Walter Krämer: "Irgendwann kommt der große Knall"

InterviewWalter Krämer: "Irgendwann kommt in Europa der große Knall"

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"Die Bundesregierung agiert nach dem Motto ,Augen zu und durch'", kritisiert Walter Krämer. Der Dortmunder Wirtschaftsprofessor will sich trotz kritischer Stimmen weiter zur Euro-Rettungspolitik äußern. Etwa mit seinem neuen Buch "Kalte Enteignung".

von Tim Rahmann

Walter Krämer, Initiator des Ökonomen-Aufrufs von 2012, glaubt nicht an eine Wende zum Guten in der Euro-Krise. Im Interview erklärt der Wirtschaftsprofessor, wie der Euro unseren Wohlstand gefährdet, wieso es keinen zweiten Protestbrief geben wird - und warum er griechische Staatsanleihen hält.

WirtschaftsWoche: Herr Krämer, Sie schreiben in Ihrem neuen Buch "Kalte Enteignung": "Der Euro bedroht uns dreifach – durch Inflation, den Wertverfall deutschen Auslandsvermögens und durch Kreditausfälle in Südeuropa, für die der Steuerzahler bürgt". Welches ist momentan die akuteste Gefahr?

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Walter Krämer: Die Kreditausfälle sind sicherlich das derzeit größte Risiko. Griechenland wird niemals in der Lage sein, die riesigen Staatsschulden aus eigener Kraft abzubauen. Dass Schuldenschnitte in der Euro-Zone kein Tabu sind, haben wir ja auch schon gesehen. Rund 100 Milliarden Euro mussten Gläubiger beim ersten Griechenland-Hilfspaket abschreiben.

Wann kommt der nächste Schuldenschnitt?

Das hängt davon ab, wie generös die Europäische Zentralbank weiterhin beim Ankauf von Staatsanleihen und beim Gelddrucken ist. Mit ihrer Ankündigung, den Euro auf jeden Fall zu verteidigen, werden die Probleme der Krisenländer überspielt. Gelöst sind sie dadurch nicht. Irgendwann kommt in Europa der große Knall.

Griechenlands Baustellen 2013

  • Haushaltskonsolidierung

    Griechenland muss gemäß dem neuen Sparprogramm den Staatshaushalt um 13,5 Milliarden Euro bis Ende 2014 entlasten. Weitere 3,4 Milliarden Euro sollen anschließend bis 2016 eingespart werden. Das Programm sieht vor, Renten und Löhne zu kürzen, das Rentenalter auf 67 Jahre anzuheben und Staatsbedienstete zu entlassen. Nur so wird Athen die Voraussetzungen für weitere Hilfszahlungen erfüllen können.

    Das Ziel der Troika (EU, IWF, EZB) ist es, den Schuldenstand des Landes auf 120 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu drücken. Doch davon ist Athen nach wie vor weit entfernt: Die Verbindlichkeiten des Landes belaufen sich auf über 165 Prozent des BIP. 2022 soll Griechenland dieses Ziel erreichen – zwei Jahre mehr, als ursprünglich von der Troika geplant. Doch 2013 dürfte es weiter schwierig für das schuldengeplagte Land werden. Allein, weil die Wirtschaft wohl zwischen 4,2 bis 4,5 Prozent schrumpfen wird.

  • Kampf dem Steuerbetrug

    Die CD, mit Namen von 2000 Griechen mit Schweizer Geldkonten, die zwei Jahre lang verschwand und nun den sozialistischen Ex-Finanzminister Giorgos Papakonstantinou hinter Gitter bringen könnte, zeigt: Griechenland muss den Steuerbetrug konsequenter angehen. Das sieht auch eine Mehrheit der griechischen Bevölkerung so. 68 Prozent kritisierten in einer Umfrage der Tageszeitung "To Vima", dass ihre Regierung den Steuerbetrug nicht konsequent bekämpft.

