Vítor Constâncio: "Deflation ist gefährlich"

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InterviewVítor Constâncio: "Deflation ist gefährlich"

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Constâncio, 71, ist seit 2010 Vizepräsident der EZB. Während seiner Karriere in seinem Heimatland Portugal war er mehrfach Vizepräsident und von 2000 bis 2009 Präsident der Banco de Portugal, Professor an Wirtschaftsuniversitäten und amtierte 1978 als Finanzminister.

von Angela Hennersdorf, Malte Fischer und Konrad Handschuch

Der Vizepräsident der Europäischen Zentralbank (EZB) warnt vor dauerhaft sinkenden Preisen im europäischen Währungsraum und verteidigt den umstrittenen Kauf von Staatsanleihen.

WirtschaftsWoche: Herr Constâncio, wie gefällt es Ihnen im neuen Glaspalast der Europäischen Zentralbank am Osthafen in Frankfurt? Wir haben gehört, Mitarbeiter verlaufen sich noch im Labyrinth der zwei neuen Hochhaustürme.
Vítor Constâncio: Wir befinden uns noch in der Eingewöhnungsphase. Alles ist viel größer als vorher. Es gibt nicht nur mehr Platz, sondern auch viel Glas, kaum Wände, und die Entfernungen von einem Büro zum anderen sind weiter als vorher.

Das Jahr 2014 war für die EZB recht turbulent: Mit neuen geldpolitischen Instrumenten kämpft sie gegen niedrige Inflation und flaue Konjunktur in den Euro-Ländern. Ist nun der fallende Ölpreis Fluch oder Segen für die Konjunktur im Euro-Raum?
Für die Konjunktur sind die niedrigeren Ölpreise natürlich ein Segen. Sie unterstützen das Wachstum, und das hilft langfristig auch der Preisentwicklung nach oben.

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Reaktionen auf EZB-Zinssenkung und Wertpapierkäufe

  • Worum es geht

    Die EZB senkt im Kampf gegen eine drohende Deflation ihren Leitzins überraschend auf das neue Rekordtief von 0,05 Prozent. Der Schlüsselsatz für die Versorgung des Bankensystems mit Zentralbankgeld lag seit Juni bei 0,15 Prozent. In der anschließenden Pressekonferenz kündigte Zentralbank-Chef Mario Draghi zudem an, dass die EZB sogenannte Kreditverbriefungen (ABS) sowie Pfandbriefe aufkaufen wird. Ökonomen und Händler sagten dazu in ersten Reaktionen:

  • Hans-Werner Sinn, ifo-Präsident

    "Die EZB hatte ihr Pulver schon viel zu früh verschossen und die Zinsen zu weit gesenkt. Jetzt ist sie in der Liquiditätsfalle. Sie kann an dieser Stelle kaum noch etwas tun. Bedauerlicherweise deutet sich auch der Kauf von Anleihen durch die EZB an. Damit würde sie das Investitionsrisiko der Anleger übernehmen, wozu sie nicht befugt ist, weil es sich dabei um eine fiskalische und keine geldpolitische Maßnahme handelt. Eine solche Politik ginge zulasten der Steuerzahler Europas, die für die Verluste der EZB aufkommen müssten."

  • Ralf Umlauf, Helaba

    "Die Notenbanker argumentieren mit den zuletzt schwachen Konjunkturdaten und der geringen Inflation. Auch die gesunkenen mittelfristigen Inflationserwartungen wurden thematisiert. In diesem Zusammenhang wurden auch die Projektionen für Wachstum und Inflation in diesem Jahr nach unten angepasst. Insofern bleibt die Tür für weitergehende Lockerungsschritte weit geöffnet."

  • Eugen Keller, Metzler Bank

    "EZB-Chef Mario Draghi hat geliefert, warum auch immer. Für uns ist das nicht gerade eine glückliche Maßnahme. Alle Banken und Vermögensverwalter sind jetzt in noch größerer Not, ihre Liquidität irgendwo zu parken, ohne bestraft zu werden. Auch die Sparer dürften sich verraten fühlen und werden immer mehr ins Risiko gezwungen."

  • Michael Kemmer, Hauptgeschäftsführer Bankenverband BDB

    "Die ökonomischen Wirkungen der heutigen Zinssenkung sind vernachlässigbar. Die EZB hat sich im Vorfeld der Zinsentscheidung unnötig unter Zugzwang gesetzt. Die Gefahr, dass der Euro-Raum in eine gefährliche Deflationsspirale rutscht, ist nach wie vor gering. Auf der anderen Seite wächst mit den Aktivitäten der EZB die Gefahr, dass die in mehreren Euro-Ländern dringend erforderlichen Wirtschaftsreformen weiter verschleppt werden."

