Verloren in Europa: In Europas Armenhaus Moldawien schwindet die Hoffnung

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Verloren in Europa: In Europas Armenhaus Moldawien schwindet die Hoffnung

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In Minschir fehlen Jobs. Früher haben viele Bewohner ihre Niere verkauft, heute arbeiten sie illegal in Moskau.

von Florian Willershausen

In Europas Armenhaus wachsen die Spannungen. Auch nach einem knappen Wahlsieg der prowestlichen Regierungskoalition haben die Menschen kaum Hoffnung auf bessere Zeiten.

Mit brutaler Härte schnitt das Leben seine tiefen Furchen ins Gesicht von Andrej Kizanu. Guten Zeiten in der Sowjetunion folgte ab den Neunzigerjahren bittere Armut, obwohl der Moldawier als Hilfskraft in der Landwirtschaft immer hart geschuftet hatte. Fünf Kinder brachte er durch, selbst als er nur fünf Dollar im Monat verdiente. Bis schließlich seine erste Frau starb – mangelhaft versorgt im morbiden moldawischen Gesundheitswesen. Kein Wunder, dass der gutmütige Andrej mit 42 Jahren wirkt wie weit über 50.

Die schlimmste Narbe seines Lebens findet sich indes unter dem grauen Pullover. Vier Zentimeter, vom Becken her aufwärts. Dort, wo einst eine seiner zwei Nieren war. Jene, die er in der höchsten Not an den Arzt Jusuf Ercin Sönmez in Istanbul verkauft hat – für 2800 Dollar. „Es war eine riesige Dummheit“, sagt Andrej Kizanu heute und blickt betrübt. Ein Jahr habe er wegen der Schmerzen nicht auf dem Feld arbeiten können. „Aber was hätte ich tun sollen? Ich konnte meine Familie nicht ernähren!“

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Ein Abenteuer

In Kleinbussen hat man sie damals abgeholt aus Minschir, einem Dorf eine Stunde westlich der Hauptstadt Chisinau, unweit der Grenze zu Rumänien. Über die Ukraine ging es im Flugzeug nach Istanbul, für die meisten war es ein Abenteuer. Etwa 40 Bewohner, heißt es, hätten um die Jahrtausendwende ihre Nieren verkauft, einige von ihnen sind nicht mehr am Leben. Seither ist das Leben besser geworden, immerhin ein bisschen. Zufrieden aber ist kaum eine der 5000 Seelen in diesem tristen Kaff mit den staubigen Straßen, auch Andrej Kizanu nicht. „Niemand hat hier Arbeit“, schimpft er leise, schon mit 18 verdiene ein Mann sein Geld als Schwarzarbeiter in Moskau. „Warum schafft es der Staat nicht, uns Arbeit zu geben?“

Kein Land am Rande Europas hat seit dem Ende der Sowjetunion solche Härten durchgemacht wie Moldawien. Dessen 3,5 Millionen Einwohner verdienten einst gut in Weinbau und Agrarwirtschaft, als Teil der sowjetischen Nahrungskette – bis diese 1991 zusammenbrach. Fortan versorgten sich die Nationalstaaten ostwärts selbst; im Westen akzeptiert man moldawische Qualität bis heute nicht. Der Wohlstand, gemessen in Kaufkraftparität, dümpelt heute bei 40 Prozent des Niveaus vom Ende der Sowjetunion. Die Regierungen haben bei einer unverschämten Korruption und politischem Zwist nie ein Rezept gefunden, das Land in eine bessere Zukunft zu führen.

An Geld und guten Ratschlägen aus Europa fehlt es Moldawien nicht. Brüssel schickt Richter im Ruhestand als Justizberater, die Franzosen statten Krankenhäuser aus, Deutschlands Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) berät die Regierung auf der Suche nach Investoren und bald auch bei der Steuerung des Gesundheitssystems. „Die Republik lebt zum großen Teil von Rücküberweisungen aus dem Ausland“, sagt Ronny Bechmann, der für die GIZ den Premierminister berät. „Es ist die große Aufgabe für die kommenden Jahre, den Standort so attraktiv zu machen, dass Investoren kommen und vor Ort Arbeitsplätze schaffen.“

Folge des Ukraine-Konflikts Mehr als eine Million Flüchtlinge

Nach Angaben der Vereinten Nationen sind infolge des Ukraine-Konflikts mehr als eine Million Menschen aus ihren Heimatorten vertrieben worden - die meisten davon flohen nach Russland.

Mehrere russische Panzer passieren eine Wassermelonen-Farm nahe der russisch-ukrainischen Grenze. Quelle: AP

Allerdings erfordert dies Reformen, die nur langfristig wirken und im Widerspruch stehen zu den kurzfristigen Erfolgen, die die Bevölkerung sehen will. Das wäre dem proeuropäischen Block bei den Wahlen Ende November fast zum Verhängnis geworden. Nur knapp erreichte die Regierungskoalition eine Mehrheit, auch weil eine prorussische Partei wegen angeblichen Wahlbetrugs ausgeschlossen worden war. Weiterhin setzt ein großer Teil der Bevölkerung auf eine Zukunft im Schoße von Mütterchen Russland, deren Sender Front zum Westen machen und die Sowjetzeit glorifizieren. In Moldawien, in dessen abtrünniger Region Transnistrien russische Truppen stehen, fiele es Moskau gerade wegen der Konfrontation mit Europa leicht, die Bevölkerung gegen die Elite aufzubringen – sofern diese die Erwartungen verfehlt, die die West-Orientierung geweckt hat.

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