  • Privatisierung

    Die Regierung in Athen muss die Privatisierung von Staatsbesitz weiter vorantreiben. Im vergangenen Jahr hatte der Hellenic Republic Asset Development Fund (HRADF), die Privatisierungsanstalt des griechischen Staates, zahlreiche Vorhaben auf dem Weg gebracht. Doch nur eine Handvoll von Projekten sind tatsächlich über die Bühne gegangen. Was noch zu privatisieren ist: Flughäfen, Regierungsgebäude, maritime Häfen, die staatliche Pferderenn Wetten-Gesellschaft.

  • Neugliederung der Verwaltung

    Die Zahl der Angestellten im öffentlichen Dienst wird 2013 weiter abnehmen. Insgesamt sollen bis Ende des Jahres 25.000 Arbeiter weniger für den Staat arbeiten. Zahlreiche Organisationseinheiten und Behörden müssen fusionieren oder geschlossen werden.

Das wäre die Insolvenz Griechenlands – oder das Aufflammen von Inflation im gesamten Euro-Raum.

Genau. Eine Notenbank kann einen Schuldenschnitt verhindern und bis zum Exzess Geld drucken. Das hat Deutschland ja 1923 bewiesen. Eine Hyperinflation aber wäre schlimmer als jeder Staatsbankrott. Deswegen wird es wahrscheinlich weitere Schuldenschnitte geben und eine moderate Inflation im Euro-Raum. Das träfe Sparer wie Steuerzahler gleichermaßen.

Sie schreiben, dass Hilfsprogramme der europäischen Steuerzahler eigentlich unnötig seien, weil beispielsweise die Griechen ihre Staatsschulden selbst tilgen könnten.

Ich habe einfach mal das griechische private Geldvermögen und die Schulden des Landes gegenübergestellt. Es zeigte sich: Zu dem Zeitpunkt, als die griechischen Staatsanleihen auf nur noch 20 Prozent des Nennwertes notierten, waren die gesamten griechischen Schulden niedriger als das Geldvermögen der Bürger. Sprich: Griechenland hätte sich aus eigener Kraft entschulden können, ohne dass die Bürger ihre Immobilen hätten verkaufen müssen und in die Armut getrieben worden wären.

Sie sprechen sich für eine Verstaatlichung von griechischem Privatvermögen aus?

Ich liefere einen Denkansatz, wie Griechenland aus eigener Kraft gesunden kann. Bevor man die europäischen Steuerzahler anpumpt, sollte man selbst schauen, ob man den Karren nicht eigenständig aus dem Dreck ziehen kann. Das ist möglich. Aber gleichzeitig nur eine Möglichkeit von vielen.

Walter Krämers neues Buch "Kalte Enteignung" ist am 20. Juni im Campus-Verlag erschienen. Quelle: Presse

Walter Krämers neues Buch "Kalte Enteignung" ist am 20. Juni im Campus-Verlag erschienen.

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Nennen Sie uns eine zweite.

Das Tragische an der Schuldenkrise ist doch, dass besonders die Arbeitnehmer, die Rentner und die jungen Erwachsenen, die auf Jobsuche sind, betroffen sind. Gleichzeitig gibt es insbesondere in den Krisenländern große Vermögen. Hier sollte gegengesteuert werden. Das heißt gar nicht, dass ich große Steuererhöhungen fordere, sondern vielmehr, dass bestehende Gesetze angewandt werden und zunächst einmal jeder seine Abgaben zahlt. Die Steuerbehörden in Südeuropa müssen effektiver werden und härter gegen Steuersünder vorgeben. Zwischen 20 und 30 Billionen teilweise illegal beiseite geschaffter Euros dümpeln weltweit auf Steueroasen herum. Könnte man die anzapfen, wäre die Euro-Krise morgen Früh zu Ende.

"Den Südeuropäern geht es deutlich besser als uns"

Sind die Südeuropäer reicher als wir Deutschen?

Zumindest geht es ihnen nicht schlechter. Man muss Wohlstand nicht nur am Einkommen messen, sondern auch am Vermögen. Und da zeigte schon die EZB-Vermögensstudie, dass es den Südeuropäern deutlich besser geht. Noch eine persönliche Anekdote dazu: Ich war vor Kurzem im Urlaub an der Cote d‘Azur. Dort liegen zahlreiche Jachten in den Häfen. Ich habe mal geschaut, wo die herkommen. Die meisten Schiffe stammen aus Italien, Malta, Frankreich und Griechenland. Die Leute haben dort offenbar Geld genug – und zwar deutlich mehr als ich.

