Thomas Sargent: "Die EZB befindet sich in einem Dilemma"

ThemaEZB

InterviewThomas Sargent: "Die EZB befindet sich in einem Dilemma"

Bild vergrößern

Der US-Ökonom und Nobelpreisträger Thomas Sargent sieht in einer Deflation kein Problem.

von Malte Fischer

Der US-Nobelpreisträger Thomas Sargent sieht in einer Deflation kein Problem und verweist auf die Schwierigkeiten der Notenbank eine Geldpolitik für die gesamte Euro-Zone zu betreiben.

WirtschaftsWoche: Professor Sargent, die Inflation in der Euro-Zone ist zuletzt auf 0,7 Prozent gesunken, woraufhin die EZB sogleich die Leitzinsen gesenkt hat. Droht Europa eine Deflation?

Thomas Sargent: Man sollte aus dem Rückgang der Inflationsrate in der gesamten Euro-Zone keine falschen Schlüsse ziehen. Es gibt einige Länder, in denen die Preise sinken, in anderen steigen sie hingegen. Bei den Ländern mit sinkenden Preisen handelt es sich um Krisenländer wie Griechenland. Diese müssen ihre preisliche Wettbewerbsfähigkeit, die sie in den vergangenen Jahren verloren haben, wieder herstellen. Das erfordert sinkende Löhne oder steigende Produktivität. Dadurch gehen die Lohnstückkosten zurück, und die Unternehmen können die Preise senken. Das ist keine gefährliche Deflation, sondern Teil der nötigen Korrektur, damit diese Länder international wieder konkurrenzfähig werden.

Anzeige

Zur Person

  • Thomas Sargent

    Thomas Sargent, 70, erhielt 2011 gemeinsam mit Christopher Sims den Nobelpreis. Der Ökonom gilt als Experte für Geldpolitik.

Die Zinsreaktion der EZB war also übertrieben?

Die EZB befindet sich in einem Dilemma, weil nicht klar ist, in welche Richtung die Währungsunion marschiert. Finanzkrisen sind häufig mit revolutionären Umbrüchen im institutionellen Design von Wirtschaft und Gesellschaften verbunden. Entwickelt sich die Euro-Gemeinschaft zurück zur Maastricht-Union mit souveränen Staaten und soliden Haushalten, oder werden die Schulden vergemeinschaftet und die finanzpolitischen Kompetenzen zentralisiert? Solange diese Frage nicht geklärt ist, werden die großen wirtschaftlichen und politischen Divergenzen der Euro-Länder es der EZB schwer machen, eine adäquate Geldpolitik für die gesamte Währungsunion zu betreiben.

Auch die Notenbanken in den USA und Japan versuchen mit aller Macht zu verhindern, dass die Preise auf breiter Front sinken. Was ist so schlimm an Deflation?

Historisch gesehen gibt es keinen Grund, sich vor Deflation zu fürchten. Die USA haben in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts jahrzehntelang Deflation gehabt, ohne dass dies zu wirtschaftlichen Krisen geführt hat. Im Gegenteil: In dieser Zeit sind die Pro-Kopf-Einkommen kräftig gewachsen. Und dass die Wirtschaft in Japan in den vergangenen Jahren nicht stärker gewachsen ist, ist nicht etwa Folge der Deflation, sondern das Resultat zu starker Regulierungen und der ungünstigen Demografie. Zudem: Wir alle profitieren, wenn der technologische Fortschritt die Preise sinken lässt, etwa bei Computern. Milton Friedman hat einmal gesagt, das Beste wäre, die Geldmenge so zu steuern, dass die Preise permanent sinken. Die erhöhte Kaufkraft des Geldes machte es dann zu einem gefragten Vermögensgut und käme den einfachen Menschen zugute.

Neil Irwin "Es ist Zeit für einen Deutschen an der EZB-Spitze"

US-Journalist Neil Irwin kennt sich wie kein Zweiter in der Welt der Notenbanker aus. Er erklärt, warum Deutschland im EZB-Rat isoliert ist, welche Fehler Axel Weber gemacht hat – und was ein EZB-Chef können muss.

Quelle: Marcel Stahn für WirtschaftsWoche

Warum streben die Zentralbanken dann eine Inflationsrate von rund zwei Prozent an?

Es gibt ein Bonmot, das lautet: Der Job von Zentralbanken besteht darin, aus schlechten Schulden gute Schulden zu machen. Das Mittel dazu heißt Inflation. Inflation ist eine große Umverteilungsmaschine, die die reale Schuldenlast zugunsten von Kreditnehmern senkt und das Vermögen der Gläubiger entwertet. Davon profitieren die Regierungen mit hohen Schulden.

weitere Artikel

Wie kann man verhindern, dass sich Zentralbanken als Umverteilungsagentur der Regierungen gerieren?

Bis zum Ersten Weltkrieg hat man den Goldstandard gehabt, um zu verhindern, dass Regierungen und ihre Zentralbanken grenzenlos Geld drucken. In dieser Zeit haben die Preise zwar geschwankt, aber das hat sich über die Jahre ausgeglichen. Als die Länder dann den Goldstandard aufgaben, haben die Zentralbanken ungehemmt Geld gedruckt, und die Preise sind in die Höhe geschossen. Der Papiergeldstandard, der sich nach dem Zweiten Weltkrieg etabliert hat, war von der Hoffnung geprägt, man könne mithilfe politisch unabhängiger Zentralbanken eine Art künstlichen Goldstandard etablieren und die Geldmenge so steuern, dass das Preisniveau stabil bleibt. Doch das hat sich als Wunschtraum erwiesen. Statt die Geldmenge technokratisch und unabhängig von politischen Einflüssen zu steuern, sind die Zentralbanken zum Finanzier ihrer Regierungen geworden.

Also wäre es das Beste, den Goldstandard wieder einzuführen?

Ich würde nicht unbedingt sagen, dass es die beste Lösung wäre, aber es wäre auch nicht töricht.

Anzeige
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%