Wahlkampf in Italien: Silvio Berlusconi stilisiert sich zum Messias

19. Februar 2013
Foto von S. Berlusconi Quelle: REUTERSBild vergrößern
Silvio Berlusconi hat immer wieder vor allem mit seinen Skandalen von sich reden gemacht. Mitte November 2011 trat der Rechtspopulist als italienischer Regierungschef ab - im Parlament ohne Mehrheit und bedrängt von Affären und Prozessen. Dann gab der 76-Jährige Ende 2012 zunächst offiziell bekannt, doch noch einmal um das Amt des Regierungschefs kämpfen zu wollen. Nun erzählt er im Wahlkampf den Bürgern genau das, was sie hören wollen. Quelle: REUTERS
von Julius Müller-Meiningen

Der Ex-Regierungschef wirbt mit umstrittenen Vorschlägen in Wirtschafts- und Steuerpolitik um sein Comeback – und hat bei immer mehr Wählern Erfolg.

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Es dauert keine halbe Stunde, dann ist der Saal in Ekstase. „Wollt ihr weniger Steuern?“, brüllt der Mann im dunklen Zweireiher unten auf der Bühne ins Mikrofon. „Jaaaaa“, schallt es ihm aus dem Auditorium entgegen. „Wollt ihr mehr Konsum, mehr Produktion, mehr Arbeitsplätze?“ „Jaaaaa“ rufen die Gläubigen. Denn anders kann man die Anhänger Silvio Berlusconis nicht bezeichnen. Vorne skizziert der charismatische Messias das Bild einer heilen Welt mit simplen Mechanismen. Hinten im Auditorium jubeln ihm die Fans zu. Bei diesem Auftritt in Rom sind es beinahe 2000 Menschen.

Silvio Berlusconi ist unbestritten der Protagonist der politischen Szene vor den italienischen Parlamentswahlen am 24. und 25. Februar. Lange Zeit lagen der Sekretär der „Demokratischen Partei“ Pier Luigi Bersani und sein Mitte-Links-Bündnis in den Umfragen beinahe uneinholbar vorne. Dann begann Berlusconis Aufholjagd, etwa sechs Prozent soll sein Rückstand zuletzt nur noch betragen haben.

Vielen ist es ein Rätsel, wie es dem umstrittensten Politiker Europas nach allen Skandalen, Prozessen und offensichtlichem Versagen in der Regierungsverantwortung wieder zu gelingen scheint, die Wähler um den Finger zu wickeln. Viermal war Berlusconi seit 1994 italienischer Ministerpräsident, acht Jahre lang war er an der Macht.

Das Comeback des Silvio Berlusconi Italien träumt vom Schlaraffenland

Im Wahlkampf hat Berlusconi zuletzt in Umfragen deutlich aufgeholt.

Das Comeback des Silvio Berlusconi: Italien träumt vom Schlaraffenland

Es ist deshalb unzweifelhaft auch seine Verantwortung, dass Italien so schlecht da steht wie seit Jahrzehnten nicht. Die Staatsschuld beträgt über 2000 Milliarden Euro, die Arbeitslosigkeit (11 Prozent) steigt, ein Drittel aller Jugendlichen ist ohne Job. Ministerpräsident Mario Monti bezeichnete die Generation der 30-Jährigen als „verlorene Generation“, sie hat wenig Chancen überhaupt noch einmal in den Arbeitsmarkt integriert zu werden.

Viele junge Italiener wären mit einem 1000-Euro-Job glücklich. Die Wirtschaftslage ist dramatisch: Tausende Unternehmen gingen in der Krise Pleite. Die Steuerlast liegt bei 55 Prozent der Wirtschaftsleistung. Die internationalen Finanzmärkte beobachten Italien und besonders Berlusconi mit Argwohn.

Die Zuschauer im Auditorium della Conciliazione haben einen anderen Blick auf die Realität. „Silvio, Silvio, Silvio“, rufen die Menschen enthemmt, als der 76 Jahre alte Politiker den Saal betritt. In der langen Wartezeit zuvor haben sie eine Lektion in Sachen Mythenbildung bekommen. Gezeigt wird ein Film, der den steilen Aufstieg des Mailänder Unternehmers nachzeichnet.