Das sind doch Ausnahmen. Und mit dem Blick auf Deutschland gilt: Uns geht es doch gut. Mehr Menschen als je zuvor sind in Arbeit – und die Shoppinglaune ist so hoch wie seit der Deutschen Einheit nicht mehr.

Wahr ist: Die Angestellten bei Daimler, Karstadt oder der Telekom sind nicht nur in Arbeit, sie bekommen auch ihren Lohn und die Firmen bekommen ihre Autos, Waren und Dienstleistungen bezahlt. Entscheidend aber ist: Den Leuten ist nicht klar, dass sie unter Umständen umsonst arbeiten. Denn das Geld, mit dem die deutschen Exporte bezahlt werden, haben sich die europäischen Nachbarn zum Großteil geliehen – von anderen Deutschen. Diese Problematik hat Hans-Werner Sinn in seinem Buch „Die  Target-Falle“ veranschaulicht. Diese unter andrem auch zum Finanzieren der eigenen Exporte von den Deutschen ausgeliehenen Summen sind die sogenannten Targetforderungen der Deutschen Bundesbank. Die sind völlig ungesichert und haben inzwischen eine dreistellige Milliardenhöhe erreicht. Gut möglich, dass dieses virtuelle Geld nie nach Deutschland zurückfließt. Das ginge zulasten deutscher Sparer, Rentner und Pensionäre.

Durchschnittliches Nettovermögen der Privathaushalte

  • Nettohaushaltsvermögen

    Als Haushaltsvermögen gelten alle privaten Besitztümer der Menschen innerhalb eines Haushalts - also Sparbücher, Konten aber auch Lebensversicherungen und vor allem Immobilienvermögen. Die EZB-Studie zeigt nun erstmals, wie das Haushaltsvermögen in den Euro-Staaten aufgeteilt ist. Die Daten stammen aus den Jahren 2008 bis 2010. Nicht einbezogen sind die Euro-Länder Irland und Estland, da die Erhebung der Daten bereits begann, als die beiden Staaten den Euro noch gar nicht eingeführt hatten.

  • Platz 15: Slowakei

    Mit einem durchschnittlichen Nettohaushaltsvermögen von nur 79.700 Euro ist die Slowakei das traurige Schlusslicht innerhalb der erhobenen Euro-Länder. Damit hat das kleine Land, das zwischen Polen und Ungarn liegt, in dem zwar 1,4 Prozent aller Haushalte in der Euro-Zone liegen, nur 0,5 Prozent des Vermögens.

  • Platz 14: Griechenland

    Der reiche Grieche ist ein Mythos. Der Großteil der griechischen Haushalte ist arm: Mit nur 147.800 Euro Nettovermögen liegen die griechischen Haushalte weit unter dem Durchschnitt in der Euro-Zone von 230.800 Euro. Obwohl Griechenland drei Prozent aller Haushalte in der Euro-Zone stellt, besitzen die Menschen dort nur 1,9 Prozent des Vermögens.

  • Platz 13: Slowenien

    In Slowenien liegt das durchschnittliche Nettohaushaltvermögen bei 148.700 Euro und damit nur wenige tausend Euro höher als das der Griechen. Doch Slowenien ist ein kleines Land: Die 0,6 Prozent der Haushalte halten 0,4 Prozent des privaten Vermögens innerhalb der Euro-Zone.

  • Platz 12: Portugal

    Auch im Krisenland Portugal besitzen die Menschen nicht viel, im Durchschnitt 152.900 Euro je Haushalt. Damit besitzen die portugiesischen Haushalte, die 2,8 Prozent aller Haushalte in der Euro-Zone darstellen, nur 1,9 Prozent des Vermögens.

  • Platz 11: Finnland

    161.500 Euro besitzen die finnischen Haushalte im Durchschnitt, damit reicht es im Vergleich unter den Euro-Ländern für Platz Elf. Die Finnen halten mit 1,8 Prozent der europäischen Haushalte 1,3 Prozent des Vermögens.

