Wahl in Schweden: Den Schweden ist Gerechtigkeit wichtiger als Erfolg

KommentarWahl in Schweden: Den Schweden ist Gerechtigkeit wichtiger als Erfolg

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Der bisherige Oppositionsführer Stefan Lofven von den Sozialdemokraten am Wahlabend.

von Konrad Fischer

In Schweden kommt es zum Machtwechsel, Sozialreformen schlagen Wirtschaftswachstum. Es ist ein mächtiges Warnsignal an die konservativen Parteien Europas.

Schweden ist das erste westliche Industrieland, in dem das Thema „Ungleichheit“ eine Wahl entschieden hat. So lautet die weitreichende Botschaft hinter der Wahlniederlage des konservativen Amtsinhabers Fredrik Reinfeldt. Seine Partei erreichte bei den Wahlen am Sonntag nur gut 23 Prozent, bei seinem letzten Erfolg 2010 waren es mehr als 30 Prozent.

Die Sozialdemokraten um ihren Spitzenmann Stefan Löfven haben mit mehr als 31 Prozent der Stimmen die Wahl klar für sich entschieden. Insgesamt ist das linke Parteienbündnis mit knapp 44 Prozent jetzt eindeutig stärkste Kraft, die konservativ-liberalen Parteien kommen zusammen nur auf 39 Prozent. Abgewählt, sagt man zu so einem Ergebnis. Und so zog Reinfeldt unmittelbar nach Ende der Auszählung die Konsequenz und trat von der Spitze seiner Partei zurück.

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Es ist das Ende einer Ära, die man von Außen zweifellos als erfolgreich bezeichnen muss. Reinfeldt hat sein Land durch die Finanzkrise geführt und dabei Massenarbeitslosigkeit und Rezession vermieden. Er hat den Staat verschlankt, ohne dabei das Versorgungsniveau ernsthaft zu schwächen. Er hat Steuern gesenkt und so den Aufschwung langfristig gesichert. Er hat die Anreize fürs Arbeiten im Alter verbessert und so die Arbeitsmarktbeteiligung deutlich erhöht.

Gerechtigkeit ist ein fundamentaler Wert

Dass die Schweden ihn nun trotzdem nicht wiedergewählt haben, hat dennoch nichts mit mangelnder Dankbarkeit zu tun. Denn in Schweden muss eine Regierung immer auf zwei Dimensionen Erfolg haben, um auch als erfolgreich zu gelten: Wachstum und Gerechtigkeit. So sehr, wie die Geldwertstabilität für viele Deutsche ein fundamentaler Wert ist, ist es in Schweden die gesellschaftliche Gerechtigkeit.

Der Kern des Staatsmodells, auf das die Skandinavier so stolz sind, ist das einer harmonischen Gesellschaft durch selbstgewählte Gleichheit. Alle Gehälter sind in Schweden völlig transparent.

Wissenswertes über Schweden

  • Was sind schwedische Exportschlager?

    Die wichtigsten Ausfuhrprodukte sind Pharmazeutika, Maschinen, Uhren, Präzisionsinstrumente und Elektronikprodukte. Exportschlager ist natürlich auch die schwedische Literatur: Astrid Lindgrens Kinderbuchklassiker kennt jeder. Auch die düsteren Romane von Henning Mankell oder Stieg Larsson sind nicht nur Krimiliebhabern ein Begriff, sondern durch vielfache Verfilmungen auch bei Cineasten beliebt. Außerdem haben die Schweden den Reißverschluss erfunden.

  • Was sind berühmte schwedische Unternehmen?

    Ganz vorne natürlich Ikea. Wer hat nicht schon einmal auf dem heimischen Fußboden Schrauben und Nägel sortiert, um einen günstigen Kleiderschrank selbst zusammen zu zimmern? Genau das ist Ingvar Kamprads Erfolgsrezept, der das Einrichtungshaus 1943 ins Leben rief und das inzwischen mit Filialen auf dem ganzen Globus vertreten ist.

    Auch H&M ist aus den Fußgängerzonen nicht mehr wegzudenken. Kleiner Preis für modische Kleidung, großes Budget für Werbekampagnen und Designerkooperationen mit Größen wie Lagerfeld oder Versace. Auch Volvo, Saab, Ericsson, ABB, Electrolux, SKF, Astra Zeneca Skype, Tetra Pak oder Absolut Vodka kommen aus Schweden.