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Kommentare | 13Alle Kommentare
  • 19.02.2013, 06:43 UhrWegweiser

    Die Folgen des Euroabenteuers, was als Währungsexperiment gestartet worden ist, treten auch in Italien immer mehr hervor. Die Eurozonenkrise erreicht dabei immer größere Ausmaße. Mangelnde eigene Leistungs- und Wettbewerbsfähigkeiten, ökonomische Ungleichgewichte, staatliche und private Überschuldungen (staatliche Budgets und Schattennebenhaushalte, Privatinsolvenzen, fragiler Bankensektor, kreditunwürdige Unternehmen), eine fehlende Investitionsdynamik, die demographische Entwicklung, sie können kurzfristig im Euroverbund kaum oder gar nicht gelöst werden. Die Südzone steckt in der Überschuldungs- und Wettbewerbsfalle, die EZB konnte dabei nur etwas mehr Zeit verschaffen. Diese grundlegenden Problemstellungen lassen sich auch nicht mit mehr Haftungsvergemeinschaftlichungen, Monetarisierungen und Sozialisierungen von Fremdschulden und von Fremdrisiken lösen, siehe ELA, LTRO, Target II, EFSF, EFSM, ESM, OMT, Niedrigstzinsen, Absenkung der Kreditsicherheitsanforderungen.

    In diesem komplexen Spannungsfeld befinden sich siebzehn Eurovolkswirtschaften, die man in einer Währungsunion zusammengefasst hat. Viele Euroländer befinden sich in einer jahrelangen Stagnations-, Rezession- oder Depressionphase, hohe und steigende Arbeitslosigkeiten, steigende Defizite und harte Spar- und Sanierungsprogramme erschwerenden deren binnenökonomische Erholung und auch deren potentielle Spielräume für eigene Anpassungsmöglichkeiten.

    Selbst die wenigen noch einigermaßen leistungsfähigen Eurovolkswirtschaften, auch Deutschland, leiden unter dieser Währungsunion, siehe Einkommensentwicklungen, überschuldete Kommunen und Städte, marode Infrastruktur. Und die Eurozonenkrise wird auch diese in den nächsten Monaten treffen.

    Die Wahlen in Italien, in Österreich, in Deutschland und auch die innenpolitischen Entwicklungen in Frankreich werden zum Härtetest für Glaubwürdigkeit, Seriösität und Vertrauen.

  • 19.02.2013, 07:21 UhrGuzzi_Cali2

    Ich hoffe und bete, daß Berlusconi das Rennen macht, denn er wäre ein Katalysator für den Untergang des Euro. Daß er offenbar von vielen Italienern als DER Heilsbringer angesehen wird, erschreckt mich, denn was er angerichtet hat bzw. anzurichten in der Lage ist, konnte man ja schon live erleben. Sie wollen ihn vermutlich aus anderen Beweggründen als ich. Im Ergebnis macht es jedoch keinen Unterschied - daher: Forza, BERLUSCONI Presidente!

  • 19.02.2013, 07:32 UhrGuzzi_Cali2

    Erst wenn die Euromantiker den Offenbarungseid leisten müssen und es nicht mehr zu leugnen ist, daß der Euro bzw. die EU nicht der Garant für Frieden, Wohlstand und Demokratie war, wird es eine neue Ordnung in Europa geben. Bis dahin werden sich die euroduseligen "Staatenlenker" (bzw. von den Banken Gelenkten) wieder und wieder zu sinnlosen Gipfelchen treffen, sinnlose Dinge beschließen, hoffen, daß sie die nächste Wahl überstehen und sich für nicht vorhandene Erfolge und "Fortschritte" in den Krisenstaaten feiern lassen. Frau Merkel macht die Rechnung jedoch ohne die Völker in den Südstaaten, die erstens bereits mit dem Rücken zur Wand stehen und daher nichts mehr zu verlieren haben und zweitens deutlich volksaufstandsfreudiger sind, als die tumben Deutschen, die eigentlich auch schon längst die CDUSPDFDPGRÜN-Connection zu Teufel hätten jagen müssen. Und eines ist sicher: Wenn das das Tischtuch mal an einer Ecke brennt, werden die Investoren ("wie ein scheues Reh") schnell ihr Geld in Sicherheit bringen und damit ziehen sie der Eurozone praktisch den Teppich unter den Füßen weg. Was mich jedoch immer ärgert, ist, daß die Not, die dieses Pack über die Völker Europas gebracht hat, die Verursacher nie selbst trifft.

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