Vorbild Estland: Die Ideenschmiede boomt

Vorbild Estland: Europas Musterstaat kommt aus dem Baltikum

Die Ideenschmiede boomt

Was den Deutschen wie ein Albtraum vorkommt, ist den IT-fanatischen Esten ein Zeichen der Freiheit. Entscheidend bei allem ist die Kontrolle. „Die Bürger behalten die Hoheit über ihre Daten“, sagt Kotka. „Sie wissen, was der Staat über sie weiß, und können kontrollieren, wer wann auf die persönlichen Daten zugreift.“ In Deutschland sorge man sich über die Privatsphäre und Datensicherheit, wenn der Staat persönliche Daten sammle. Dabei wüssten die Leute in Deutschland ja nicht einmal im Ansatz, was der Staat alles weiß. „In Estland weiß das jeder.“

Estland hat E-Government perfektioniert. Die Regierung in Tallinn rechnet vor, dass die staatliche IT nur 50 Millionen Euro verschlingt – ein 400stel des britischen IT-Budgets. Zudem spricht sich die Offenheit für die Netzwirtschaft herum. Estland ist die Heimat des Video- und Sprachdienstes Skype, inzwischen eine Tochter des US-Konzerns Microsoft. Seitdem haben sich weitere Start-ups gegründet. Die Ideenschmiede in Tallinn boomt. Und internationale Konzerne kommen.

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Einfach hat es sich Kühne + Nagel (K+N) nicht gemacht. Der weltweit drittgrößte Logistiker mit Sitz in der Schweiz setzte vor vielen Jahren auf den Outsourcingtrend nach China. Neben dem Hauptsitz Hamburg ließ K+N seine IT-Anwendungen auch in der Nähe Hongkongs entwickeln – für ein Drittel des hanseatischen Lohnniveaus. Doch wegen unzureichender Englischkenntnisse und mangelnder Effizienz war „unser IT-Standort dort unterm Strich deutlich teurer als der Hamburger“, sagt Martin Kolbe, IT-Vorstand des Logistikers.

2009 startete K+N die Suche nach einer neuen Entwicklerschmiede in Osteuropa. Polen und die Tschechische Republik schieden aus, weil sich schon zu viele Unternehmen um die wenigen Softwareentwickler balgten. Es blieben potenzielle Länder wie Ukraine, Serbien, Weißrussland und die baltischen Staaten. 2010 erhielt Estland den Zuschlag – „mit eindeutigem Vorsprung“, so Kolbe.

Seitdem lässt Kühne+Nagel auch in Tallinn entwickeln. Die Zahl der Mitarbeiter wuchs von 10 auf 150 an. „Die Esten überzeugen mit hervorragenden Englischkenntnissen, einer hohen Loyalität und klugen Ideen“, sagt Kolbe. Die Zusammenarbeit sei nicht immer konfliktfrei, aber Probleme gingen die Esten pragmatisch und kreativ an. Hinzu komme eine ähnliche Mentalität wie die deutsche. „Die Esten hören erst zu, denken nach und treffen dann eine Aussage – immer auf den Punkt.“

Estland hat in den vergangenen Jahren zahlreiche Unternehmen ins Land gelockt. Für Logistikmanager Kolbe ist das auch eine Folge der innovativen E-Government-Strategie. „Hier zeigen die Esten ihren Pragmatismus bei der Vereinfachung und elektronischen Abbildung von Verwaltungsaufgaben, zum Beispiel bei den Grundbucheinträgen.“ Die Regierung geht hier als Vorbild voran.

Unterschreiben aus Nostalgie

Anne Sulling ist der derzeitige Star der Regierung in Estland. Die 37-Jährige gehört seit März dieses Jahres dem liberalen Kabinett an. Am Tag ihrer Einführung legte sie den Amtseid ab und unterschrieb die Ministerurkunde mit Kugelschreiber – das einzige Mal innerhalb der letzten zwei Monate. „Unterschriften unter offiziellen Dokumenten haben in Estland eher einen zeremoniellen Charakter“, sagt Sulling. In den vergangenen fünf Jahren habe sie daher „die meisten Dokumente elektronisch unterschrieben“.

Jung und innovativ: Ministerin Sulling fordert digitale EU-Standards Quelle: Christian Gogolin für WirtschaftsWoche

Jung und innovativ: Ministerin Sulling fordert digitale EU-Standards

Bild: Christian Gogolin für WirtschaftsWoche

Sulling möchte ihre Erfahrungen künftig nach Brüssel tragen. „Es ist wichtig, dass wir innerhalb der EU einen gemeinsamen digitalen Markt haben“, sagt die Ministerin für Außenhandel und Unternehmertum. Rechtsrahmen und Infrastruktur müssten vereinheitlicht und standardisiert werden, „damit digitale Unterschriften überall gültig sind“. Um Skeptiker des E-Governments zu überzeugen, führt die Regierung in Tallinn ausländische Delegationen regelmäßig in einen Showroom. „Die Leute aus anderen Ländern sind immer begeistert von dem, was wir hier haben.“

Den nächsten Coup haben Sulling und ihre Kollegen schon im Visier. Sie wollen die Anzahl derjenigen verzehnfachen, die das gesamte Repertoire an elektronischen Services in Estland nutzen. Bislang kommen nur Einheimische in den Besitz einer estnischen ID-Karte, die zur Nutzung der digitalen Angebote berechtigt. Künftig soll sie auch für Nichtesten gelten. Sie könnten über das Internet in Estland eine Firma gründen, Bankkonten eröffnen und Geschäfte innerhalb der EU abwickeln – egal, wo sie sich befinden. „Für diesen Service gibt es einen großen Bedarf“, sagt Kotka. „Satelliten-Bürger“, nennt er die Ausländer, die über diesen Weg die Tür nach Europa aufstoßen.

Der IT-Chef der Regierung sieht das Potenzial bei zehn Millionen Menschen, die indirekt auch die Sicherheit im Land erhöhen. Je mehr virtuelle Wohnsitze es in Estland gibt, desto stärker werde der Staat im Ausland wahrgenommen. „Die virtuell gestiegene Einwohnerzahl erhöht die Überlebensfähigkeit des Landes“, sagt Kotka. Anders als die Krim mit 2,4 Millionen Einwohnern könne Estland dann nicht mehr einfach durch fremde Staaten annektiert werden. Die Angst vor Russland, der gefühlten Besatzungsmacht bis 1991, ist bei Esten präsent.

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Daher will Estland die Verwaltung seines Staatsgebietes auch in andere Länder übertragen. „Data-Botschaft“, nennt es Kotka. Sämtliche Server-Strukturen, die eine Verwaltung von Steuern, Melderegister und Wahlen ermöglichen, sollen in den estnischen Botschaften befreundeter Staaten wie Australien, Japan, Brasilien und Deutschland abgesichert werden. Estland könnte „das erste Land weltweit in einer digitalen Cloud sein“, sagt Kotka. „Der Staat, seine Bürger und Dienstleistungen wären nicht mehr an ein Territorium gebunden.“

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