Wirtschaft, ist deshalb eine zwar hübsche, aber höchst irreführende Floskel sozial bewegter Rhetoren: Der Kapitalismus kennt keine innere Ethik, keine Sozialpflichtigkeit, im Gegenteil: Kapitalistisches Wirtschaften bedeutet per definitionem, dass Geld sich nicht (als neutrales Tauschmittel) um Güter und Menschen dreht, eher schon, dass Güter und Menschen sich um das Kapital drehen.

Vor allem aber bedeutet kapitalistisches Wirtschaften, dass sich alle gemeinsam, das Geld, die Güter und der Produktionsfaktor Mensch, mit- und umeinander drehen – und zwar möglichst schnell. Um nichts als des investierten, „arbeitenden“ und zu vermehrenden Geldes willen, müssen die Produktivität der Arbeit gesteigert, die Produktzyklen verkürzt und die Fließbänder beschleunigt werden – und umgekehrt: um nichts als laufend optimierter Waren und Güter willen, muss das kapitalistische Geld investiert, bearbeitet, vermehrt und erneut investiert werden.

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