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Tony Blair: "Die Euro-Rettung ist eine Wahnsinnsaufgabe"

von Jochen Bittner und Jörg Lau Quelle: Zeit Online

Der britische Ex-Premier Tony Blair hält die Euro-Krise für "fantastisch kompliziert". Es brauche große Entscheidungen. Sein Vorschlag: Deutsches Geld gegen europäische Reform.

Tony Blair Quelle: REUTERS
Großbritanniens Ex-Premier Tony Blair: "Ein Austritt Griechenlands hätte schlimme Auswirkungen auf die Euro-Rettung - es sei denn, es ist sicher, dass alle anderen Probleme gelöst sind"Quelle: REUTERS

Am Münchner General Aviation Terminal, an dem die Privatflugzeuge abgefertigt werden, tragen zwei junge Damen schwer an ihren Prada-Golftaschen. Rachel "aus Tonys Büro" hält in der Lounge die Stellung, während der Chef noch von der Kreut-Alm bei Murnau zurückerwartet wird, wo er einen Vortrag vor amerikanischen Managern gehalten hat. Gleich nach dem Gespräch, mahnt ein Sicherheitsbeamter, müsse Mister Blair pünktlich aufbrechen. Der Londoner Luftraum ist wegen der Olympischen Spiele verstopft. Dann kommt er, der Hubschrauber von der Alm ist gelandet: "Hi, I'm Tony, nice to meet you." Eines Tages, schwört er, werde er in Bayern Urlaub machen. "Marvellous around here!"

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Herr Blair, die Herausforderungen Ihrer Amtszeit waren Terrorismus und Krieg. Ihre Amtskollegen haben heute die Euro-Krise zu bewältigen. Denken Sie, die haben die schwierigere Aufgabe?

Tony Blair: Ja. Es ist die größte Herausforderung für die derzeitige Generation von Politikern seit dem Zweiten Weltkrieg, seit der Gründung der Europäischen Union. Sie ist einfach fantastisch kompliziert. In der Politik geht man normalerweise keine Risiken ein oder, wenn man es tut, kalkulierbare Risiken. Das Problem ist, wenn man den Euro retten will, muss man ein unkalkulierbares Risiko eingehen. Welchen Weg man auch wählt - die Wahl ist ziemlich hässlich. Alles, was ich sage, sage ich mit Demut. Dies ist ein Moment, in dem große Entscheidungen getroffen werden müssen.

Sie sind ganz froh, dass Sie nicht mehr im Amt sind, wenn Sie Angela Merkel, François Hollande oder Mario Monti sehen?

(lacht) Das sagt man natürlich nie als Politiker! Aber nein: Ich habe tiefste Sympathie für sie. Es ist eine Wahnsinnsaufgabe. Was Merkel angeht, glaube ich, dass sie viel Mut und Standhaftigkeit bewiesen hat.

Fakten-Check Löst Geld drucken Europas Probleme?

Die Diskussion zur Euro-Rettung gewinnt an Schärfe. Doch was ist dran an den Haupt-Thesen, dass der ESM eine Banklizenz braucht und Deutschland Profiteur der Krise ist? Ein Fakten-Check.

Fakten-Check: Löst Geld drucken Europas Probleme?

Sie haben versucht, Großbritannien in den Euro zu führen. Sind Sie heute froh, damit gescheitert zu sein?

Um historisch korrekt zu sein: Ich bin nie an den Punkt gekommen, an dem ich gesagt hätte, jetzt sollten wir dem Euro beitreten. Politisch wollte ich unbedingt, dass Großbritannien beitritt. Ich habe aber auch immer gesagt, das Problem ist, dass die Währungsunion eine wirtschaftliche Union ist und dass die wirtschaftlichen Voraussetzungen stimmen müssen. Das taten sie nicht, und deswegen habe ich den Briten auch nie den Beitritt zur Volksabstimmung vorgelegt.

Das heißt, Sie hatten schon damals Zweifel, dass die Währungsunion funktionieren würde?