  • Platz 10: Niederlande

    Auch unsere holländischen Nachbarn liegen unter dem EU-Durchschnitt. 170.200 Euro beträgt dort das durchschnittliche Haushaltsnettovermögen. Damit haben die Niederländer zwar 5,3 Prozent der Haushalte in der Euro-Zone, aber nur 4,0 Prozent des Vermögens.

  • Platz 9: Deutschland

    Für Deutschland, stärkste wirtschaftliche Kraft innerhalb der Euro-Zone, reicht es im Vergleich der Haushaltsvermögen nur für Platz Neun: Durchschnittlich 195.200 Euro besitzen die deutschen Haushalte - und liegen damit unter dem Euro-Zonen-Durchschnitt von 230.800 Euro. 28,7 Prozent der Haushalte der Euro-Zone liegen in Deutschland, aber trotzdem nur 24,3 Prozent des Vermögens.

  • Platz 8: Frankreich

    Frankreich steht besser da als Deutschland. Durchschnittlich 233.400 Euro beträgt dort das Nettovermögen der Haushalte und liegt damit leicht über dem Mittelwert der Euro-Zone. 20,2 Prozent der Haushalte halten 20,3 Prozent des Vermögens innerhalb der Euro-Zone.

  • Platz 7: Österreich

    265.000 Euro besitzen österreichische Haushalte im Durchschnitt an Vermögen. Damit haben die Österreicher anteilig mehr Vermögen als Haushalte der Euro-Zone: 2,7 Prozent der Haushalte besitzen 3,1 Prozent des Vermögens.

  • Platz 6: Italien

    Auch das Krisenland Italien liegt deutlich über dem durchschnittlichen Nettohaushaltsvermögen der Euro-Zone: 275.200 Euro an Vermögen haben die italienischen Haushalte im Durchschnitt angehäuft. Damit machen sie zwa rnur 17,2 Prozent aller Haushalte der Euro-Zone aus, halten aber 20,6 Prozent des Vermögens.

  • Platz 5: Spanien

    Trotz der hohen Arbeitslosigkeit besitzen auch die spanischen Haushalte noch viel Vermögen, durchschittlich 291.400 Euro. Die Daten stammen allerdings aus dem Jahr 2008. Damals besaßen die spanischen 12,3 Prozent der Haushalte innerhalb der Euro-Zone rund 15,6 Prozent des Vermögens.

  • Platz 4: Belgien

    In Belgien liegt das Nettohaushaltseinkommen durchschnittlich bei 338.600 Euro - und damit weit über dem der Nachbarländer Niederlande oder Deutschland. 3,4 Prozent der Haushalte der Euro-Zone liegen in Belgien, dort sammelt sich aber 5,0 Prozent des Vermögens.

  • Platz 3: Malta

    Die bevölkerungsärmsten Euro-Länder haben die reichsten Haushalte. Mit 366.000 Euro Durchschnittsvermögen liegen die Haushalte auf der kleinen Mittelmeerinsel auf Platz drei. 0,1 Prozent der Haushalte der Euro-Zone sind auf der Insel zu finden - aber auch 0,2 Prozent des Vermögens.

  • Platz 2: Zypern

    670.900 Euro Vermögen besitzen die Haushalte in Zypern im Durchschnitt - fast das dreifache des Mittelwerts der Euro-Zone, der bei 230.800 Euro liegt. Damit häuft sich bei den 0,2 Prozent der Haushalte der Euro-Zone rund 0,6 Prozent des Vermögenbesitzes.

  • Platz 1: Luxemburg

    Die Luxemburger sind jedoch noch fast 40.000 Euro reicher als die Zyprioten: 710.100 Euro Vermögen besitzen die luxemburgischen Haushalte - und damit 0,4 Prozent des privaten Vermögens innerhalb Euro-Zone, auch wenn sich nur 0,1 Prozent aller Haushalte der Euro-Zone in Luxemburg befinden. Das Großherzogtum hat damit unbestritten das höchste Nettohaushaltsvermögen.

Das Problem mit den Target-Salden wurde in der WirtschaftsWoche im März 2012 ausführlich dargestellt. Der Protest hielt sich in Grenzen. Sind die Deutschen naiv?

