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Tony Blair: Deutschland muss Risiken beenden

Tony Blair: "Die Euro-Rettung ist eine Wahnsinnsaufgabe"

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Deutschland muss Risiken beenden

„Wir sind bereits in einer sehr extremen Dehnung des europäischen Rechtes, um das mal gelinde zu sagen.“

Der ehemalige Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank, Jürgen Stark, ist von den Plänen, den Rettungsschirm ESM mit einer Banklizenz auszustatten, nicht begeistert. Für Stark wäre die Umsetzung ein klarer Verstoß gegen europäisches Recht – und nicht einmal der erste.

Bild: dpa

Aber wie viel Zeit bleibt, Glaubwürdigkeit zu beweisen? Die Zinsen steigen schneller, als jede Reform greifen kann, die Arbeitslosenzahlen schnellen nach oben. Das Geld muss jetzt her.

Das Timing ist Teil des Problems, keine Frage. Die Schuldenländer brauchen jetzt Geld, und die Reformen können sich nur langfristig entfalten. Die beiden Erwartungen sind, und das macht die Sache politisch so schwierig, nicht synchronisierbar. Was aus dem Deal "Rettung gegen Reform" wird, ist unvorhersagbar. Bloß, welche Klarheit ist denn bis jetzt geschaffen? Deswegen sage ich: Man muss das alles zusammenbringen. An einem Ort, mit einer Übereinkunft, die so klar ist und so solide, dass auch Deutschland dieses Engagement wagen kann. Wenn ich deutscher Kanzler wäre, könnte ich diese Haftungsverpflichtung auch nicht eingehen, wenn ich nicht sicher wäre, dass es dem Rest Europas ernst ist mit seinen Ansagen.

Aber das bleibt doch ein paradoxer Zirkel: Wenn Deutschland hilft, nimmt es den Schuldenstaaten damit womöglich den Anreiz zur Reform. Wenn Deutschland nicht hilft, schmieren sie auf jeden Fall ab.

Das ist das Dilemma. Man muss es auflösen: durch Entscheidung. Was in einer Währungsunion doch überhaupt nicht geht, ist das, was wir gerade erleben. Dass nämlich deren Mitgliedsländer enorm unterschiedlich hohe Zinsen aufbringen müssen, um an Geld zu gelangen. Das geht einfach nicht! Ist die Wirtschaft im Nordosten Englands so stark wie die in London? Nein. Ist in den Vereinigten Staaten Massachusetts mit Mississippi vergleichbar? Nein. Aber niemand spekuliert gegen diese Unterschiede, weil klar ist, dass es letztlich eine Währungszone ist.

Diese Gewissheit versucht gerade Mario Draghi, der Chef der Europäischen Zentralbank, zu verbreiten. Er sagt, er werde alles tun, um die Euro-Zone zu retten. Konkret: indem er die EZB Staatsanleihen aufkaufen lassen will.

Richtig. Und er sagt auch, dass man das tun muss, ohne dass die Strukturreformen schon umgesetzt wären. Einer der Vorteile davon, eine Weile nicht im Regierungsgeschäft zu sein, ist, dass man manche Dinge viel klarer sieht, vor allem in der Wirtschaftspolitik. Wir haben im Moment drei Probleme auf einmal: ein Solvenzproblem, ein Liquiditätsproblem und ein Wachstumsproblem. Es ist ein bisschen so, wie Menschen Nahrung, Wasser und Sauerstoff brauchen - und zwar alles gleichzeitig. Das heißt, man kann nicht eines dieser Probleme isoliert lösen, man muss sie zusammen angehen. Sonst riskiert man, dass die Maßnahmen immer und immer wieder zu spät kommen.

Der Instrumentenkasten der EZB

  • Die EZB soll's richten

    Wieder einmal blicken alle in der Euro-Schuldenkrise gebannt nach Frankfurt: die Europäische Zentralbank (EZB) soll es im schlimmsten Fall richten, mit ihrem Waffenarsenal intervenieren und so die Märkte beruhigen.

  • Die Mittel der EZB

    Zwar streiten sich Fachleute und auch die Notenbanker darüber, wie effektiv, nachhaltig und sinnvoll weitere Eingriffe der Geldpolitik sein könnten. Fest steht aber: die EZB verfügt als einzige Institution über einen gut gefüllten und theoretisch sofort verfügbaren Instrumentenkasten, um angeschlagenen Banken unter die Arme zu greifen, Institute im Falle eines Bank-Runs mit neuem Geld zu schützen und durch ihre Finanz-Feuerkraft wenigsten für eine begrenzte Zeit wieder für Ruhe an den Börsen zu sorgen.

