Wall-Street-Veteran: "Die Zeit läuft gegen Europa"

Wall-Street-Veteran: "Die Zeit läuft gegen Europa"

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William R. Rhodes warnt: Bei der Bekämpfung der Schuldenkrise dürfe keine Zeit mehr vergeudet werden.

von Angela Hennersdorf

Der amerikanische Wall-Street-Veteran William Rhodes kritisiert das zögerliche Handeln der Europäer und beschwört die Führungsrolle Angela Merkels bei der Euro-Rettung.

WirtschaftsWoche: Mr. Rhodes: Sie hatten in Ihrer Bankerkarriere einige Staatsschuldenkrisen zu managen. Hat Bundeskanzlerin Angela Merkel schon bei Ihnen angerufen und Sie um Rat gefragt, wie sie die Euro-Krise jetzt am besten beenden könnte?

Rhodes: Nein, bis jetzt noch nicht. Aber Frau Merkels Berater haben immerhin mein Buch gelesen – das hat man mir aus dem Kanzleramt zugetragen. Ich hoffe, sie nehmen sich die Lehren, die ich darin aus den historischen Schuldenkrisen zum Beispiel in Lateinamerika und Asien ziehe, zu Herzen und tragen diese auch an die deutsche Kanzlerin weiter.

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Ihr Buch „Banker to the World“ enthält in der Tat viele Erfahrungen, die das Handeln in globalen Finanzkrisen erleichtern könnten. Hat denn das europäische Krisenmanagement genug daraus gelernt?

Als Giorgos Papandreou im Dezember 2009 erstmals von den falschen Budgetzahlen berichtete, die Athen nach Brüssel geliefert hatte, und gleichzeitig die dramatisch schlechte finanzielle Lage Griechenlands beschwor, hoffte er auf ein schnelles Hilfsprogramm. Im Januar darauf fuhr er zum World Economic Forum in Davos – alle wichtigen europäischen Politiker waren vor Ort und redeten über Griechenland. Es kam zu keiner Einigung.

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Der Fluch der guten Bonität

Warum nicht?

Ich selbst sprach damals in Davos und in den Monaten danach mit europäischen Politikern und Finanzexperten. Ich warnte sie davor, die Sache mit Griechenland schleifen zu lassen, weil eine Ansteckung anderer Länder drohe. Sie sagten zu mir, ach was, Bill, du hast dich zu viel mit Krisen in Schwellenländern beschäftigt. Hier in Europa ist das anders; wir sind entwickelte Länder – es gibt keine Ansteckung anderer Länder; diese Wirtschaften sind solide, Griechenland ist ein isolierter Fall. Der einzige Deutsche, der wirklich besorgt war, war Axel Weber, der damalige Chef der Deutschen Bundesbank. Bis sich aber die Europäische Zentralbank, die EU und der IWF auf das erste Rettungsprogramm für Griechenland geeinigt hatten, war es Mai.

"Der IWF ist kein Rettungsanker mehr"

Da war dann auch schon der keltische Tiger, Irland, in Not.

In der Tat. Nicht nur, dass sich die Lage in Griechenland in dem halben Jahr dramatisch verschlechtert hatte. Unmittelbar danach kam Irland in die Klemme, dann Portugal, Spanien und Italien. Die Finanzmärkte reagieren heute in Nanosekunden, Banken und Geldmarktfonds zogen schnell die Reißleine. In Brüssel haben sie bis heute nicht die Mechanismen der internationalen Finanzmärkte begriffen. Paul Volcker, Ex-Chef der US-Notenbank, gab mir folgenden Rat: „Timing ist alles in einer Krise.“ Wie viele ergebnislose EU-Gipfel hat es gegeben, die zu nichts geführt haben? Die Europäer haben die Dramatik der Lage völlig unterschätzt und die Krise schlecht gemanagt.

Ist denn der Euro noch zu retten?

Die Euro-Zone wird ohne Zweifel überleben – ob allerdings alle 17 Länder künftig noch Mitglied sein werden, dafür will ich meine Hand nicht ins Feuer legen. Der Schlüssel zur Rettung ist die Rekapitalisierung der Banken. Dafür muss die EZB mehr Liquidität in den Markt pumpen. Liquidität ist das A und O, um das europäische Bankensystem zu stabilisieren. Der Bankensektor ist enorm wichtig für die Euro-Zone – wichtiger als etwa für die USA, wo wir neben dem Bankensektor auch einen viel stärkeren Kapitalmarkt haben. Wenn die Banken ein Problem haben, haben die Staaten ein Problem. Wenn die Regierungen ein Problem haben, haben die Banken ein Problem.

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