Vítor Constâncio: "Deflation ist gefährlich"

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InterviewVítor Constâncio: "Deflation ist gefährlich"

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Constâncio, 71, ist seit 2010 Vizepräsident der EZB. Während seiner Karriere in seinem Heimatland Portugal war er mehrfach Vizepräsident und von 2000 bis 2009 Präsident der Banco de Portugal, Professor an Wirtschaftsuniversitäten und amtierte 1978 als Finanzminister.

von Angela Hennersdorf, Malte Fischer und Konrad Handschuch

Der Vizepräsident der Europäischen Zentralbank (EZB) warnt vor dauerhaft sinkenden Preisen im europäischen Währungsraum und verteidigt den umstrittenen Kauf von Staatsanleihen.

WirtschaftsWoche: Herr Constâncio, wie gefällt es Ihnen im neuen Glaspalast der Europäischen Zentralbank am Osthafen in Frankfurt? Wir haben gehört, Mitarbeiter verlaufen sich noch im Labyrinth der zwei neuen Hochhaustürme.
Vítor Constâncio: Wir befinden uns noch in der Eingewöhnungsphase. Alles ist viel größer als vorher. Es gibt nicht nur mehr Platz, sondern auch viel Glas, kaum Wände, und die Entfernungen von einem Büro zum anderen sind weiter als vorher.

Das Jahr 2014 war für die EZB recht turbulent: Mit neuen geldpolitischen Instrumenten kämpft sie gegen niedrige Inflation und flaue Konjunktur in den Euro-Ländern. Ist nun der fallende Ölpreis Fluch oder Segen für die Konjunktur im Euro-Raum?
Für die Konjunktur sind die niedrigeren Ölpreise natürlich ein Segen. Sie unterstützen das Wachstum, und das hilft langfristig auch der Preisentwicklung nach oben.

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Reaktionen auf EZB-Zinssenkung und Wertpapierkäufe

  • Worum es geht

    Die EZB senkt im Kampf gegen eine drohende Deflation ihren Leitzins überraschend auf das neue Rekordtief von 0,05 Prozent. Der Schlüsselsatz für die Versorgung des Bankensystems mit Zentralbankgeld lag seit Juni bei 0,15 Prozent. In der anschließenden Pressekonferenz kündigte Zentralbank-Chef Mario Draghi zudem an, dass die EZB sogenannte Kreditverbriefungen (ABS) sowie Pfandbriefe aufkaufen wird. Ökonomen und Händler sagten dazu in ersten Reaktionen:

  • Hans-Werner Sinn, ifo-Präsident

    "Die EZB hatte ihr Pulver schon viel zu früh verschossen und die Zinsen zu weit gesenkt. Jetzt ist sie in der Liquiditätsfalle. Sie kann an dieser Stelle kaum noch etwas tun. Bedauerlicherweise deutet sich auch der Kauf von Anleihen durch die EZB an. Damit würde sie das Investitionsrisiko der Anleger übernehmen, wozu sie nicht befugt ist, weil es sich dabei um eine fiskalische und keine geldpolitische Maßnahme handelt. Eine solche Politik ginge zulasten der Steuerzahler Europas, die für die Verluste der EZB aufkommen müssten."

  • Ralf Umlauf, Helaba

    "Die Notenbanker argumentieren mit den zuletzt schwachen Konjunkturdaten und der geringen Inflation. Auch die gesunkenen mittelfristigen Inflationserwartungen wurden thematisiert. In diesem Zusammenhang wurden auch die Projektionen für Wachstum und Inflation in diesem Jahr nach unten angepasst. Insofern bleibt die Tür für weitergehende Lockerungsschritte weit geöffnet."

  • Eugen Keller, Metzler Bank

    "EZB-Chef Mario Draghi hat geliefert, warum auch immer. Für uns ist das nicht gerade eine glückliche Maßnahme. Alle Banken und Vermögensverwalter sind jetzt in noch größerer Not, ihre Liquidität irgendwo zu parken, ohne bestraft zu werden. Auch die Sparer dürften sich verraten fühlen und werden immer mehr ins Risiko gezwungen."

  • Michael Kemmer, Hauptgeschäftsführer Bankenverband BDB

    "Die ökonomischen Wirkungen der heutigen Zinssenkung sind vernachlässigbar. Die EZB hat sich im Vorfeld der Zinsentscheidung unnötig unter Zugzwang gesetzt. Die Gefahr, dass der Euro-Raum in eine gefährliche Deflationsspirale rutscht, ist nach wie vor gering. Auf der anderen Seite wächst mit den Aktivitäten der EZB die Gefahr, dass die in mehreren Euro-Ländern dringend erforderlichen Wirtschaftsreformen weiter verschleppt werden."

