Unsicherheit vor der Parlamentswahl : Schweden wählt den Aufschwung ab

Unsicherheit vor der Parlamentswahl : Schweden wählt den Aufschwung ab

von Konrad Fischer

Dank eigener Währung ist Schweden so stark aus der Krise gekommen wie kaum ein anderes europäisches Land. Doch nach der Parlamentswahl am Sonntag könnte das Land ohne arbeitsfähige Regierung dastehen.

Wenn es nach den Fakten geht, müsste der schwedische Ministerpräsident Fredrik Reinfeldt am Sonntag wiedergewählt werden, und zwar eindeutig. Nach Jahrzehnten der sozialdemokratischen Herrschaft übernahm der Konservative 2006 das Amt des schwedischen Ministerpräsidenten. Seitdem ist ökonomisch fast alles richtig gelaufen im Land.

Die Finanzkrise überstanden Schwedens Banken ohne Turbulenzen. Auch die Wirtschaft erholte sich so rasch wieder von dem Schock wie sonst nur in Deutschland. Die Zahl der Beschäftigten ist in den vergangenen Jahren in Schweden so stark gestiegen wie in keinem anderen europäischen Land. Zudem verdienen die Schweden inzwischen mehr als alle anderen EU-Bürger - nur die Schweizer und Norweger sind ihnen auf dem Kontinent noch voraus. Alles bestens, sagen die Ökonomen.

Anzeige

Wissenswertes über Schweden

  • Was sind schwedische Exportschlager?

    Die wichtigsten Ausfuhrprodukte sind Pharmazeutika, Maschinen, Uhren, Präzisionsinstrumente und Elektronikprodukte. Exportschlager ist natürlich auch die schwedische Literatur: Astrid Lindgrens Kinderbuchklassiker kennt jeder. Auch die düsteren Romane von Henning Mankell oder Stieg Larsson sind nicht nur Krimiliebhabern ein Begriff, sondern durch vielfache Verfilmungen auch bei Cineasten beliebt. Außerdem haben die Schweden den Reißverschluss erfunden.

  • Was sind berühmte schwedische Unternehmen?

    Ganz vorne natürlich Ikea. Wer hat nicht schon einmal auf dem heimischen Fußboden Schrauben und Nägel sortiert, um einen günstigen Kleiderschrank selbst zusammen zu zimmern? Genau das ist Ingvar Kamprads Erfolgsrezept, der das Einrichtungshaus 1943 ins Leben rief und das inzwischen mit Filialen auf dem ganzen Globus vertreten ist.

    Auch H&M ist aus den Fußgängerzonen nicht mehr wegzudenken. Kleiner Preis für modische Kleidung, großes Budget für Werbekampagnen und Designerkooperationen mit Größen wie Lagerfeld oder Versace. Auch Volvo, Saab, Ericsson, ABB, Electrolux, SKF, Astra Zeneca Skype, Tetra Pak oder Absolut Vodka kommen aus Schweden.

  • Warum können die Schweden so gut Englisch?

    In Schweden wird Englisch als erste Fremdsprache an den Schulen unterrichtet. Aber das allein ist noch nicht das Geheimnis des schwedischen Sprachwunders: da es sich für nur rund 9,6 Millionen Einwohner nicht lohnt englischsprachige Filme und Serien für Kino oder Fernsehen zu synchronisieren, schauen sich die Schweden diese immer in Originalsprache mit Untertiteln an.

  • Was können die Schweden besser als die Deutschen?

    Sommersonnwende feiern, auf Schwedisch Midsommar. Am Johannisabend Ende Juni geht in Nordschweden die Sonne 24 Stunden lang nicht unter. Eine gute Gelegenheit für die Schweden ausgelassen zu feiern, um einen Maibaum zu tanzen und pappige Zimtschnecken mit reichlich Alkohol runterzuspülen. Nicht umsonst ist das bei Polizeistreifen eher unbeliebt.

