Thorsten Polleit und Eckart Langen von der Goltz : "Wir müssen verhindern, dass das System kollabiert"

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Thorsten Polleit und Eckart Langen von der Goltz : "Wir müssen verhindern, dass das System kollabiert"

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Eckart Langen v. d. Goltz und Thorsten Polleit im Streitgespräch bei WirtschaftsWoche Online.

von Tim Rahmann

Die EZB ist bereit, noch mehr Geld zu drucken. Richtig so, sagt Vermögensverwalter Eckart Langen von der Goltz. Doch Degussa-Chefökonom Thorsten Polleit warnt – und empfiehlt den Kauf von Aktien und Gold.

Herr Langen von der Goltz, seit Jahren lautet Ihre Parole: "Nur die EZB kann Europa retten." Wieso nehmen Sie die Nationalstaaten aus der Verantwortung?

Eckart Langen v. d. Goltz: Die Verschuldung der Nationalstaaten ist fast drei Mal so hoch wie vor der großen Depression Ende der Zwanzigerjahre. Wir müssen aus dem Würgegriff der enormen Verschuldung und der Konjunkturschwäche kommen; das wird uns nicht mit den gängigen Wirtschaftstheorien gelingen. Der Welt droht ein Flächenbrand. Den können nicht die Nationalstaaten allein durch ein paar Reformen hier, ein paar Anpassungen da löschen – sondern nur die EZB, die über grenzenlose finanzielle Möglichkeiten verfügt.

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Polleit: Die Frage ist – bevor man eine Rezeptur erstellt – was die Ursache der Krise ist. Das Problem ist das ungedeckte Papiergeldsystem. Der Dollar, der Renminbi und auch der Euro sind ungedeckte Papiergeldwährungen. Sie führen zu spekulativen Blasen, zu Boom&Bust-Zyklen.

 

Zum Hintergrund

  • Das ist Eckart Langen v. d. Goltz

    Eckart Langen v.d. Goltz ist Gründer und Mehrheitsgesellschafter der PSM Vermögensverwaltung GmbH in Grünwald bei München. Sein Unternehmen, das er 1965 gegründet hat, verwaltet ein Kundenvermögen von etwa 900 Millionen Euro. Ab einem Vermögen von einer Millionen Euro bietet PSM eine individuelle Verwaltung an. Eine standardisierte Vermögensverwaltung können Kunden ab 100.000 Euro eröffnen.

  • Das ist Thorsten Polleit

    Dr. Thorsten Polleit ist Chefökonom bei Degussa Goldhandel in Frankfurt. Er ist Honorarprofessor für Volkswirtschafslehre an der Universität Bayreuth, Partner der Polleit & Riechert Investment Management LLP und Präsident des Ludwig von Mises Institut Deutschland.

  • Die umstrittene EZB-Politik

    Die Europäische Zentralbank kämpft gegen die Konjunkturschwäche in Europa. Die Notenbank versucht, mit einer Politik des billigen Geldes die Wirtschaft anzukurbeln. Der Leitzins wurde nahe Null heruntergesetzt, auch Staatsanleihenkäufe – die ihr laut Mandat verboten sind – werden nicht ausgeschlossen. Kritiker sprechen von einem Machtmissbrauch der EZB und warnen vor einer drohenden galoppierenden Inflation.

Eckart Langen v. d. Goltz: Unser ganzer Wohlstand beruht auf dem Papiergeldsystem. Hinter dem System, sei es Euro oder Dollar, stehen keine leeren Versprechungen, sondern eine enorme Kaufkraft und eine verlässliche Infrastruktur. Die Kaufhäuser quellen über vor Waren. Wir schwimmen nicht in Papiergeld, sondern in einem Meer von Schulden. Ohne neues Papiergeld, ohne Kredite, gibt es kein Wachstum. Die Industrie könnte keine Maschinen auf Pump anschaffen, Privatleute keine Immobilien auf Kredit kaufen.

Polleit: Es ist ein Fehler zu glauben, eine Volkswirtschaft brauche eine steigende Geldmenge, um wachsen zu können. Geld hat nur eine Funktion: die Tauschmittelfunktion. Wenn man die Geldmenge erhöht, bringt das keinen volkswirtschaftlichen Nutzen. Anders als die Ausweitung von Produktions- oder Konsumgütermengen.