  • Marco Bargel, Postbank-Chefvolkswirt

    "Das ist überraschend. Eine Zinssenkung hatte niemand so richtig auf der Agenda - zumal sie konjunkturell nichts bringt und verpuffen wird. Die Deflationsgefahr lässt sich damit nicht vertreiben. Dazu bedarf es eher eines Anleihen-Kaufprogramms. Die EZB signalisiert mit ihrer Maßnahme aber, dass sie sehr weit zu gehen bereit ist. Das ist eher ein symbolischer Schritt. Die realwirtschaftlichen Folgen sind bescheiden."

  • Carsten Brzeski, ING

    "Beginnt jetzt auch EZB-Chef Mario Draghi damit, Geld aus dem Hubschrauber abzuwerfen? Wenn Draghi um 14.30 Uhr mit der Pressekonferenz beginnt, wissen wir mehr. Dann wird sich zeigen, ob die Zinssenkung nur das Vorspiel für weiteres geldpolitisches Feuerwerk sein wird oder er damit den bequemsten Weg wählte, um unkonventionelle Maßnahmen in großem Stil ohne Gesichtsverlust abzuwenden."

  • Ein Aktienhändler

    "Das war schon eine heftige Überraschung, mit einer Zinssenkung hat kaum einer gerechnet. Bei der Senkung der Zinsen handelt es sich zwar nur noch um Nuancen, aber das ist ein wichtiges Signal an die Kapitalmärkte, dass die EZB bereit ist, alles zu tun, was nötig ist."

Und wie wirken sich die fallenden Benzinpreise kurzfristig auf die Inflationserwartungen aus?
Kurzfristig schafft dies eine nicht einfache Situation für uns. Unsere Expertenschätzungen sprechen für 2015 von einer Inflationsrate von gerade einmal 0,7 Prozent. Seit der Erarbeitung dieser Projektionen sind die Ölpreise aber um weitere 15 Prozent gefallen. Wir rechnen nun mit einer negativen Inflationsrate in den kommenden Monaten. Und das ist eine Sache, die sich jede Zentralbank sehr genau anschauen muss.

Inwiefern?
Die Teuerungsrate beeinflusst die Inflationserwartungen, diese wiederum beeinflussen die Entscheidungen von Unternehmen über Preise und Löhne. Wenn die Erwartung nicht mehr verankert ist, dass die Preise stabil bleiben, dann wächst die Gefahr, dass Menschen und Unternehmen Kaufentscheidungen vertagen. Denn sie beginnen, auf fallende Preise zu hoffen. Das wiederum würde wahrscheinlich weiter fallende Preise und einen weiteren Aufschub von Investitionsentscheidungen bedeuten. Es entstünde eine Abwärtsspirale. Unsere Aufgabe als Zentralbank ist es derzeit, genau das zu verhindern.

Stabil sind die Preise doch, wenn sie gar nicht steigen oder fallen, also bei einer Inflationsrate von null.
Zunächst einmal sind wir nicht die einzige Zentralbank der Welt, die sich ein Inflationsziel von rund zwei Prozent gesetzt hat. Alle großen Notenbanken haben festgelegt, dass für sie Preisstabilität bei einer Inflationsrate von um die zwei Prozent erreicht ist. Das hat mehrere Ursachen: Aus statistischen Gründen und aufgrund von Messungenauigkeiten neigen Inflationsindizes dazu, die tatsächliche Teuerung etwas überhöht auszuweisen, sodass ein Indexstand von null tatsächlich bereits eine negative Teuerung bedeuten würde.

Das hört sich jetzt sehr technisch an.
Wichtiger noch, würde die EZB auf eine Inflation von null Prozent abzielen, müssten wir vermutlich dauerhaft für negative Inflationsraten in einigen Staaten sorgen, um die positive Teuerung in anderen Ländern auszugleichen. Deswegen macht es Sinn, sich ein Inflationsziel von um zwei Prozent zu setzen. Bei einem Inflationsziel von null Prozent ist außerdem die Gefahr hoch, dass die Wirtschaft in eine Deflation rutscht. Die Wirtschaft wäre zu nah an einer deflationären Situation und wäre bei jedem Schock verwundbar. Und Deflation ist gefährlich. Denn bei einer negativen Inflationsrate steigen die Reallöhne, und die Gewinnspannen der Unternehmen geraten unter Druck. Zudem halten sich Investoren und Konsumenten mit dem Geldausgeben zurück. In Frankreich haben Zeitungen über Umfragen berichtet, wonach eine Reihe der Befragten mit größeren Anschaffungen abwarten will, weil sie auf weiter sinkende Preise hofft. Es würde also ein gefährlicher Teufelskreis aus sinkenden Preisen, steigenden realen Lohnkosten, sinkenden Gewinnen, schrumpfender Nachfrage und weiter sinkenden Preisen drohen. Die Wirtschaft würde dann in eine Deflation und Rezession rutschen.