Die Leute werden systematisch für dumm verkauft. Von der Politik, aber auch durch Ihre Kollegen Journalisten. Was Spiegel, Süddeutsche Zeitung  bis hin zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk für Unsinn in Sachen Euro-Rettung verbreiten, ist erschreckend. Dort wird einseitig über die angeblichen Vorteile der Gemeinschaftswährung berichtet. Ich glaube, den genannten Medien sind die Probleme zu komplex. Zu ihrer Ehrenrettung: Die Problematik der Target-Salden wurde ja selbst von hoch bezahlten Notenbankern lange nicht erkannt.

Wir haben berichtet und so einseitig ist die Berichterstattung in Deutschland wahrlich nicht. Hinzu kommt, dass nicht nur deutsche Medien von den Vorteilen der Gemeinschaftswährung sprechen, sondern auch die deutschen Konzernen nahezu einhellig der Meinung sind: Der Euro ist gut.

Das wundert mich nicht. Die Konzerne bekommen ihre Exporte ja bezahlt. Sie machen gute Geschäfte. Die Frage ist doch: Wer bezahlt das Ganze? Das sind wir Deutschen selbst. Erst recht, wenn sich die Volkswirtschaften im Euro-Raum weiter voneinander entfernen.

Um die Volkswirtschaft welchen Landes machen Sie sich derzeit die größten Sorgen?

Ich bin oft in Frankreich, verbringe da gerne meinen Urlaub. Es ist für mich unverständlich, wie die Eliten des Landes kein Gespür dafür haben, dass Frankreichs Wettbewerbsfähigkeit immer weiter leidet. Mit Hollande wurde ein Sozialist an die Macht gewählt, der als erstes das Renteneintrittsalter auf 60 Jahren absenkt. Da kann man sich doch nur an den Kopf fassen. Auch eine Reform der 35-Stunden-Woche ist kein Thema. Wer soll das bezahlen? Frankreich ist der größte Problemfall in Europa.

"Ein weiterer Protestbrief wäre nicht sinnvoll"

Ist das Land ein Problemfall – oder ein hoffnungsloser Fall?

Frankreich hat einen großen Vorteil, der die Wirtschaft noch am Leben hält - sehr geringe Energiepreise. Die Franzosen waren nicht so blöd wie Frau Merkel, die ohne Not hochmoderne Kernkraftwerke abschaltet, und erfreuen sich günstiger Strompreise, rund die Hälft der unseren. Das hilft der Wirtschaft ganz enorm. Aber billige Energie alleine macht nicht wettbewerbsfähig.

Fassen wir zusammen: Zentrale Länder der Euro-Zone verlieren an Wettbewerbsfähigkeit, die Deutschen werden über kurz oder lang zur Kasse gebeten und Griechenland braucht allen Dementis zum Trotz einen weiteren Schuldenschnitt. Ist es nicht an der Zeit für einen zweiten Ökonomen-Aufruf?

Ich finde es wichtig, dass sich die Wissenschaft politisch einmischt. Ich persönlich habe nichts zu verlieren, und werde weiter sagen, was ich denke. Das gilt sicher auch für viele meiner Kollegen. Allerdings glaube ich nicht, dass ein weiterer Ökonomen-Protestbrief sinnvoll wäre. Eine Kampagne kann sich auch tot laufen. Wir werden sicher nicht noch einmal so eine Aufmerksamkeit erreichen wie beim ersten Mal. Von daher sollten wir uns auf andere Formen konzentrieren.

Euro-Protest Die Ökonomenzunft in Aufruhr

Unter den deutschen Ökonomen ist ein Streit um die Beschlüsse des EU-Gipfels entbrannt. Während Sinn und Co. Kritik übten, kommt Gegenwind aus den eigenen Reihen.

huGO-BildID: 27058217 ARCHIV - Der Präsident des ifo Instituts für Wirtschaftsforschung, Hans-Werner Sinn, gibt am 28.06.2012 eine Pressekonferenz in München (Oberbayern). 160 deutschsprachige Ökonomen um Hans-Werner Sinn laufen Sturm gegen die jüngsten Beschlüsse des EU-Gipfels zur Überwindung der Eurokrise. Foto: Nicolas Armer dpa (zu dpa 1454 vom 05.07.2012) +++(c) dpa - Bildfunk+++ Quelle: dpa

Kann es sein, dass Sie die harsche Kritik an Ihrem ersten Auftritt bremst?

