Tauchsieder: Zurück zur Normalität?

kolumneTauchsieder: Zurück zur Normalität?

Kolumne von Dieter Schnaas

Ein Anschlag auf unsere Werte? Nichts wird mehr sein, wie es war? Müssen Muslime sich öffentlich vom Terror distanzieren? Nein, Nein und nochmals Nein.

Zu den abstoßenden Begleiterscheinungen der „Sozialen Medien“ gehört, dass Politiker und Journalisten sofort in einen Überbietungswettbewerb der getwitterten Trauerbezeugung und geposteten Sofortempörung eintreten, sobald ihnen ein schockierendes Ereignis auf den Leib rückt. Psychologen mögen der geteilten Fassungslosigkeit im Allgemeinen zugute halten, dass der Moment ihrer Mitteilung gleichbedeutend ist mit einem ersten Schritt hin zur Bewältigung des Schreckens: Ich twittere Entsetzen und Anteilnahme, um die Tragweite des Ereignisses nicht an mich heran kommen, um mich von spontan aufsteigenden Gefühlen der Ohnmacht und Bedrohung nicht überwältigen zu lassen.

Das ist verständlich, allerdings auch ziemlich infantil, sofern man sich in der Nacht von Freitag auf Samstag nicht in der Nähe der Pariser Tatorte aufgehalten hat. Es ist aber überdies auch unangemessen angesichts des traumatisierenden Horrors, der die überlebenden Opfer ereilt hat und angesichts der existenziellen Wut, Traurigkeit und Verzweiflung der Angehörigen der Ermordeten. Vor allem aber ist es, im Falle der Politiker und Journalisten: professionelle Selbstverbilligung. Beide Berufsgruppen, die Politiker und die Journalisten, haben in der Öffentlichkeit nicht „fassungslos“ zu sein - so wie es beispielsweise Kanzleramtsminister Peter Altmaier (CDU) inzwischen bei fast jeder sich bietenden Gelegenheit ist. Politiker und Journalisten haben zu analysieren und politische Konsequenzen zu ziehen, sie haben zu berichten und einzuschätzen, kurz: sie haben die Aufgabe, die Fassungslosigkeit der Menschen zu rationalisieren.

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Das schreiben die französischen Zeitungen zu den Anschlägen

  • Le Figaro

    „Alle Antiterror-Experten haben einen Großangriff in Frankreich erwartet. Die Eingreiftruppen haben sich schon lange auf diese Art von Anschlägen auf verschiedene Ziele vorbereitet.“

  • Le Parisien

    „Wut und Abscheu: Das empfindet man angesichts der Morde, die die Täter in Paris mit der üblichen Feigheit der Terroristen verübt haben. Im Namen der Märtyrer vom Freitag, der unschuldigen Opfer und im Namen der Republik wird Frankreich vereint bleiben und dem Terror die Stirn bieten.“

  • Le Républicain lorrain

    „Elf Monate nach den Anschlägen vom Januar hat der Terrorismus wieder getötet. Im großen Ausmaß. Blind und ohne Mitleid.“ 

  • La Dépêche du midi

    „Paris ist angegriffen. Paris ist die Zielscheibe. Paris wird wieder einmal verletzt, auf blutige, erschütternde und entsetzliche Weise. Nur wenige Tage, bevor die Staatschefs zum UN-Klimagipfel in der französischen Hauptstadt landen, (US-Präsident) Obama, (der russische Präsident) Putin und andere. Der Terrorismus hat vor aller Augen seine Schlagfähigkeit demonstriert, und hat gezeigt, dass er durch Massenmorde ein Entsetzen auslösen kann, das auf Frankreich, aber auf die gesamte Welt zielt. Der Notstand klingt wie ein Signal des Krieges.“

  • La Charente libre

    “Die Opfer der Anschläge sind das entsetzliche Zeugnis eines weltweiten Krieges, der Frankreich gegen seinen Willen zu einem der wichtigsten Schlachtfelder macht.“

  • Ouest-France

    „Dieser Krieg wird uns aufgezwungen. Dies erfordert von jedem Bürger eine Solidarität, um den Bedrohungen und Angriffen zu widerstehen. Wir müssen angesichts dieses Dramas einen kühlen Kopf bewahren, und Entschlossenheit zeigen.“

  • L'Union

    „Dieses Land wird den Terroristen niemals nachgeben. Die Heimat der Menschenrechte wird sich niemals von diesen Terrorgruppen beeindrucken lassen, deren Methoden und mörderischer Hass die Unterschrift trägt, die alle Welt erkannt hat. Wir werden die Barbarei nicht hinnehmen.“ 

Leider war in den ersten 24 Stunden nach dem Attentaten mal wieder das Gegenteil der Fall: Auf die Welle der instantanen Bestürzung folgte eine Welle falscher Verallgemeinerungen und erwartbarer Entgleisungen.

Was die Verallgemeinerungen anbelangt: Offenbar sind den Funktiontasten deutscher Redaktionscomputer Textbausteine zugewiesen, die bei Bedarf „Das war ein Anschlag auf unsere Werte, unsere Freiheit, unsere demokratische Grundordnung“ und „Nichts wird mehr sein, wie es war“ oder „Der 13. November 2015 ist für Europa, was der 11. September 2001 für die USA war“ auswerfen. Nichts von dem ist restlos falsch. Nur leider ist nichts davon auch nur annähernd richtig.

"Westliche Werte" sind nicht das Ziel

Ein Anschlag auf unsere Werte? Nun ja, die Terroristen des Islamischen Staates, von Al Kaida und Boko Haram wollen Angst und Schrecken verbreiten, sie wollen morden, und sie tun es täglich, rund um die Uhr, rund um die Welt - und vergleichsweise selten in unseren Breiten. In den 36 Stunden vor den Angriffen in Paris sind bei einem Doppelanschlag in Beirut (Libanon) 43 Menschen in den Tod gerissen worden und in Bagdad (Irak) weitere 19. Ende Oktober ist ein russisches Passagierflugzeug mit 224 Menschen an Bord über dem Sinai abgeschossen worden - mutmaßlich von Islamisten; auch die Türkei wurde zuletzt von etlichen Bombenanschlägen erschüttert, die teilweise Islamisten zuzurechnen sind.

Anders gesagt: Die Vermutung liegt nahe, dass das Ziel der Terroristen nicht die „Kultur des Westens“ ist, sondern dass sie

a) zuletzt sehr gewaltrational gegen Länder vorgegangen sind, von denen sie sich ins Visier genommen fühlen (Russland, Frankreich, Türkei) - und

b) dass die Terroristen die Zivilisation als solche bekriegen.

Dafür sprechen einerseits die Sprengungen von Kulturgütern zum Beispiel in Palmyra und andererseits der erkennbare Wille zur Verunsicherung und Zerstörung eines „normalen“ Geschäfts- und Alltagslebens, vor allem in Ländern mit schwachen staatlichen Institutionen. Auch die Tatsache, dass die allermeisten Opfer des islamistischen Terrors Muslime (im Irak, in Afghanistan etc.) sind, spricht nicht dafür, dass die Terroristen vor allem „westliche Werte“ ins Visier nehmen.

Nichts wird mehr sein, wie es war? Aber natürlich wird es das in wohlbestimmter Hinsicht, schon in wenigen Wochen wieder. Und das ist auch gut so. Kein aufgeschrecktes Entsetzen, keine ostentative Distanzierung von den abscheulichen Taten vermag die Terroristen so sehr zu irritieren (und zu widerlegen) wie die Normalität, mit der wir in unseren Alltag zurückkehren werden.

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