Wann ist es eine Deflation?

Wie hoch ist denn das Deflationsrisiko für die einzelnen Euro-Länder?
Nicht in allen Euro-Ländern besteht ein Deflationsrisiko. In Ländern wie Spanien oder Irland, deren Wirtschaft sich langsam erholt, steigt die Produktivität. Das schafft Spielraum für Lohnerhöhungen, die der Deflationsgefahr entgegenwirken.

Befinden wir uns denn schon in einer Deflation in der Euro-Zone?
Einige Monate mit negativen Inflationsraten bedeuten keine Deflation. Dazu müssen negative Inflationsraten über einen längeren Zeitraum vorliegen. Wenn es nur ein temporäres Phänomen ist, dann sehe ich keine Gefahr. Deflationäre Tendenzen beginnen, wenn die Unternehmen und die Menschen ihr Verhalten ändern und Investitionen und Ausgaben verschieben.

Die Reaktionen zum OMT-Programm

  • Rainer Sartoris, HSBC Trinkaus

    "Draghi hatte viel von den Ankündigungen schon vorweg genommen, deshalb geben die Märkte jetzt etwas nach. Deshalb sind seine Ankündigungen aber nicht als negativ zu werten. Mit einem Kursfeuerwerk war ja nicht unbedingt zu rechnen. Die erhofften Punkte hat Draghi alle ziemlich klar angesprochen.

    Wenn die Regierungen der betroffenen Länder, wie zum Beispiel Spanien, das Angebot der EZB annehmen sollten und die Reformen unter den Rettungsschirmen einleitet, dann ist das ein koordiniertes Vorgehen, das zur Beruhigung der Märkte für längere Zeit geeignet ist. Jetzt hängt es von der Politik und nicht von der EZB ab, das Angebot anzunehmen.

    Es wäre nicht gut gewesen, wenn die EZB Grenzen in Umfang oder Zinshöhen beim Anleihenkaufprogramm aufgezeigt hätte, denn dagegen wäre wieder spekuliert worden. Das Wort 'unbegrenzt' ist von der EZB als Zeichen der Stärke gewählt worden."

  • Azad Zangana, europäischer Volkswirt bei Schroders

    "Die EZB hat den großen Revolver zwar gefunden, aber es fehlt an Munition, um eine langfristig positive Auswirkung auf die Märkte zu tätigen. Obwohl heute nützliche Maßnahmen verabschiedet wurden, die sicherlich kurzfristig eine Erleichterung für die Peripheriestaaten bringen, hinkt die Kapazität der EZB und des europäischen Parlaments hinterher, um Spanien UND Italien aus der Klemme zu helfen. Ein Bail-Out von Spanien UND Italien sollte erst dann möglich sein, wenn die EZB und Deutschland erkennen, dass als effektives Instrument nur eine quantitative Lockerung im Stil der amerikanischen Notenbank in Frage kommt."

  • Hans Reckers, Hauptgeschäftsführer Bundesverband öffentlicher Banken

    "Mit einer begrenzten Ankaufpolitik der EZB im Gegenzug zu stringent überwachten Reformen in den entsprechenden Staaten kann Zeit für dringend notwendige Wirtschaftsreformen gewonnen werden. Auf keinen Fall dürfen diese Maßnahmen der EZB aber dazu führen, dass eine bestehende Problemlage nur verlängert und die Rechnung, gerade für Deutschland, am Ende noch umfangreicher wird. Deshalb muss das Volumen der Aufkäufe begrenzt bleiben."

  • Martin Wansleben, DIHK-Hauptgeschäftsführer

    "Beim Ankaufprogramm für Staatsanleihen ist große Vorsicht angebracht. Interventionen verpuffen, wenn die nötigen Reformen in den Mitgliedsstaaten ausbleiben. Bislang zeigt sich die EZB aller Risiken bewusst und sollte ihrer vorsichtigen Linie treu bleiben. Das gilt auch für all die Rufe, die EZB solle mehr Fed und weniger Bundesbank sein. Die Krise hat gezeigt, dass die Finanzmärkte Reformbemühungen durchaus honorieren.

    Für die Reformen und die Staatsfinanzierung sind vor allem die einzelnen Staaten selbst verantwortlich. Der Ruf nach der EZB ist verständlich - ihm vorschnell nachzugeben allerdings nicht. Die Politik ist gerade hier gefordert, den Druck auf die EZB durch Strukturreformen und Haushaltskonsolidierung in den Ländern zu mildern, damit diese wieder ihren eigentlichen Job machen kann: Die Geldwertstabilität sichern."

