Verdächtige Target-Salden: Hans-Werner Sinn warnt vor Italien

Verdächtige Target-Salden: Hans-Werner Sinn warnt vor Italien

Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn weist auf eine Kapitalflucht aus Italien hin – und interpretiert dies als ein Zeichen, dass die Euro-Krise nicht gelöst ist. Stimmt das?

Der wohl bekannteste deutsche Ökonom Hans-Werner Sinn ist berüchtigt für seine scharfe Kritik. Nicht zuletzt auch gegenüber der Europäischen Zentralbank. Er steht aber auch für nüchterne und sachliche Analysen gerade hinsichtlich der Eurokrise, die sich nicht vom Trend vermeintlicher politischer Korrektheit beeinflussen lassen. So forderte er erst kürzlich einen Schuldenschnitt für Griechenland, da das Land keine Chancen habe, die Kredite je zurückzuzahlen.

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Wo sich die Schuldensünder der Euro-Zone verbessert haben

  • Staatshaushalt konsolidiert

    Haushaltsdefizit (Anteil am Bruttoinlandsprodukt ohne Bankenhilfe)

    Griechenland

    2009: -15,7 % 2013: -2,1 %

    Portugal

    2009: -10,2 % 2013: -4,5 %

    Spanien

    2009: -11,1% 2013: -6,6 %

    Irland

    2009: -12,4 % 2013: -6,7 %

    Eurozone

    2009: -6,4 % 2013: -3,0 %

  • Leistungsbilanzdefizit nahezu verschwunden

    Leistungsbilanzdefizit*

    Die Exporte von Portugal (+37 %) und Spanien (+35%) haben zwischen 2009 und 2013 schneller zugelegt als in Deutschland (+33%)

    Griechenland

    2009: -14,4 % 2013: -2,3 %

    Portugal

    2009: -10,8 % 2013: +0,4 %

    Spanien

    2009: -4,8 % 2013: +1,1 %

    Irland

    2009: -2,3 % 2013: +7,0 %

    Eurozone

    2009: +0,2 % 2013: +2,7 %

    (*im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt)

  • Wirtschaftswachstum kehrt langsam zurück

    Die Schuldenkrise bescherte Griechenland, Spanien, Portugal und Irland eine tiefe Rezession. In Spanien sank das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 7,5 Prozent, in Portugal um 8,5 Prozent und in Griechenland sogar um 20 Prozent. Für 2014 erwarten Analysten nach fünf Jahren endlich überall wieder Wachstum - wenn auch nur in vergleichsweise kleinem Umfang. Allerdings ist dabei auch der Abstand zwischen Peripherie und den Kernländern.

  • Wirtschaftsvertrauen

    Wirtschaftsvertrauen der EU-Kommission.

    Den Tiefpunkt erreichte die Stimmung 2009. Bei der Erhebung im April 2015 war der Wert nur noch in Griechenland leicht unterdurchschnittlich.

    Griechenland

    2009: 74,8* April 2014: 95,4

    Portugal

    2009: 75,4 April 2014: 100,6

    Spanien

    2009: 73,8 April 2014: 101,5

    Eurozone

    2009: 70,1 April 2014: 102,0

    (100 Punkte = langfristiger Durchschnitt; keine Werte für Irland)

  • Lohnstückkost nivelliert

    In den ersten Jahren nach der Euro-Einführung haben die Peripherieländer ihre Lohnstückkosten deutlich gesteigert. Seit 2010 gab es einen deutlichen Richtungswechsel. Nach den Berechnungen des Anleihenmanagers Bantleon ist der zuvor aufgebaute Wettbewerbsnachteil durch hohe Lohnstückkosten inzwischen verschwunden

    Entwicklung der Lohnstückkosten seit Anfang 2009:

    Griechenland -15,0 %

    Portugal -6,6 %

    Spanien -7,6 %

    Irland -13,0 %

    Eurozone +3,0 %

  • Strukturreformen zeigen Wirkung

    Auch wenn es in der Öffentlichkeit oft so ankommt, als würden würden die Krisenländer in der Euro-Peripherie sich mit der Umsteuerung schwertun, so wurden doch weitreichende Reformen am Arbeitsmarkt, in den Renten- und Steuersystemen sowie Verwaltungen vorgenommen. Das etwa der Arbeitsmarkt flexibler geworden ist, belegt der Employment Protection Index der OECD. Je niedriger sein Wert, um geringer die Regulierung am Arbeitsmarkt durch Kündigungsschutz, Abfindungszahlungen, Probezeiten, etc.) Bis auf Irland habe sich alle Krisenländer verbessert.

    Griechenland

    2008: 2,9 2013: 2,4

    Portugal

    2008: 3,5 2013: 2,7

    Spanien

    2008: 2,7 2013: 2,3

    Irland

    2008: 2,0 2013: 2,1

    Eurozone

    2008: 2,4 2013: 2,3


Nun könnte Sinn eine erneute Debatte über ein mögliches Auseinanderbrechen der Währungsunion angestoßen haben. So hatte er darauf hingewiesen, dass sich seiner Ansicht nach eine Kapitalflucht aus Italien anbahne. Rund 80 Milliarden Euro seien aus dem Land seit Juli 2014 abgezogen worden, alleine im Dezember seien es 13 Milliarden Euro gewesen. „Der neue Anstieg ist […] ein untrügliches Zeichen dafür, dass die Eurokrise nur geschlummert hat und keinesfalls als gelöst gelten kann“, sagte Sinn.

Target-Salden der Notenbanken

Die 80 Milliarden Euro an abgeflossenem Geld entnimmt Sinn den sogenannten Target-Salden der nationalen Notenbanken. Die Target-Salden messen die Zahlungen innerhalb der Eurozone von einem Mitgliedsland ins andere. Vor der Euro-Krise waren diese Salden im Euroraum nahezu ausgeglichen. Während der Krise hatten sie sich allerdings extrem zu Lasten der Euronordländer verschoben – allein die Bundesbank hielt zwischenzeitlich Forderungen in Höhe von rund 750 Milliarden Euro gegenüber dem Eurosystem. Auf der anderen Seite hatten sich Target-Verbindlichkeiten der Euro-Krisenländer von annähernd einer Billionen Euro angesammelt. Auch Italien stand damals beim Euro-System beziehungsweise den Euro-Nordländern mit bis zu 289 Milliarden Euro in der Kreide.

Die Target-Salden hatten sich jedoch seit dem Höhepunkt der Finanzkrise 2012 immer weiter zurückgebildet. So stand im Juli letzten Jahres bei der italienischen Notenbank nur noch ein Minus von rund 130 Milliarden Euro. Genau bei diesem Rückgang sieht Sinn nun eine Trendwende gekommen. Im Dezember hatte der negative Target-Saldo Italiens wieder eine Höhe von rund 209 Milliarden Euro erreicht. Sinn interpretiert diesen Anstieg als Kapitalflucht, der auf den geringen Reformfortschritt des Landes zurückzuführen ist. „Mit Ausnahme Irlands sei es den Krisenländern nicht gelungen, ihre preisliche Wettbewerbsfähigkeit gegen die anderen Euroländer durchgreifend zu verbessern“, heißt es in einer Pressemitteilung des von Sinn geleiteten Instituts.

Sind das also die ersten Anzeichen einer Eurokrise 2.0? Volkswirt Lutz Karpowitz von der Commerzbank sieht dafür jedoch keine Anzeichen. „Die aktuelle Höhe der Target-Salden ist nur eine Momentaufnahme. Vergleicht man den Target-Saldo Italiens von März 2014 mit dem von Dezember 2014, dann wirkt der Zuwachs weniger bedrohlich“. Im März 2014 hatte der negative Target-Saldo Italiens bei 195 Milliarden Euro gelegen, was nur einen Anstieg von 14 Milliarden Euro gegenüber Dezember bedeuten würde.

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