Tauchsieder: Warum Mario Draghi seiner Zeit voraus ist

kolumneTauchsieder: Warum Mario Draghi seiner Zeit voraus ist

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Mario Draghi und die EZB gehören zu den größten Virtuosen unserer Zeit.

Kolumne von Dieter Schnaas

Alles eine Frage des richtigen Tempus: Man muss sich von Welt und Wirklichkeit lösen, um erfolgreich zu sein. EZB-Chef Mario Draghi zeigt, wie das geht. Eine kulturhistorische Her- und Anleitung, wie man seiner Zeit voraus eilt.

Wenn die Menschen sich buchstäblich aus der Zeit gefallen fühlen, hat eine Krise das Zeug zum Epochenbruch. Man begreift das sofort mit Blick auf vormoderne Gesellschaften, die im Tempus des Imperfekts organisiert waren: Althergebrachte Riten, Sitten und Gebräuche verliehen ihnen Ordnung, Halt, Struktur.

In Europa gab es diese Gemeinwesen bis weit hinein ins 19. Jahrhundert. Die Menschen waren eingebettet in den „Strom des Lebens“, in eine zirkuläre Zeit sich wiederholender Vergangenheit, stabilisiert vom ruhigen Rhythmus des Kirchenjahres und von einem Alltag ohne Horizonterweiterungen, von großfamiliärer Solidarität und den erfahrungssatten Regeln des Volksmundes. Den Einbruch einer schleunigen Gegenwart können solche Gesellschaften nicht verkraften.

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Niemand hat das besser verstanden als Karl Marx, der die Industrielle Revolution 1848 als Tempo- und Tempus-Innovation gedeutet hat: „Alle festen, eingerosteten Verhältnisse mit ihrem Gefolge von altehrwürdigen Vorstellungen und Anschauungen werden aufgelöst … Alles Ständische und Stehende verdampft.“

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Der Industriekapitalismus drängte sich den Menschen im Tempus der Gegenwart auf. Charles Chaplin setzte ihm in „Modern Times“ ein Filmdenkmal. Der Mensch steht rasend still am Fließband und hetzt im Akkord dem Takt der Maschinen hinterher, eilt abends dann prestissimo durchs entseelte Großstadtleben … – ein Rädchen im Getriebe, seiner Arbeit entfremdet, seines stabilen Weltgefühls beraubt: ein Gefangener im „stahlharten Gehäuse“ der modernen Wirtschaftsform, so das Urteil von Max Weber.

Die Menschen leben in der Zukunft

Was die Theoretiker der Entfremdung lange übersehen haben: Der Kapitalismus ist theoretisch (und ökonomisch) im Tempus des Futur I unterwegs. Marx selbst hat das auf die griffige Formel G – W – G’ gebracht: Geld (G) dreht sich um Waren (W), um mehr Geld (G’) zu werden.

Was Marx nicht verstand: dass auch das Proletariat die Aussicht auf ein materiell reich ausgestattetes Leben so verlockend fand, dass die Revolution ausbleiben musste. Nutznießer war die Sozialdemokratie – seit 150 Jahren die politische Adresse aller „Hoffnung auf ein besseres Leben“.

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Mario Draghi Quelle: REUTERS

Dass die SPD heute steht, wo sie steht, hat viel damit zu tun, dass sie programmatisch nie übers Futur I hinausgekommen ist. Die Welt indes hat sich weiter gedreht und erscheint uns heute im Modus des Futur II.

Das kann pädagogisch ein Gewinn sein: Klimaforscher pflegen uns sehr erfolgreich mit Projektionen einzuschüchtern, dass sich der Globus bis 2050 um zwei, drei Grad erwärmt haben wird. Das kann einem aber auch Angst einjagen: Die Big-Data-Propheten im Silicon Valley arbeiten an Algorithmen, die unsere Wünsche erfüllt haben werden, noch ehe wir um sie wussten.

Und das kann schließlich in Sackgassen der Autosuggestion führen: Im Kreditismus der Moderne rechnen wir nicht mehr altmodisch-linear mit Kapital, das sich vermehren wird, sondern bauen mit nicht vorhandenem Geld auf eine rosige Zukunft, in der sich alle Probleme in Luft aufgelöst haben werden.

Man kann daher Mario Draghi und die Europäische Zentralbank mit einigem Recht zu den größten Virtuosen des zeitgemäßen In-der-Welt-Seins erklären: aller Gegenwart enthoben, auf der Schwelle in ein Futur III, in dem alle Vorstellungen von Raum und Zeit aufgehoben waren, sind und sein werden – wo nichts als Wille, Illusion und Gutglaube ist.

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