  • McDonald's per Ski

    Im schwedischen Skigebiet Lindvallen gibt es das etwas andere McDrive: Bei McSki kann können sich Skifahrer einen Burger auf die Hand mitnehmen, ohne erst lästigerweise die Skier abschnallen zu müssen. Außerdem hat Schweden die höchste Pro-Kopf-Anzahl von McDonald's-Filialen in Europa.

  • Größtes Einkaufszentrum Skandinaviens

    Im schwedischen Göteborg gibt es die größte Shoppingmall Skandinaviens. Das Nordstan hat 180 Geschäfte und 150 Büros unter seinem Dach.

Von wegen, sagen viele Schweden. Immigranten, Bildung, Arbeitsmarkt - sie würden wohl gar nicht wieder aufhören über die Zustände in ihrem Land zu schimpfen, wenn sie dafür nicht viel zu höflich wären. Und so hat Reinfeldt kaum Chancen, an seine zweite Amtszeit eine dritte anzuhängen.

Zwar ist die Lage auf den letzten Metern des Wahlkampfs etwas unklar geworden, seitdem Reinfelds Mitte-Rechts-Bündnis seinen Rückstand auf das Links-Bündnis um seinen Kontrahenten Stefan Löfven in den jüngsten Umfragen von rund zehn auf knappe fünf Prozent verringern konnte.

Doch dass daraus noch eine echte Mehrheit wird, scheint kaum möglich. Stattdessen deutet nun vieles auf ein Patt hin.

Traditionell gibt es im Reichstag viele Parteien aber nur zwei große Blöcke, einen linken und einen konservativen. Die stärkste Kraft in der linken Fraktion ist die sozialdemokratische Partei, die das Land lange Jahre regierte und auch den Reinfeldt-Herausforderer Löfven stellt.

Hinzu kommen eine sozialistische Partei, eine grüne Partei und eine Feministengruppe, die aber wahrscheinlich den Sprung über die Vier-Prozent-Hürde verpassen wird. Die andere Seite wird von der moderaten Sammlungspartei geführt, der aber nur noch gut 20 Prozent der Stimmen vorhergesagt werden. Sie arbeitet mit der Zentrumspartei, einer liberalen und einer christdemokratischen Partei zusammen. Sie alle dürften den Sprung ins Parlament schaffen, wenn auch nur knapp.

Reinfeldt-Herausforderer Stefan Löfven Quelle: AP

Reinfeldt-Herausforderer Stefan Löfven

Bild: AP

Soweit alles wie gewohnt. Doch bei dieser Wahl stört eine neue Kraft das eingespielte Gefüge. Die Schwedendemokraten um ihren charmanten Anführer Jimmie Akesson dürften aktuellen Umfragen zufolge auf gut zehn Prozent der Stimmen kommen. Die Partei entstammt dem rechtsradikalen Milieu, tritt heute aber so moderat auf, dass sie viele Unzufriedene einsammelt. Ihre Rolle ist – mit dem Unterschied der Parteigeschichte – ein bisschen vergleichbar mit der deutschen AfD: Von den etablierten Parteien wird sie geächtet, von den Wählern gerade deshalb geschätzt.

Doch die Folgen ihres Erfolgs reichen weit über die Tatsache hinaus, dass damit auch das letzte skandinavische Land eine starke rechtspopulistische Partei beheimatet: Anstatt zwei großer Blöcke, von denen der jeweils stärkere regieren kann, gibt es im Reichstag plötzlich nur noch starke Minderheiten. Die Schwedendemokraten werden so zum Zünglein an der Waage, das in keinem der beiden Waagschalen eine Heimat findet.

Somit läuft alles auf eine Minderheitsregierung hinaus und Schweden steht vor einem Problem, das die kompromissverliebten Skandinavier so noch nie erlebt haben: Es könnte Streit geben, und zwar als Dauerzustand. Denn auch zwischen den großen Lagern ist der Ton in jüngster Zeit schärfer geworden. Bei den letzten Haushaltsverhandlungen verweigerten die Sozialdemokraten Reinfeldt ihre Unterstützung, ein echter Tabubruch in dem kompromissorientierten Land. Sogleich kündigte der für den Fall eines Machtwechsels ähnliches an.

Anzeige
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%