  • Ralf Umlauf, Helaba-Analyst

    "Die EZB hat genau das beschlossen, was in den letzten Tagen vermehrt diskutiert und auch teilweise eingepreist wurde. Insofern ist der Beschluss der EZB keine echte Neuerung. Unmittelbare Inflationsgefahren werden durch die Sterilisierung des Anleihekaufprogramms (MOT) in Grenzen gehalten, dennoch besteht für die EZB im Vergleich zu Repo-Geschäften ein erhöhtes Ausfallrisiko."

  • Gustav Horn, Direktor des IMK

    "Die Entscheidung der EZB, den Leitzins unverändert zu lassen ist richtig. Sie hat durch die vergangene Zinssenkung bereits anerkannt, dass sie den konjunkturellen Einbruch im Euroraum zur Kenntnis genommen hat. Das Problem des Euroaums liegt aber derzeit nicht in der Höhe des Leitzinses, sondern im fehlenden Vertrauen in dessen Stabilität.

    Dem kann die EZB nur mit dem angekündigten unbegrenzten Aufkaufprogramm für Staatsanleihen begegnen. Dies ist der entscheidende Schritt, der die Voraussetzungen für eine Überwindung der Krise schafft. Nur mit diesem Programm im Rücken werden die Märkte ihre Spekulation gegen den Euro aufgeben und es dank sinkender Risikoaufschläge den Staaten ermöglichen, ihre Schulden auf Dauer wieder aus eigener Kraft - also ohne die Hilfe eines Rettungsschirms - zu bedienen."

  • Georg Fahrenschon, Sparkassenpräsident

    "Die Zentralbank ist nicht dazu da, Staatsfinanzierung zu betreiben. Anleihekäufe sind der falsche Weg, da sie dringend notwendige Sparbemühungen und Strukturänderungen in den öffentlichen Haushalten der hoch verschuldeten Länder unterlaufen und Anreize nehmen. Die Europäische Zentralbank darf nicht in die Rolle einer Ersatzregierung gedrängt werden."

  • Kai Carstensen, Ifo-Konjunkturchef

    "Die Entscheidung der EZB ist nicht überraschend. Sie kauft nun unbegrenzt Staatsanleihen von Krisenstaaten und nähert sich damit der monetären Staatsfinanzierung. Zudem akkumuliert sie mit den Käufen zusätzliche Bilanzrisiken. Da sie zusätzlich die Sicherheiten-Erfordernisse für ihre Liquiditätsoperationen weiter senkt, können die Ausfallrisiken im Prinzip unbegrenzt zunehmen. Selbst wenn das Bundesverfassungsgericht gegen den Rettungsschirm ESM entscheiden würde, ist eine klare Begrenzung der deutschen Haftungssumme in weite Ferne gerückt.

    Indem die EZB ihre Käufe daran knüpft, dass die Staaten ein EU-Anpassungsprogramm durchlaufen, mischt sie sich deutlich in die Finanzpolitik ein. Umgekehrt wird der politische Druck groß sein, die Käufe lange beizubehalten. Wie strikt die von der EZB betonte Konditionalität tatsächlich ist, könnte sich demnächst am Fall Griechenlands entscheiden, wenn die Troika dort nicht nachhaltige Staatsfinanzen vorfinden und das Rettungsprogramm dennoch ausweiten sollte."

  • Giuseppe Amato, Brokerhaus Lang & Schwarz

    "Der Schritt ist getan. Jetzt muss die Politik liefern. Es fällt auf, dass sich die Märkte halten, obwohl das meiste erwartet worden war. Wenn wir dieses Niveau verteidigen können, wäre das ein positives Zeichen."

  • Stefan Bielmeier, Chefvolkswirt DZ Bank

    "Über die heute berichteten Maßnahmen bin ich zwar nicht sehr glücklich, aber sie waren kaum zu umgehen und sind letztendlich das Ergebnis der institutionellen Entwicklung im Euroraum. Würde die EZB nicht in den Markt eingreifen, könnten einzelne Länder weiter in die Abwärtsspirale gedrängt werden - bis hin zum Austritt. Insofern kann es nur ein Zusammenspiel geben zwischen Geldpolitik und Reformbemühungen, um ein solche Entwicklung zu verhindern. Es gibt derzeit genau zwei Optionen: Entweder wir finden den Weg zu einer teilweise Vergemeinschaftung der Schulden oder die bereits sichtbaren Zentrifugalkräfte in der Währungsunion verstärken sich weiter.