Mich hat die teils feindliche Reaktion auf unseren Ökonomen-Aufruf überrascht. Aber ich kann das aushalten – und bin froh, dass unsere Aktion wahrgenommen wurde. Es wurden schon zu Beginn der Währungsunion kritische Stimmen von Wissenschaftlern laut. Sie haben gewarnt, den Euro erst dann einzuführen, wenn die Länder wirklich bereit sind und die Aufnahmekriterien erfüllen. Hätte man auf sie gehört, wären die Probleme heute viel geringen. So gesehen sind „bad news“ auch immer „good news“, weil sie Aufmerksamkeit bedeuten. Und die haben wir bekommen.

Andere Kollegen haben kurz nach der Veröffentlichung zurückgerudert. Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn widersprach der Darstellung, er sei Initiator des Aufrufes.

Sinn steht hinter dem Aufruf und hat ihn wie 276 andere Kollegen unterzeichnet. Die Idee kam in der Tat von mir. Ich habe mit meinen beiden Kollegen Stefan Hoderlein und Manfred Deistler über die Vergemeinschaftung der Bankenschulden gesprochen, die die EU auf ihrem Gipfel im Sommer 2012 beschlossen hat. Wir haben uns über diesen Schritt aufgeregt und uns schnell zum Handeln entschieden und einen Text formuliert. Den habe ich Hans-Werner Sinn geschickt, der ein ehemaliger Kollege und ein guter Freund von mir ist. Er hat Anmerkungen und Änderungsvorschläge an der einen oder anderen Stelle gemacht. Er hat uns geholfen und steht hinter dem Aufruf, ist aber nicht der Initiator.

Was Manager, Intellektuelle und Geldleute den europäischen Politikern raten

  • Burkhard Schwenker, CEO Roland Berger Strategy Consultants

    „Zuerst müssen wir anders über Europa denken und reden: über unsere industriellen Kompetenzen, unsere Handwerkskultur, die nachhaltiges Wirtschaften erlaubt, über die Rolle eines starken Europas in einer globalisierten Welt, über Chancen, die es jungen Menschen bietet. Dann müssen wir die Ärmel hochkrempeln, um wieder zu wachsen: durch einen funktionierenden Binnenmarkt, mehr Mobilität, höhere Investitionen in Forschung und Entwicklung, durch Infrastrukturprojekte, einen transatlantischen Wirtschaftsraum – und Strukturreformen. 500 Millionen begeisterte Europäer können die Welt verändern!“

  • Asoka Wöhrmann, Chefanlagestratege bei der Investmentgesellschaft DWS

    „Wichtig ist, dass sich keine so massiven Ungleichgewichte mehr entwickeln. Die EZB hat mit ihren Operationen Zeit gekauft. Das darf aber nur eine vorübergehende Lösung sein. Die Zentralbank muss sich wieder darauf konzentrieren, was ihre Hauptaufgabe ist: Gewährleistung der Preisstabilität!“

  • Hans-Joachim Voth, Wirtschaftshistoriker an der Universität Pompeu Fabra, Barcelona

    „Europa sollte sich daran erinnern, dass es viel mehr ist als die Europäische Union oder der Euro. Damit es eine Zukunft hat, muss der Kontinent auf seine ureigenen Stärken setzen. Das heißt: mehr Vielfalt, mehr Wettbewerb der Kulturen und Ideen, mehr pragmatische Lösungen; weniger großsprecherische Visionen, politische Zwangskonvergenz und doktrinäre Einheitssuppe aus Brüssel.“

