Unterschiedliche Lohnregime: Der Euro kann nicht funktionieren

Unterschiedliche Lohnregime: Der Euro kann nicht funktionieren

von Ferdinand Knauß

In einer Währungsunion sollte der Preisauftrieb halbwegs gleichmäßig sein. Doch die unkoordinierte Lohnfindung in Südeuropa treibt die Inflation stärker als die Flächentarifverträge in Deutschland. Der Euro verstärkt die Folgen dieser Unterschiede.

Die offiziöse Deutung der gegenwärtigen Eurokrise geht in etwa so:  Einige Staaten der Eurozone haben jahrelang über ihre Verhältnisse gelebt. Schlechte bis korrupte Regierungen haben die Vorgaben verletzt und das für sie ungewohnt niedrige Zinsniveau zu hemmungsloser Verschuldung genutzt. Nun müssen die nicht ganz so desolaten Länder die „Sünder“ rauspauken und gleichzeitig für solide Haushaltsführung nach deutschem Muster zu sorgen.  

Diese Erklärung beherrscht den Diskurs in Politik und Publizistik. Sie ist die Grundlage dafür, dass die Regierungen in Berlin und dem Rest Europas, aber vermutlich auch immer noch die Mehrheit der Bürger die Krise für überstehbar und die Währungsunion für grundsätzlich gut, wenn auch reparaturbedürftig halten. Letztlich tun Wolfgang Schäuble und die meisten anderen Protagonisten in der Europäischen Union so, als sei die Krisenbewältigung vor allem ein didaktisches Problem: Wie bringen wir Griechen, Spaniern, Portugiesen und  Italienern bei, so zu werden wie die Deutschen?

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Ganz abgesehen von der historischen Geschichtsblindheit dieser Sichtweise, die ignoriert, dass sich Nationen mit Jahrhunderte alten Traditionen und gewachsenen Wirtschaftskulturen nicht in wenigen Jahren umerziehen lassen, übersieht diese offiziöse Lesart der europäischen Krise auch ein grundlegendes Problem: Der Währungsunion fehlt der gemeinsame Unterbau, ohne den sie nicht funktionieren kann. Innerhalb einer Währungsunion muss die Preisentwicklung auf Dauer einigermaßen gleichmäßig sein. Kein gemeinsamer Währungsraum kann es verkraften, wenn der Auftrieb der Preise und damit der Lohnstückkosten am einen Ort dauerhaft sehr viel stärker ist als anderswo.

Starke Gewerkschaften sorgen für moderate Lohnentwicklung

Genau das aber ist innerhalb der Eurozone der Fall. Der Grund dafür sind die sehr unterschiedlichen Mechanismen der Lohnfindung, wie der Soziologe Martin Höpner vom Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in einer aktuellen Untersuchung belegt. Seit den 1970er Jahren bestätigt sich die These, dass Volkswirtschaften mit koordinierten Arbeitsbeziehungen, also starken einheitlichen Gewerkschaften und firmenübergreifenden Tarifabschlüssen,  eher zu gemäßigten Lohnabschlüssen in der Lage sind. Als besonders koordinierte Lohnregime gelten Deutschland und Österreich.

Wenn die Löhne dagegen wie in den Mittelmeerländern dezentral und eher unkoordiniert verhandelt werden, also auf Ebene einzelner Firmen oder mit vielen kleinen Berufsgewerkschaften, müssen die zersplitterten Arbeitnehmervertreter stets fürchten, dass die Konkurrenz mehr herausschlägt. „Allein die Möglichkeit, dass andere Einheiten preistreibende Lohnabschlüsse tätigen könnten, legt also nahe, den eigenen Forderungen einen Inflationszuschlag hinzuzufügen“, schreibt Höpner. Sie bringen damit unterm Strich meist die Inflation, die sie zunächst nur befürchteten, tatsächlich hervor.

Wenn die Löhne dagegen von wenigen großen Gewerkschaften ausgehandelt werden und Pilotabschlüsse Vorbild für die Abschlüsse in anderen Tarifgebieten sind, fällt diese Ungewissheit aus und damit der Druck, Inflationszuschläge zu fordern.

Höpner hat die Steigerungsraten der nominalen Lohnstückkosten (die im Gegensatz zu den Steigerungen der Stundenlöhne auch die Veränderung der Produktivität miteinbeziehen) der wichtigsten Euro-Länder mit dem Wirtschaftswachstum im Zeitraum 1999 bis 2008 in Beziehung gesetzt.

Kumuliertes Wirtschaftswachstum und kumulierte Steigerungen der nominalen Lohnstückkosten, 11 Euro-Länder, 1999–2008

Grafik: Kumuliertes Wirtschaftswachstum und kumulierte Steigerungen der nominalen Lohnstückkosten, 11 Euro-Länder, 1999–2008

Quelle: Martin Höpner

Die enormen Unterschiede der Lohnstückkostenentwicklung (Deutschland plus 1,1 Prozent – Irland 47,8 Prozent) sind aber nicht allein durch das unterschiedliche Wirtschaftswachstum zu erklären. Die Lohnstückkosten sind in einigen Ländern, zum Beispiel Italien und Portugal, sehr viel stärker gestiegen als in Deutschland oder Österreich, obwohl ihr BIP-Wachstum gleich oder gar schwächer ausfiel.  

Die Erklärungslücke lässt sich schließen, wenn man die Organisation der Lohnfindung in den Ländern vergleicht. Solche mit eher schwach koordinierten Lohnverhandlungen (Italien, Spanien, Portugal, Irland) zeigten deutlich stärkere Anstiege der Lohnstückkosten als die mit langer Tradition der Sozialpartnerschaft zwischen starken Gewerkschaften und organisierten Arbeitgebern (Deutschland, Österreich, Finnland).

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