    Die Märkte hatten die Ergebnisse weitgehend vorweg genommen, so dass auch für die kommenden Tage keine deutlicheren Marktreaktionen zu erwarten sind. Alle Augen sind nun auf das Bundesverfassungsgericht gerichtet. Hier erwarte ich keine negativen Überraschungen."

  • Marco Bargel, Postbank-Chefvolkswirt

    "Aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Die Zinssenkung kommt in einer der nächsten Sitzungen. Die EZB hält ihr Pulver trocken. Sie wird später nachlegen.

  • Ökonomen der RBS

    "Die EZB hat alle wichtigen Zinssätze wie erwartet unverändert gelassen. Wir sind der Ansicht, dass eine konventionelle Lockerung der Geldpolitik keine angemessene Antwort auf die Probleme ist, denen der EZB-Rat derzeit gegenübersteht. Deutschland benötigt derzeit keine Zinssenkung - und Spanien würde eine Zinssenkung nicht retten."

Noch einmal nachgefragt: Sind wir in der Euro-Zone schon in einer Deflation?
Nein, aber der Internationale Währungsfonds hat den Begriff der „Lowflation“ geprägt. Damit ist eine lang anhaltende Phase mit niedrigen Inflationsraten gemeint. Das Risiko besteht, dass die Inflationserwartungen nicht mehr verankert sind. Bei der Geldpolitik geht es vor allem darum, Preiserwartungen zu kontrollieren. Wenn uns das nicht gelingt, haben wir ein Problem, mit all den Folgen, die ich gerade erklärt habe. Dazu kommt: Die Euro-Länder haben ein Problem mit Schulden – öffentliche wie private. Diese Schulden belasten die Konjunktur. Wenn die Inflation sehr niedrig ist und das Wachstum ebenfalls, dann wird es immer schwieriger, diese Schulden zu bedienen – und das hemmt die wirtschaftliche Erholung.

Welche weiteren geldpolitischen Lockerungen bereiten Sie für 2015 vor?
Darüber gibt es noch keine Entscheidung. Anfang 2015 werden wir die Maßnahmen bewerten, die wir im Juni und im September ergriffen haben. Im Juni kündigten wir die an neue Kreditvergabe gekoppelten Langfristtender für die Euro-Banken an, und im September haben wir die Entscheidung für den Kauf von forderungsbesicherten Wertpapieren, den sogenannten ABS, getroffen. Wir werden prüfen, ob diese Maßnahmen effektiv waren und ob sie in den kommenden zwei Jahren unsere Ziele erreichen. Ich weiß, die Märkte sind sehr skeptisch. Aber warten wir es ab.

Modellrechnungen der EZB zeigen, dass eine Bilanzausweitung um eine Billion Euro, die EZB-Präsident Mario Draghi angedeutet hat, die Inflation nur minimal steigern wird.
Modelle sind immer Vereinfachungen. Wir müssen auch auf die Erfahrungen in anderen großen Zentralbanken schauen und sehen, was diese mit ihren Maßnahmen erreichen konnten. Für uns ist es ganz wichtig, unterschiedliche Kanäle für die Geldpolitik zu nutzen, da der Leitzins sich schon bei null Prozent befindet.

Das heißt, die EZB wird Anfang 2015 mit dem umstrittenen Ankauf von Staatsanleihen beginnen?
Wir müssen alle geldpolitischen Instrumente nutzen, die uns zur Verfügung stehen. Denn es ist unser Mandat, für Preisstabilität zu sorgen – in beide Richtungen. Wir müssen agieren, wenn die Inflation zu sehr steigt, aber auch, wenn sie zu niedrig ist. Sonst würden wir unsere Aufgabe verfehlen und unsere Glaubwürdigkeit verlieren. Deshalb müssen wir auch Kanäle nutzen, die wir bisher noch nicht genutzt haben. Im Grunde genommen ist die quantitative Lockerung, von der jetzt alle reden, nichts anderes als eine traditionelle Offenmarkt-Operation, also etwa die Möglichkeit einer Zentralbank, Wertpapiere, auch Staatsanleihen, im Sekundärmarkt zu kaufen oder zu verkaufen, um die Zentralbankgeldmenge zu steuern. Das ist ganz legal, und was legal ist, schließen wir nicht aus.

Welche Rolle spielt der Euro-Wechselkurs in Ihrer Strategie?
Käufe von Wertpapieren als Instrument der Geldpolitik wirken über mehrere Kanäle. Ein Kanal sind die Preise für Anleihen und deren Renditen. Die Renditen der meisten Staatsanleihen sind schon sehr niedrig. Der zweite Kanal besteht in der direkten Einflussnahme auf die Inflationserwartungen an den Finanzmärkten. Anleihekäufe signalisieren den Märkten, dass wir unsere Aufgabe der Preisstabilität ernst nehmen. Damit stabilisieren wir die Inflationserwartungen. Ich bin im Übrigen hier einer Meinung mit Bundesbankpräsident Jens Weidmann: Geldpolitik beeinflusst nicht das Potenzialwachstum. Aber kurzfristig hilft die Geldpolitik, die Produktionslücke zu schließen, und sie stabilisiert die Inflation. Der dritte Kanal, über den die quantitative Lockerung wirkt, ist der Portfolio-Effekt. Besonders wirkungsvoll ist dieser, wenn wir Wertpapiere von Nicht-Banken kaufen.