Ja. Mittlerweile ist allen klar, dass der Euro einen Konstruktionsfehler hat. Ich kann mich noch an die Debatte vor seiner Einführung erinnern. Es ging im Grunde um eine simple Frage. Schafft man eine Euro-Zone und erweitert sie dann um Länder, die ökonomisch dafür reif sind? Oder bündelt man sie - als politischen Akt - alle zusammen und erwartet, dass sie sich ökonomisch angleichen? Letztlich wurde die zweite, politische Version gewählt. Das Problem dabei ist: Hinter dem Gedanken einer Einheitswährung mag eine politische Motivation stecken - aber ausdrücken muss sie sich wirtschaftlich. Die fehlende Übereinstimmung von Politik und Wirtschaft ist der Kern des Problems.

Der Euro war also ein romantischer Fehler?

Grundsätzlich denke ich nicht, dass die Einheitswährung ein Fehler war. Der Fehler war, dass man die Angleichung, von der ich sprach, erwartete, ohne über Mechanismen zu verfügen, die diese Angleichung notfalls erzwingen. Wenn ein Land wie Italien der Euro-Zone beitritt, fallen die Zinsen, die es auf seine Staatsanleihen ausgeben muss, plötzlich gewaltig. Nicht weil es Italien plötzlich besser ginge. Sondern weil es auf einmal sozusagen zum Markengebiet Deutschland gehört. Die Frage lautet jetzt: Können wir diesen Konstruktionsfehler inmitten einer Krise beheben?

Aber hat die Krise nicht gerade dazu geführt, dass bestimmte Staaten nun zur Anpassung gezwungen werden können? Noch nie gab es einen solchen Reformdruck auf die südlichen EU-Staaten.

Sicher. Aber eines dürfen wir dabei nicht vergessen: Nicht die Finanz- und Euro-Krise hat die Notwendigkeit für Reformen geschaffen. Reformen müssen sowieso her, die Krise hat nur deren Dringlichkeit offenbart. Hätte man 2007 gefragt, ob Griechenland Strukturreformen braucht, wäre die Antwort natürlich Ja gewesen. Hätte der spanische Arbeitsmarkt damals schon Reformen gebraucht? Sicher. Jetzt passiert das alles. Die Euro-Krise führt nicht dazu, dass Dinge getan werden, die ohne Krise eine schlechte Idee gewesen wären.

Passiert das Nötige wirklich? Sie haben Deutschland kürzlich aufgerufen, den Euro zu retten, indem es die Schulden für andere Länder übernimmt. Im Gegenzug müssten diese Länder sich erneuern. Wo ist die Garantie, dass sie das tun?

Niemand kann von Deutschland erwarten, dass es ein solches Haftungsrisiko eingeht, wenn die anderen Länder nicht glaubwürdige und präzise Reformpläne vorlegen und umsetzen.

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4 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 11.09.2012, 17:05 UhrGast

    Und mein Vorschlag lautet:
    Überhaupt kein Geld gegen europäische Reform.
    Und zwar mit Nachdruck.

  • 20.08.2012, 18:24 UhrDein_Deutschlehrer

    @Malocher: Das Script ist defekt. Es muß richtig heißen: "Ohne viel Federlesens". Der erste Satz ist ansonsten verständlich, bitte nochmal überarbeiten. Der Rest ist dafür wieder hinreichend krude. Gut, setzen!

  • 20.08.2012, 17:43 UhrUlrich

    Blair hat ein reges Interesse daran, dass in Deutschland infolge des Rettungswahns Unsummen an Geld verbrannt werden, weil er sich von der Schwächung Deutschlands und dessen Industrie bessere Chancen für England erhofft.

    Diese einzig auf Europa beschränkte Sichtweise Blairs ist allerdings engstirnig, weil der Schlüssel zum nachhaltigen ökonomischen Erfolg nicht durch den Export in Euroländer erreicht werden kann.

    Vielmehr geht es maßgeblich um eine internationale Wettbewerbsfähigkeit. Allein diese würde die Lage Großbritanniens deutlich verbessern können. Also weniger Bauwirtschaft und Banken in Großbritannien. Die hat z. B. Spanien auch. Was das hilft und welche Risiken das mit sich bringt, kann man derzeit eindrucksvoll beobachten.

    Notwendig ist eine international wettbewerbsfähige Industrie und die hatte Großbritannien in den letzten 50 oder 55 Jahren nicht mehr.

    Eine Schwächung Deutschlands wird Großbrittannien diese Industrie nicht zurückgeben, zumal die dann international "frei werdenden" Exportquoten eher von den Chinesen erobert werden könnten.

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