  • Warum können die Schweden so gut Englisch?

    In Schweden wird Englisch als erste Fremdsprache an den Schulen unterrichtet. Aber das allein ist noch nicht das Geheimnis des schwedischen Sprachwunders: da es sich für nur rund 9,6 Millionen Einwohner nicht lohnt englischsprachige Filme und Serien für Kino oder Fernsehen zu synchronisieren, schauen sich die Schweden diese immer in Originalsprache mit Untertiteln an.

  • Was können die Schweden besser als die Deutschen?

    Sommersonnwende feiern, auf Schwedisch Midsommar. Am Johannisabend Ende Juni geht in Nordschweden die Sonne 24 Stunden lang nicht unter. Eine gute Gelegenheit für die Schweden ausgelassen zu feiern, um einen Maibaum zu tanzen und pappige Zimtschnecken mit reichlich Alkohol runterzuspülen. Nicht umsonst ist das bei Polizeistreifen eher unbeliebt.

  • McDonald's per Ski

    Im schwedischen Skigebiet Lindvallen gibt es das etwas andere McDrive: Bei McSki kann können sich Skifahrer einen Burger auf die Hand mitnehmen, ohne erst lästigerweise die Skier abschnallen zu müssen. Außerdem hat Schweden die höchste Pro-Kopf-Anzahl von McDonald's-Filialen in Europa.

  • Größtes Einkaufszentrum Skandinaviens

    Im schwedischen Göteborg gibt es die größte Shoppingmall Skandinaviens. Das Nordstan hat 180 Geschäfte und 150 Büros unter seinem Dach.

Und so sprach in Schweden in den vergangenen Monaten kaum einer über den wirtschaftlichen Aufschwung. Stattdessen ging es um die wachsende Ungleichheit in allen Facetten. Reinfeldts Regierung hatte Krankenhäuser und Schulen privatisiert - die offensichtliche Folge war ein Absinken des Landes im Pisa-Ranking. Die Schweden aber entdeckten dafür Anzeichen einer tiefer greifenden Veränderung: Bildung und Gesundheit seien auf dem Weg, käuflich zu werden.

Rechtspopulisten triumphieren

Diese Bewegung haben sie abgewählt, wenn auch mit einem unbefriedigenden Resultat. Die Sozialdemokraten sind mit ihrer linken Allianz zwar stärker als die Konservativen. Zum Regieren aber reicht es trotzdem nicht. Denn mit den Schwedendemokraten hat eine rechtspopulistische Partei triumphiert, die in kein Schema passt. Ihre 13 Prozent genügen, um jede Lagermehrheit zu ruinieren.

So bleibt den Sozialdemokraten die Minderheitsregierung, ein Herrschaftsmodell mit dem sie viel Erfahrung haben. Doch unter Reinfeldt hat sich nicht nur die Gesellschaft, sondern auch die Politik zunehmend polarisiert. Parteien traten als Allianzen auf, wechselnde Mehrheiten über die Blöcke hinweg wurden zur Seltenheit. Nicht mal über den Haushalt, in früheren Zeiten das Hochamt der Kompromissbereitschaft, gab es mehr einen Konsens.

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Dennoch dürfte der Machtwechsel in Schweden international Modellcharakter bekommen, wie es Entscheidungen aus Stockholm schon des öfter hatten. Wenn am Donnerstag die Schotten über ihre Unabhängigkeit entscheiden, spielt die Ungleichheit ebenfalls eine unterschwellige und dennoch dominante Rolle. Sicher, die Schotten ärgern sich auch über mangelnde Souveränität insgesamt und werden vom Neid um die Einkünfte aus „ihrem“ Erdöl umgetrieben. Vor allem aber wenden sie sich gegen das britische Wirtschaftsmodell der Gegenwart: Wirtschaftswachstum zum Preise der Gerechtigkeit.

Die Wahl in Schweden dürfte somit nur die erste einer Reihe von europäischen Wahlen gewesen sein, bei denen dieses Thema im Mittelpunkt steht. Konservative, die Wahlergebnisse nach dem Muster Reinfeldt vermeiden wollen, sollten es ganz genau analysieren – oder sich nachher nicht wundern.

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