Eckart Langen v. d. Goltz: Die Amerikaner haben in den letzten sechs Jahren 8000 Milliarden neue Schulden gemacht. Finanziert von der Notenbank Fed. Das ist der Grund, dass sich die USA heute in einem relativ guten Zustand befindet. Die Erhöhung der Geldmenge hat fundamentale Verbesserung gebracht: Die Wirtschaft wächst, die Arbeitslosigkeit ist gesunken. Wenn wir in Europa dasselbe getan hätten, gäbe es keine Euro-Krise.

Die Szenarien für den Euro-Raum

  • Szenario 1: Weiterwursteln

    Was passiert: Alles bleibt beim Alten
    Wahrscheinlichkeit: Hoch
    Folgen: Instabile Konjunkturentwicklung und hohes Maß an Planungsunsicherheit für europäische Unternehmen

  • Szenario 2: Grexit

    Was passiert: Griechenland verlässt die Euro-Zone
    Wahrscheinlichkeit: Mittel

    Folgen: Schwindendes Vertrauen in den Euro und Gefahr eines Dominoeffekts für Italien, Spanien, Portugal und Irland

  • Szenario 3: Fiskalunion

    Was passiert: Euro-Bonds mit gemeinsamer Schuldenhaftung
    Wahrscheinlichkeit: Mittel
    Folgen: Stabilisierung der Finanzmärkte, mehr Planungssicherheit für Unternehmen, aber mangelnde Akzeptanz in der Bevölkerung

  • Szenario 4: Nord-Euro

    Was passiert: Aufspaltung der Euro-Zone mit Nord- und Süd-Euro
    Wahrscheinlichkeit: Gering
    Folgen: Starker Nord-Euro gefährdet die Wettbewerbsfähigkeit der Nord-Zone und die Stabilität der innereuropäischen Lieferketten

Thorsten Polleit: Sie können per Kreditvergabe permanent neues Geld schaffen…

Eckart Langen v. d. Goltz: Gott sei Dank!

Thorsten Polleit: …, aber das löst die Krise nicht. Im Gegenteil: Irgendwann entsteht eine Überschuldungssituation. Und dann sind die Kreditgeber nicht mehr bereit, das Spiel mitzumachen. Das haben wir 2008/2009 fast gesehen. Dauerschuldner können ihre Zinsen nicht mehr bezahlen und das ganze System kollabiert. Die Verschuldung baut sich immer weiter auf im Papiergeldsystem.       

Eckart Langen v. d. Goltz: Gott sei Dank, sage ich!

Thorsten Polleit:  Eigentlich sind die Staaten doch schon insolvent. Der Kollaps wurde nur verhindert, indem Marktmechanismen außer Kraft gesetzt wurden. Der Zins ist von der EZB künstlich hergesetzt worden; man hat Garantien ausgesprochen für strauchelnden Schuldner. Nur so wird das potemkinsche Dorf über Wasser gehalten.

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21 Kommentare zu Thorsten Polleit und Eckart Langen von der Goltz : "Wir müssen verhindern, dass das System kollabiert"

  • Diese Währungsunion leidet unter ihrer eigenen Dysfunktionalität. Ökonomische Ungleichgewichte, permanente Noteingriffe der EZB, der Zwang zu massiven internen Abwertungen, viele Euroländer haben eine viel zu geringe eigene Leistungs- und Wettbewerbsfähigkeit, in Deutschland leidet die Binnennachfrage und die realen Einkommensentwicklungen seit der Euroeinführung. Hinzu kommen Mininiedrigstzinsen, Notprogramme à la OMT- und ABS-Ankäufe, eine materielle Besicherung der Target II-Salden fehlt (z.B. in Gold).

    Die derzeitige EZB-Geld- und Währungspolitik dient nur noch dem bedingungslosen Erhalt dieses dysfunktionalen Währungsunion mit all ihren Mitgliedsstaaten. Die EZB subventioniert, refinanziert und sichert die laufende Liquidität vieler angeschlagener Eurostaaten, die unter jahrelangen Stagnationen und Rezessionen leiden. Die EZB hat quasi den Kapitalmarkt beruhigt oder besser ausgeschaltet.