Kein Wechselkursziel

Das wären dann etwa Versicherungen oder andere Kapitalsammelstellen. Warum wäre dieser Weg besonders effektiv?
Damit stellen wir Investoren direkt Liquidität zur Verfügung. Diese können das Geld dann in andere Anlageklassen investieren, zu denen auch ausländische Wertpapiere gehören. Das hat Folgen für den Wechselkurs des Euro, der wiederum die Importpreise beeinflusst.

Mit welchem Wechselkurs wären Sie denn zufrieden?
Wir haben kein Wechselkursziel. Wir messen den Erfolg unserer geldpolitischen Maßnahmen nicht daran, welchen Effekt diese auf den Euro-Kurs haben. Und jede andere große Zentralbank der Welt weiß: Was wir machen, tun wir, um unser geldpolitisches Mandat der Preisstabilität im Euro-Raum zu erreichen – genau dasselbe macht die US-Notenbank Federal Reserve für Amerika.

Diese Banken sind beim Stresstest durchgefallen

  • Monte dei Paschi di Siena (Italien)

    Harte Kernkapitalquote heute: 10,2 Prozent. Kapitalbedarf: 2,11 Milliarden Euro.

  • Banco Popolare di Vicenza (Italien)

    Harte Kernkapitalquote heute: 9,4 Prozent. Kapitalbedarf: 0,22 Milliarden Euro.

  • Banco Popolare di Milano (Italien)

    Harte Kernkapitalquote heute: 7,3 Prozent. Kapitalbedarf: 0,17 Milliarden Euro.

  • Eurobank (Griechenland)

    Harte Kernkapitalquote heute: 10,6 Prozent. Kapitalbedarf: 1,76 Milliarden Euro.

  • Hellenic Bank (Zypern)

    Harte Kernkapitalquote heute: 7,6 Prozent. Kapitalbedarf: 0,18 Milliarden Euro.

  • National Bank of Greece (Griechenland)

    Harte Kernkapitalquote heute: 10,7 Prozent. Kapitalbedarf: 0,93 Milliarden Euro.

  • Banco Comercial Portugues (Portugal)

    Harte Kernkapitalquote heute: 12,2 Prozent. Kapitalbedarf: 1,15 Milliarden Euro.

  • Banca Carige (Italien)

    Harte Kernkapitalquote heute: 5,2 Prozent. Kapitalbedarf: 0,81 Milliarden Euro.

  • Nova Kreditma Banka Maribor (Slowenien)

    Harte Kernkapitalquote heute: 19,6 Prozent. Kapitalbedarf: 0,03 Milliarden Euro.

  • Nova Ljubljanska banka (Slowenien)

    Harte Kernkapitalquote heute: 16,1 Prozent. Kapitalbedarf: 0,03 Milliarden Euro.

  • Dexia (Belgien)

    Harte Kernkapitalquote heute: 16,4 Prozent. Kapitalbedarf: 0,34 Milliarden Euro.

  • permanent tsb (Irland)

    Harte Kernkapitalquote heute: 13,1 Prozent. Kapitalbedarf: 0,85 Milliarden Euro.

  • Österreichischer Volksbanken-Verbund (Österreich)

    Harte Kernkapitalquote heute: 11,5 Prozent. Kapitalbedarf: 0,86 Milliarden Euro.

Besteht nicht die Gefahr, dass der Kauf von Wertpapieren durch die EZB neue Blasen an den Immobilien- und Aktienmärkten erzeugt?
Unser Mandat ist, Preisstabilität zu gewähren – das bezieht sich auf die Preise für Waren und Dienstleistungen. Wir haben kein Mandat, die Preise an den Finanzmärkten zu kontrollieren. Das bedeutet aber nicht, dass wir die Entwicklung in diesem Bereich ignorierten. Vor allem seit der jüngsten Finanzkrise rückt die Beobachtung der Finanzstabilität verstärkt in den Vordergrund. Einige Zentralbanken, etwa die Bank von England oder die Fed, haben dafür neue aufsichtsrechtliche Instrumente erhalten. Die EZB hat durch die Bankenunion zwar einige makroprudentielle Instrumente erhalten, um den Finanzsektor sicherer zu machen. Aber diese Instrumente betreffen nur den Bankensektor. Wir haben kaum Instrumente, um den sogenannten Schattenbankensektor zu adressieren oder die Assetpreise zu beeinflussen. Im Übrigen sehe ich derzeit keine ausgeprägten Blasen an den Finanzmärkten.