  • Marco Bargel, Postbank-Chefvolkswirt

    "Das ist überraschend. Eine Zinssenkung hatte niemand so richtig auf der Agenda - zumal sie konjunkturell nichts bringt und verpuffen wird. Die Deflationsgefahr lässt sich damit nicht vertreiben. Dazu bedarf es eher eines Anleihen-Kaufprogramms. Die EZB signalisiert mit ihrer Maßnahme aber, dass sie sehr weit zu gehen bereit ist. Das ist eher ein symbolischer Schritt. Die realwirtschaftlichen Folgen sind bescheiden."

  • Carsten Brzeski, ING

    "Beginnt jetzt auch EZB-Chef Mario Draghi damit, Geld aus dem Hubschrauber abzuwerfen? Wenn Draghi um 14.30 Uhr mit der Pressekonferenz beginnt, wissen wir mehr. Dann wird sich zeigen, ob die Zinssenkung nur das Vorspiel für weiteres geldpolitisches Feuerwerk sein wird oder er damit den bequemsten Weg wählte, um unkonventionelle Maßnahmen in großem Stil ohne Gesichtsverlust abzuwenden."

  • Ein Aktienhändler

    "Das war schon eine heftige Überraschung, mit einer Zinssenkung hat kaum einer gerechnet. Bei der Senkung der Zinsen handelt es sich zwar nur noch um Nuancen, aber das ist ein wichtiges Signal an die Kapitalmärkte, dass die EZB bereit ist, alles zu tun, was nötig ist."

Und wie wirken sich die fallenden Benzinpreise kurzfristig auf die Inflationserwartungen aus?
Kurzfristig schafft dies eine nicht einfache Situation für uns. Unsere Expertenschätzungen sprechen für 2015 von einer Inflationsrate von gerade einmal 0,7 Prozent. Seit der Erarbeitung dieser Projektionen sind die Ölpreise aber um weitere 15 Prozent gefallen. Wir rechnen nun mit einer negativen Inflationsrate in den kommenden Monaten. Und das ist eine Sache, die sich jede Zentralbank sehr genau anschauen muss.

Inwiefern?
Die Teuerungsrate beeinflusst die Inflationserwartungen, diese wiederum beeinflussen die Entscheidungen von Unternehmen über Preise und Löhne. Wenn die Erwartung nicht mehr verankert ist, dass die Preise stabil bleiben, dann wächst die Gefahr, dass Menschen und Unternehmen Kaufentscheidungen vertagen. Denn sie beginnen, auf fallende Preise zu hoffen. Das wiederum würde wahrscheinlich weiter fallende Preise und einen weiteren Aufschub von Investitionsentscheidungen bedeuten. Es entstünde eine Abwärtsspirale. Unsere Aufgabe als Zentralbank ist es derzeit, genau das zu verhindern.

Stabil sind die Preise doch, wenn sie gar nicht steigen oder fallen, also bei einer Inflationsrate von null.
Zunächst einmal sind wir nicht die einzige Zentralbank der Welt, die sich ein Inflationsziel von rund zwei Prozent gesetzt hat. Alle großen Notenbanken haben festgelegt, dass für sie Preisstabilität bei einer Inflationsrate von um die zwei Prozent erreicht ist. Das hat mehrere Ursachen: Aus statistischen Gründen und aufgrund von Messungenauigkeiten neigen Inflationsindizes dazu, die tatsächliche Teuerung etwas überhöht auszuweisen, sodass ein Indexstand von null tatsächlich bereits eine negative Teuerung bedeuten würde.

Das hört sich jetzt sehr technisch an.
Wichtiger noch, würde die EZB auf eine Inflation von null Prozent abzielen, müssten wir vermutlich dauerhaft für negative Inflationsraten in einigen Staaten sorgen, um die positive Teuerung in anderen Ländern auszugleichen. Deswegen macht es Sinn, sich ein Inflationsziel von um zwei Prozent zu setzen. Bei einem Inflationsziel von null Prozent ist außerdem die Gefahr hoch, dass die Wirtschaft in eine Deflation rutscht. Die Wirtschaft wäre zu nah an einer deflationären Situation und wäre bei jedem Schock verwundbar. Und Deflation ist gefährlich. Denn bei einer negativen Inflationsrate steigen die Reallöhne, und die Gewinnspannen der Unternehmen geraten unter Druck. Zudem halten sich Investoren und Konsumenten mit dem Geldausgeben zurück. In Frankreich haben Zeitungen über Umfragen berichtet, wonach eine Reihe der Befragten mit größeren Anschaffungen abwarten will, weil sie auf weiter sinkende Preise hofft. Es würde also ein gefährlicher Teufelskreis aus sinkenden Preisen, steigenden realen Lohnkosten, sinkenden Gewinnen, schrumpfender Nachfrage und weiter sinkenden Preisen drohen. Die Wirtschaft würde dann in eine Deflation und Rezession rutschen.

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