  • Liquiditätssalven für das Finanzsystem

    Vor dem Wahlsonntag in Athen verdichten sich die Hinweise, dass die großen Notenbanken der Welt gemeinsame Sache machen und die Märkte mit Geld fluten könnten. Eine solche konzertierte Aktion der Zentralbanken gab es schon einmal - Anfang Oktober 2008, kurz nach dem Kollaps der US-Investmentbank Lehman Brothers, als weltweit die Finanzströme zu versiegen drohten.
    In der aktuellen Krise rund um die Überschuldung Griechenlands und anderer südeuropäischer Länder hat bislang nur die britische Notenbank angekündigt, dass sie gemeinsam mit dem Finanzminister in London ihren Bankensektor zum Schutz vor aus Griechenland überschwappenden Problemen mit 100 Milliarden Pfund fluten will. Am Freitag sorgte die Aussicht auf eine gemeinsame Intervention der Zentralbanken zunächst für bessere Stimmung an den Märkten.

  • Senkung des Leitzinses unter 0,75 Prozent

    Aktuell steht der Leitzins der EZB bei 0,75 Prozent. Die Notenbank kann natürlich jederzeit an dieser in normalen Zeiten wichtigsten Stellschraube drehen. Es wäre ein historischer Schritt: Noch nie seit Bestehen der Währungsunion lag der Schlüsselzins für die Versorgung des Finanzsystems mit frischer Liquidität niedriger.
    Allerdings nimmt der Spielraum der EZB mit jeder weiteren Leitzinssenkung ab - schließlich rückt damit die Nulllinie unausweichlich immer näher. Fachleute erwarten, dass die Zentralbank mit weiteren Zinssenkungen so lange wartet wie nur möglich, um für den Fall echter Verwerfungen an den Finanzmärkten, wie sie etwa bei einem Austritt der Griechen aus der Euro-Zone drohen würden, noch Munition zu haben.

  • Absenken des Einlagezinssatzes auf Null

    Um den Geldmarkt wiederzubeleben und die Banken zu ermuntern mehr Geld in den Wirtschaftskreislauf zu geben, könnte die EZB den sogenannten Einlagezinssatz auf null Prozent kappen. Dieser Zins liegt aktuell bei 0,25 Prozent. Das bedeutet, dass Banken, die keiner anderen Bank mehr trauen, immerhin noch Geld dafür bekommen, wenn sie überschüssige Liquidität bei der EZB parken. Bei einem Einlagezinssatz von einem Prozent entfiele der Anreiz dies zu tun. Doch ob die Banken der EZB den Gefallen tun oder das Geld dann lieber horten, ist fraglich. Aktuell parken sie jedenfalls knapp 800 Milliarden Euro in Frankfurt.

  • Weitere Langfrist-Refinanzierung der Banken

    Im Dezember und im Februar ist es der EZB gelungen, mit zwei jeweils drei Jahre laufenden Refinanzierungsgeschäften die Gemüter der Banker wenigstens für eine Zeit lang zu beruhigen. Damals sicherten sich die Geldhäuser insgesamt rund eine Billion Euro bei der Zentralbank zum Billigtarif von nur einem Prozent.
    Einige Experten glauben, dass weitere langlaufende Geschäfte dieser Art das durch die Unsicherheit über die Zukunft der Euro-Zone untergrabene Vertrauen wieder zurückbringen könnten. Die Banken, die sich um den Jahreswechsel bei der EZB bedient haben, sind allerdings ohnehin bis mindestens Ende 2014 abgesichert. Außerdem kann jede Bank darüber hinaus bei den wöchentlichen Hauptrefinanzierungsgeschäften der Notenbank aus dem Vollen schöpfen.

  • Weitere Erleichterungen für das Bankensystem

    Damit den Banken die Sicherheiten nicht ausgehen, die diese als Pfand bei den Refinanzierungsgeschäften mit der Notenbank stellen müssen, kann die EZB weitere Erleichterungen bei den Anforderungen beschließen. Sie kann dabei auch selektiv nach Ländern vorgehen, um gezielter zu helfen. Allerdings sind Erleichterungen bei den Sicherheiten immer auch ein Politikum, weil dadurch die Risiken steigen, die die Zentralbank durch die Refinanzierung in ihrer Bilanz ansammelt. Im Fall der Fälle müssten diese von den Steuerzahlern der Mitgliedsländer getragen werden.

  • Erneuter Start der Staatsanleihenkäufe

    Die EZB hat seit Mai 2010 Staatsanleihen hoch verschuldeter Euro-Länder für mehr als 200 Milliarden Euro gekauft. Das im Fachjargon SMP (Securities Markets Programme) genannte Programm ist wegen seiner möglichen Nebenwirkungen in Deutschland und einigen anderen nord- und mitteleuropäischen Ländern umstritten. Es ruht derzeit, kann allerdings jederzeit wieder vom EZB-Rat in Kraft gesetzt werden.
    Ob es allerdings noch seine erhofften positiven Wirkungen am Bondmarkt entfalten kann, ist unklar. Wegen der Erfahrungen bei der Umschuldung Griechenlands im Frühjahr dürften wenige private Investoren wie Banken oder Versicherungen der EZB folgen und wieder in den Markt gehen, weil sie fürchten, dass die Zentralbank erneut einen Sonderstatus als Gläubiger durchsetzen könnte, wie sie es im Fall Griechenland getan hat.