Wollen Sie damit sagen, die aktuelle Bonanza an den Aktien- und Anleihemärkten sei fundamental gerechtfertigt?
In den USA liegt das Kurs-Gewinn-Verhältnis der Aktien zwar über dem historischen Durchschnitt – nicht aber in Europa. Hier sehe ich derzeit keine signifikante Überbewertung der Aktienmärkte. Auch bei den Unternehmensanleihen können wir eine solche Überbewertung nicht erkennen. Man darf nicht den Fehler machen, die Nominalzinsen der Vorkrisenjahre 2006 und 2007 mit denen von heute zu vergleichen. Damals waren die Zinsen zwar höher, aber die Inflation war mit rund zwei Prozent ebenfalls deutlich höher als derzeit. Anzeichen für eine Überbewertung finden sich allenfalls bei den Hochzinsanleihen, aber das ist ja ein besonderes Segment einer bekanntlich risikoreicheren Anlageklasse.

Die steigenden Immobilienpreise machen Ihnen keine Sorgen?
In einigen Euro-Ländern sind die Immobilienpreise in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen, etwa in Belgien und Irland, aber auch im Nicht-Euro-Land Schweden. In Belgien haben die nationalen Aufsichtsbehörden bereits reagiert und die Eigenkapitalanforderungen für Hypothekenkredite erhöht. Auch in Irland und Schweden haben die Aufsichtsbehörden mit strengeren Kapitalvorschriften reagiert, um eine Überhitzung der Immobilienmärkte einzudämmen. Insgesamt sehe ich für Europa keine Gefahr einer erneuten Immobilienpreisblase.

Politisches Problem in Griechenland

Der Kauf von Staatsanleihen ist hoch umstritten. Bundesbankpräsident Jens Weidmann und EZB-Direktorin Sabine Lautenschläger haben sich öffentlich dagegen ausgesprochen. Wie reagieren Sie auf diese Kritik?
Wenn wir unser Mandat mit den traditionellen Instrumenten erreichen können, ist das schön. Natürlich würden wir das bevorzugen. Wenn nicht, müssen wir die Situation neu bewerten. Es gibt aber keine Obsession unsererseits, unbedingt Staatsanleihen zu kaufen, das kann ich Ihnen versichern. Unterschiedliche Positionen sind verständlich. Die Entscheidung ist schwierig. Wir müssen auch evaluieren, was passiert, wenn wir nichts tun. Letztlich ist der Kauf von Staatsanleihen eine Sache des Risikomanagements. Die Frage ist: Sind die Risiken höher, wenn wir etwas tun, oder wenn wir nichts tun?

Könnte die EZB ihre Bilanz noch weiter ausweiten als angekündigt?
Noch einmal: Eine Ausweitung der Bilanzsumme ist kein Selbstzweck. Viele Kritiker werfen uns vor, wir hätten zu viel Liquidität in die Märkte gebracht. Aber sie verkennen Folgendes: Seit Mitte 2012 ist die Bilanz der EZB um 30 Prozent gesunken. Und manche Ökonomen werfen uns sogar vor, nicht genug zu tun.

Meilensteine des größten Banken-Checks aller Zeiten

  • November 2013

    Die Europäische Zentralbank startet mit einer Risikoanalyse und Bilanzprüfung der wichtigsten Banken in der Euro-Zone.

  • Februar 2014

    Die Aufsicht legt eine Untergrenze von 5,5 Prozent Kernkapital für den Krisentest fest und 8,0 Prozent für das neutrale Basisszenario.

  • 26. Oktober 2014

    Ergebnisse des Stresstests von 128 Banken werden veröffentlicht, einige sind seit November 2013 bereits untergegangen.

  • 4. November 2014

    EZB übernimmt die Oberaufsicht über die wichtigsten Banken der Euro-Zone.

  • Mitte November 2014

    Durchfaller legen ihre Pläne vor, wie sie Kapitallücken stopfen werden.

  • Ende April 2015

    Kapitallücken aus dem Bilanz-Check und dem neutralen Szenario des Stresstests müssen aufgefüllt sein.

  • Ende Juli

    Kapitallücken aus dem Krisenszenario des Stresstests müssen geschlossen sein.

