Wahl in Griechenland: Warum sollten Griechen Tsipras ihre Stimme geben?

Wahl in Griechenland: Warum sollten Griechen Tsipras ihre Stimme geben?

von Andreas Macho

Alexis Tsipras hat im Wahlkampffinale noch einmal die Massen mobilisiert – auch mit Schützenhilfe von Gregor Gysi. Tsipras größter Rivale blieb zuletzt blass. Doch was spricht dafür, dass die Griechen ihn wiederwählen?


Es riecht nach Bratwurst und aus den krachenden Boxen dringt das Partisanenlied Bella Ciao. Am Syntagma-Platz vor dem griechischen Parlament herrscht am Freitagabend Volksfeststimmung. Ältere Menschen schwenken bunte Syriza-Fahnen. Tausende haben sich auf Athens zentralem Platz versammelt, um die letzte Rede von Syriza-Chef Alexis Tsipras vor der griechischen Parlamentswahl am Sonntag zu hören. Da erklingt ein deutscher Satz aus den Lautsprechern.

„Syriza hat das Beste aus den Verhandlungen mit den Geldgebern herausgeholt.“ Es ist die Stimme von Gregor Gysi. Zur Unterstützung von Syriza ist der Noch-Fraktionschef der Linken nach Athen gereist. Keine zwei Minuten braucht er, um die Massen in Beifall zu versetzen. Dann schenkt er ihnen schon stärker ein: „Mögen Sie Herrn Schäuble und Frau Merkel“, fragt Gysi ins fahnenschwenkende Publikum.

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Das sagen Analysten zur Lage Griechenlands

  • Jörg Krämer, Commerzbank-Chefvolkswirt

    "Letztendlich entscheidet das Referendum am Sonntag darüber, ob Griechenland in der Währungsunion bleibt. Wenn sich die Griechen dafür aussprechen, kann die Staatengemeinschaft ein solch demokratisches Votum nicht übergehen. Dann werden die Verhandlungen wieder aufgenommen. Bei einem negativen Votum kommt es dagegen zum Grexit. (...) Bis dahin tobt ein Nervenkrieg. Die Kapitalverkehrskontrollen reichen zunächst erst einmal aus, um das Schlimmste zu verhindern. Aber die Kontrollen behindern die Wirtschaft, ebenso wie die von der Syriza geschaffene Unsicherheit. Das ist wirtschaftlich ein verlorenes Jahr für Griechenland. Für Deutschland spielt das keine Rolle. Nicht einmal ein Prozent der deutschen Exporte gehen dorthin."

  • Marc Tüngler, Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz

    „Natürlich wird der Dax zunächst leiden, aber fundamental ist die Wirtschaft in Takt (...) Der Rückschlag wird nicht von Dauer sein."

  • Holger Schmieding, Chefvolkswirt Berenberg Bank

    "Für Griechenland wird es jetzt ganz schwierig. Europa versucht, den Schaden für andere Euro-Länder zu begrenzen. Das wird mit großer Wahrscheinlichkeit gelingen. Die EZB hat bereits erklärt, dass sie die Lage an den Finanzmärkten genau verfolgt und notfalls eingreifen wird. Bei größeren Turbulenzen, die der Konjunktur gefährlich werden könnten, könnte die EZB ihre Anleihekäufe zeitlich nach vorne ziehen oder aufstocken. Sie könnte auch Anleihen bestimmter Länder wie Spanien und Italien früher kaufen. Sie könnte noch deutlicher darauf verweisen, dass es das ultimative Sicherheitsprogramm - das sogenannte OMT-Programm - auch noch gibt."