    Rettungsschirme, Bankenunion, Fiskalpakt, Mininiedrigstzinsen, Staatsanleiheaufkäufe, Kapitalverkehrskontrollen und Bail-In's für Bankenkunden in Zypern gehören zum Euroalltag. Hohe Massenarbeitslosigkeiten, Spar- und Sanierungsauflagen sowie steigende Verschuldungen setzen viele Regierungen in den Euroländern unter massiven innenpolitischen Druck. Sie wollen und brauchen eine neue und völlig andere Geld- und Währungspolitik der EZB. Diese ist jedoch schon heute mit ihrer bisherigen Geld- und Währungspolitik diesen Ländern weit entgegen gekommen, will sie diese Währungsunion erhalten, muss sie weitere private und staatliche Schulden monetarisierren, also in ihre Bücher aufnehmen. Sie wird zu einer dauerhaften Sanierungs- und Refinanzierungsstelle für angeschlagene Banken und Eurostaaten. Mit den entsprechenden Folgen für den Euro selbst.

    Dadurch geraten in Deutschland selbst die privaten und betrieblichen Altersvorsorgeprogramme in Zugzwang, hier drohen für die Versicherten böse Überraschungen. Das Haftungspotential für D nimmt merklich zu, die Buba verliert an Bedeutung.

  • Es ist schon erstaunlich, wie wenig vom Geld und dessen Wirkung in der Wirtschaft, Realwirtschaft und Finanzwirtschaft, verstanden wird!
    Weiß Prof Polleit was es sagt: "Gold ist das ultimative Zahlungsmittel."?Gold als Träger von Wert ist kein Zahlungsmittel, weil Papiergeld, Banknoten, gesetzliche Zahlungsmittel sind. Das sollte jedem sofort klar werden, ohne Ökonomieprofessor zu sein, weil fast niemand mehr mit Goldmünzen bezahlt. Ganz abgesehen davon, wie der internationale Zahlungsausgleich mit Gold realisiert werden sollte. So etwas haben schottische Banken vor ca. 300 Jahren erfahren. Das Risiko des Goldtransports hat zur Einführung des Papiergeldes als Banknoten geführt. Es zeigt sich, dass es kein gesichertes Wissen über Geld in der Wirtschaft gibt. Zum Beweis braucht man nur auf die Funktion des Geldes als Tauschmittel verweisen, die von Ökonomen so oft bemüht wird. Womit tauscht sich wohl Papiergeld. Papiergeld ist Zahlungsmittel und hat keinen Eigenwert wie die Güter und Dienstleistungen die dafür erworben werden. Güter tauschen sich auf dem Markt. Geld tauscht sich nicht, sondern kauft Güter. Könnte das jemand nicht verstehen? Tauschmittel kann Geld nur als realer Träger von Wert sein, also Gold und Silber. Darauf müssen die Bürger beim Papiergeld vertrauen. Dieses Vertrauen muss ein vertrauenswürdiger Rechtegeber und Rechtesicherer, Staat, garantieren. Auch das wurde vor 300 Jahren in England mehrfach praktiziert, indem der Staat für Pleitebanken das Geldsystem sichern, retten, musste. Geld ist also keine Sache, Ding, Gut, wie alle anderen Güter, Dinge, Sachen auf den Gütermärkten. Geld ist zwischenmenschliche Interaktion, ist zwischenmenschliches Verhalten. Tiere und Pflanzen haben und brauchen kein Geld. Geld zu sein, ist also keine natürliche Eigenschaft von Dingen.
    Ende des philosophischen Exkurses. Der Mangel ökonomischer Erkenntnisse vom Geld krankt am Mangel philosophischer Erkenntnisse und dem Wissen über ökonomiegeschichtliche Zusammenhänge.

  • @ Herr W.E.G. Weiser!
    Die Eurozone hat 18 unterschiedlich starke Wirtschaften. Gilt solches für Bundesstaaten der USA nicht? Wie sind denn die deutschen Grafschaften, Herzogtümer, Königreiche zu einem Nationalstaat mit nationaler Währung zusammengewachsen? Waren die wirtschaftlich alle gleich stark? Gleiche Wirtschaftskraft ist weder notwendige noch hinreichende Bedingung für einen gemeinsamen Währungsraum.

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