Fürchten Sie nicht, dass die niedrigen Zinsen den Reformdruck auf die Krisenländer schmälern?
Wir haben nicht die Aufgabe, den Kurs der Wirtschaftspolitik in den einzelnen Ländern zu steuern. Gleichzeitig können wir aber auch nicht ignorieren, was die Regierungen tun. Es ist eine schwierige Situation. Aber wenn es um geldpolitische Entscheidungen geht, müssen wir uns auf unser Mandat konzentrieren. Dazu kommt, wie ich schon sagte, dass die Renditen der Staatsanleihen schon jetzt sehr niedrig sind. Im Übrigen haben gerade die Euro-Länder, deren Renditeabstand zu Deutschland gesunken ist, ihre Wirtschaft stark reformiert, wie eine Studie der OECD belegt. In den Jahren 2011, 2012 und 2013 waren Griechenland, Irland, Estland, Portugal und Spanien die Länder, die sich am stärksten auf die Implementierung von Reformvorschlägen festgelegt haben. Von den 35 untersuchten Ländern schneidet Deutschland recht schlecht ab und liegt nur auf Platz 29, Niederlande liegt auf Platz 34, Luxemburg auf Platz 35. Wir werden als Zentralbank weiterhin Reformen einfordern, keine Frage.

Constâncio: "Der niedrige Ölpreis ist ein Segen für die Konjunktur" Quelle: Oliver Rüther für WirtschaftsWoche

Constâncio: "Der niedrige Ölpreis ist ein Segen für die Konjunktur"

Bild: Oliver Rüther für WirtschaftsWoche

Rutscht Griechenland in eine neue Krise?
Das Problem in Griechenland ist vor allem ein politisches. Die Wirtschaft wächst, das Land hat einige Reformen gemacht und den Primärhaushalt ausgeglichen. Wir hoffen, dass die politische Lage stabil bleibt. Nach wie vor will eine Mehrheit der Griechen im Euro bleiben, wenn wir Umfragen Glauben schenken dürfen. Das sollte sich im politischen Prozess widerspiegeln.

Ist Europa eine lahme Ente, die dem Rest der Welt hinterhertrottet?
Wir hoffen, dass die Erholung weiter voranschreitet und die sinkenden Ölpreise uns helfen. Derzeit prognostizieren der Währungsfonds, die OECD und die EU-Kommission, dass die Konjunkturflaute in der Euro-Zone bis 2018 anhalten wird. Bis dahin besteht also Abwärtsdruck auf die Inflationserwartungen. Wir müssen alles versuchen, um die Inflation und die Inflationserwartungen wieder zu normalisieren.

Weitere Artikel

Wie bewerten Sie die Lage in Russland?
Die Euro-Zone ist mit den Entwicklungen in Russland vor allem über das Exportgeschäft und den Finanzsektor verbunden. Russlands Anteil an den Exporten der Euro-Zone ist seit Mitte 2013 von fünf Prozent auf vier Prozent gesunken. Das hat die Wirtschaftsaktivität in einigen Mitgliedstaaten negativ beeinflusst. Allerdings steht Russland – wie die Zahlen zeigen – nur für einen kleinen Anteil am Exportgeschäft. Die Verbindung über den Finanzsektor kann diese Folgen jedoch schwerwiegender machen, und wir müssen dies aufmerksam verfolgen.

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6 Kommentare zu Vítor Constâncio: "Deflation ist gefährlich"

  • Es ist unglaublich. Wo hat dieser Mann sein Handwerk gelernt. Gar nicht. Meist haben diese Leute die Bodenhaftung verloren. Das ist vorsätzliche Geldzerstörung und die ist strafbar. Nur Geld mit Wert kann seinen Marktnutzen entfalten. Alles andere ist Show die irgendwann nicht mehr funktionieren wird. Der Mann soll mal versuchen im Münchner Raum mit seinem Papier ein Grundstück zu kaufen. Dann wird er verstehen warum dieses Geld fast wertlos ist. Das Problem das die Zentralbanken verursachen wird verschoben und dabei immer größer. Japan ist pleite und keiner will es sehen. Allen anderen geht es nicht viel besser. Inflation haben wir in vielen Sektoren die nicht in den Warenkorb einfließen in zweistelliger Prozenthöhe. Wann stoppt diese Wahnsinnigen jemand? Für Geld muss man arbeiten. Man kann es nicht einfach nur drucken. Damit wird die Zukunft und auch die Mittelschicht zerstört.

  • Aber natürlich hat der sein Handwerk gelernt. Denn für die Masse der Dummen reicht es - und nur darauf kommt es an!

    Widersprüche und jeweils passend eine andere Begründung für den gleichen Sachverhalt.

    Manchmal bedauere ich es die Abschaffung des Faustrechts und hier im Besonderen.

  • und weil die Deflation so schädlich ist, erzählt man uns seit 7 jahren was von Wachstum und Inflation?

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