  • Zusätzlicher Kauf anderer Wertpapiere

    Theoretisch kann die EZB neben Staatsanleihen auch andere Arten von Wertpapieren kaufen und auf diese Weise Geld schaffen: zum Beispiel Bankschuldverschreibungen, Aktien und Unternehmensanleihen. Während der Ankauf von Bank Bonds eine durchaus denkbare Möglichkeit wäre, Liquidität bei den Banken zu schaffen, scheinen andere Wege wenig erfolgversprechend. So könnte die EZB wohl schlecht erklären, warum sie etwa Aktien von Banken kauft, nicht aber von Auto- oder Chemiekonzernen. Oder sie setzt sich dem Verdacht aus, der einen Bank mehr Aktien abzukaufen als anderen oder zum Beispiel spanische Institute deutschen oder österreichischen Banken vorzuziehen.

  • Weitere Reduzierung der Mindestreserveanforderung

    Theoretisch kann die EZB auch ihre Anforderungen an die Mindestreserve der Banken, die diese bei ihr halten müssen, absenken. Sie hat dies um den Jahreswechsel bereits getan und den Satz ihrer gesamten Einlagen, den jede Geschäftsbank bei ihr parken muss, von zwei auf ein Prozent halbiert. Dadurch hatte sie damals eine Summe von rund 100 Milliarden Euro für die Banken freigemacht. Ein solcher Schritt würde es für Banken in Südeuropa, die wohl am ehesten unter einer Kapitalflucht leiden würden, leichter machen, Mittel flüssig zu halten.

Sie verlangen von Deutschland, ein großes Risiko einzugehen, das alle Risiken beenden soll.

Ja, was ist denn die Alternative? Das strategische Ziel lautet: Geld gegen Reform. Aber taktisch ist die Frage: Ist es vernünftig, Schritt für Schritt dorthin gelangen zu wollen, mit dem Risiko, dass die Schritte nie so richtig reichen und der Preis für die Rettung steigt und steigt - oder macht man lieber alles auf einen Schlag?

Ist es für einen Briten nicht sehr leicht, starkes deutsches Engagement zu verlangen, während Großbritannien gratis von einem gesunden Euro-Raum als wichtigstem Exportmarkt profitiert?

Ich spreche als ehemaliger britischer Premierminister. Man kann natürlich ignorieren, was ich sage. Ich sage einfach, wie sich meiner Meinung nach das Problem lösen lässt. Großbritannien ist stark betroffen von dem, was gerade innerhalb der Euro-Zone geschieht. Natürlich wird man die Briten im Moment nicht dazu bekommen, irgendwelche Verpflichtungen zu übernehmen. Aber klar ist doch, egal wie die Sache jetzt ausgeht, am Ende wird es einen gewaltigen politischen Umbau der EU geben müssen. Und da habe ich eine tiefe Sorge, dass Großbritannien sich per Referendum aus dem ganzen Prozess verabschieden könnte.

Wie könnte so ein Umbau aussehen?

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Wenn mehr Kompetenzen an die EU übertragen werden, muss auch ihre demokratische Legitimation ausgebaut werden. Großbritannien muss dabei eine starke Rolle spielen. Denn wir brauchen eine Balance zwischen europäischen Institutionen und den Nationalstaaten. Wenn man das falsch macht, könnten wir eine politische Krise auslösen, die genauso groß werden kann wie die Euro-Krise. Die Abschaffung des Nationalstaates werden die Menschen nicht mitmachen.

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4 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 11.09.2012, 17:05 UhrGast

    Und mein Vorschlag lautet:
    Überhaupt kein Geld gegen europäische Reform.
    Und zwar mit Nachdruck.

  • 20.08.2012, 18:24 UhrDein_Deutschlehrer

    @Malocher: Das Script ist defekt. Es muß richtig heißen: "Ohne viel Federlesens". Der erste Satz ist ansonsten verständlich, bitte nochmal überarbeiten. Der Rest ist dafür wieder hinreichend krude. Gut, setzen!

  • 20.08.2012, 17:43 UhrUlrich

    Blair hat ein reges Interesse daran, dass in Deutschland infolge des Rettungswahns Unsummen an Geld verbrannt werden, weil er sich von der Schwächung Deutschlands und dessen Industrie bessere Chancen für England erhofft.

    Diese einzig auf Europa beschränkte Sichtweise Blairs ist allerdings engstirnig, weil der Schlüssel zum nachhaltigen ökonomischen Erfolg nicht durch den Export in Euroländer erreicht werden kann.

    Vielmehr geht es maßgeblich um eine internationale Wettbewerbsfähigkeit. Allein diese würde die Lage Großbritanniens deutlich verbessern können. Also weniger Bauwirtschaft und Banken in Großbritannien. Die hat z. B. Spanien auch. Was das hilft und welche Risiken das mit sich bringt, kann man derzeit eindrucksvoll beobachten.

    Notwendig ist eine international wettbewerbsfähige Industrie und die hatte Großbritannien in den letzten 50 oder 55 Jahren nicht mehr.

    Eine Schwächung Deutschlands wird Großbrittannien diese Industrie nicht zurückgeben, zumal die dann international "frei werdenden" Exportquoten eher von den Chinesen erobert werden könnten.

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