  • Nicolaus Heinen, Deutsche Bank

    "Mit einer solchen Wendung haben nur wenige gerechnet. Kapitalverkehrskontrollen, vor allem aber die hohe Unsicherheit der kommenden Wochen und Monate dürften die letzte Hoffnung auf eine wirtschaftliche Erholung in Griechenland zunichte machen. Ein Staatsbankrott Griechenlands bedeutet nicht automatisch Grexit. Im besten Fall könnten die Entwicklungen dieser Tage nun dazu führen, dass Europa einen Insolvenzmechanismus für Staaten entwickelt - ganz so, wie die erste Griechenlandkrise vor fünf Jahren zu einem Rettungsmechanismus für Staaten führte. Spannend bleibt, ob und wie andere populistische Kräfte in Europa von den Entwicklungen profitieren. Die Polarisierung zwischen etabliertem Lager und Populisten dürfte in den kommenden Monaten weiter steigen."

  • Johannes Mayr, BayernLB

    "Weder der Grexit noch die Staatspleite sind zwingend. Es hängt sehr davon ab, wie das Referendum ausgeht. Wenn es zu einer Ablehnung kommt, wäre Griechenland auf schiefer Ebene unterwegs in Richtung Euro-Abschied. Die EZB hat die Kapitalverkehrskontrollen praktisch erzwungen, indem sie die Notfallkredite an griechische Banken nicht weiter erhöht hat. Wenn die EZB sie wieder aufstockt nach einem positiven Votum der Griechen, dann wären sie in diesem Umfang nicht mehr notwendig. Die Folgen für die Wirtschaft sind sehr negativ. Durch die Kapitalverkehrskontrollen werden die Geschäfte von Unternehmen und deren Abwicklung über die Banken behindert. Das dürfte die Konjunktur weiter beschädigen.

    Die direkten Folgen für die Wirtschaft in der Euro-Zone und Deutschland dürften begrenzt sein - Griechenland ist zu klein, die Handelsverflechtungen zu gering. Man muss aber abwarten, wie stark die Marktturbulenzen sein werden. Denn die könnten auf die Realwirtschaft durchschlagen."

Der Übersetzer hat den Satz noch nicht fertig ausgesprochen, da schallt es wie aus einer gewaltigen Kehle „Buuhhh“ über den Syntagma-Platz. Darauf hat der gewiefte Rhetoriker Gysi nur gewartet: „Dann lassen Sie mich nicht alleine mit Merkel und Schäuble und wählen Sie Syriza und Alexis Tsipras.“

Nach den Parlamentswahlen im Januar und dem Referendum stimmt das griechische Volk an diesem Sonntag zum dritten Mal in diesem Jahr ab. Wie so oft blickt Europa besorgt nach Hellas, wo sich die Zukunft der Währungsunion entscheiden könnte. Laut letztem Stand der Umfragen liegt Syriza mit 31 Prozent der Stimmen leicht vor der rechtskonservativen Nea Dimokratia (ND) von Parteichef Evangelos Meimarakis, dem die Meinungsforscher 28,5 Prozent der Stimmen zutrauen. Trotz der guten Umfrageergebnisse ist der Wahlsieg für die Linken noch keineswegs ausgemacht.

Roundtable Griechenland braucht eine Agenda 2025

Vier griechische Master-Studenten sprechen über einen Neustart ihres Landes nach der Wahl am Sonntag und dem Alltag in der Krise.

Die Masterstudenten Fratzekos Gkirkoglou (33), Tina Papadopoulou (26), Nikos Chalarakis (36) und Maria Atmatzidou (48) im Roundtable-Gespräch mit der WirtschaftsWoche. Quelle: Enri Canaj

Denn längst nicht alle, die Tsipras noch im Januar ihre Stimme gaben, schätzen dessen Verhandlungsgeschick mit der Troika so positiv ein wie Gregor Gysi. Von „Volksverrat“ sprechen gar Tsipras politische Gegner. Der Bruch mit dem Klientelsystem ist dem Syriza-Chef zudem ebenso wenig geglückt wie der Kampf gegen Korruption. Erst vor wenigen Tagen geriet der Syriza-Minister Alekos Flambouraris unter Korruptionsverdacht. Bei solchen Vorwürfen wirkt die Abspaltung von mehr als zwei Dutzend Syriza-Abgeordneten zu der neuen Partei Volkseinheit (LAE) beinahe wie eine Lappalie.

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