  • Rupert Stadler, Vorstandsvorsitzender von Audi

    „Das Europa des 21. Jahrhunderts ist nicht mehr der Nabel der Welt. Wenn wir im Konzert der Kontinente die erste Geige spielen wollen, darf sich Brüssel nicht mehr damit befassen, ob Olivenöl nur in geschlossenen Flaschen oder auch in offenen Karaffen serviert werden darf. Wir brauchen ein geeintes Europa, das seine Stärken in den Welthandel einbringt und durch kooperative Handelspolitik ein Ende der schädlichen Strafzölle und Subventionen einleitet. Wenn es gelingt, die Staatshaushalte zu sanieren und den Euro zu stärken, und wir den europäischen Gedanken weiter denken – mit gemeinsamer Wirtschafts- und Finanzpolitik – stehen uns alle Türen offen.“

  • Peter Schneider, Schriftsteller

    „Wer die Krise Europas überwinden will, muss den Bürgern klarmachen, dass und warum es sich lohnt, alle dafür notwendigen Anstrengungen auf sich zu nehmen. Von dieser Überzeugungsarbeit ist wenig zu sehen. Kaum ein Politiker traut sich noch, die einzigartigen Vorteile dieses Zivilisationsmodells zu verteidigen. Angela Merkels Methode, die Deutschen in eine immer höhere Haftung hineinzutricksen und den südeuropäischen Ländern nichts als Hungerkuren zu verordnen, funktioniert offensichtlich nicht. Bei den Deutschen hat diese Politik das (falsche) Gefühl bestärkt, dass sie allein für Europa zahlen und nichts von Europa haben; der jungen Generation in den Schuldenländern bringt sie Massenarbeitslosigkeit und eine Zukunft ohne Hoffnungen. Die Politik der Gipfeltreffen und ständig nachjustierten Beschlüsse hinter verschlossenen Türen ist zu Ende. Wenn das Projekt Europa noch zu retten ist, dann nur durch die Mitwirkung der Bürger, nicht hinter ihrem Rücken.“

So oder so hat der Aufruf Aufmerksamkeit erlangt, aber politisch wenig geändert.

Was wollen Sie anderes erwarten? Die Politik ist eingeschworen auf den Kurs der Euro-Rettung. Da geht es nach dem Motto „Augen zu und durch“.

SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück immerhin hat viele ihrer Kritikpunkte im Januar 2013 im Bundestag vorgetragen.

Das stimmt. Allerdings hat er sich vorher für den ESM-Vertrag ausgesprochen und dem Gesetz – wie weite Teile seiner Fraktion – im Bundestag zugestimmt. Wider besseres Wissen! Und erneut auch bei der Zypern-Rettung.

"Also habe ich griechische Anleihen gekauft"

Welche Position sollte eine neue Regierung in Euro-Fragen einnehmen?

Die nächste Koalition sollte klarmachen: Solidarität ja, aber nur für Gegenleistung. Griechenland, Portugal & Co. müssen Geld in die Kassen bekommen. Sei es durch Privatisierungen oder durch Steuererhöhungen. Vor allem aber durch ein kräftiges Inkasso bei reichen Steuerhinterziehern. Und: Die Krisenländer müssen endlich Reformen umsetzten. Sie müssen wettbewerbsfähiger werden. Das geht nur, indem die Löhne und so auch die Preise real sinken.

Wettbewerbsfähigkeit könnten die Länder schneller erlangen, wenn sie aus der Währungsunion ausscheiden würden.

Es gibt die Möglichkeit, auch innerhalb der Euro-Zone günstiger zu werden. Dazu braucht es Strukturreformen und Lohnkürzungen. So könnten die Krisenländer bis zu 20 Prozent günstiger werden. Leichter wäre es in der Tat, aus dem Euro-Raum zeitweise auszutreten und die neue Nationalwährung kräftig abzuwerten. Ich würde diesen Weg begrüßen. Sobald die Länder günstiger und wettbewerbsfähiger sind, können sie ja gerne wieder der Gemeinschaftswährung beitreten.

Weitere Artikel

Ein Euro-Austritt würde Deutschland stark treffen. Griechenland könnte nach einer Abwertung der Drachme seine Auslandsschulden kaum zurückzahlen.

Wenn beispielsweise Griechenland austreten würde und eine um 50 Prozent günstigere Drachme einführen würde, könnten sie in der Tat ihre Schulden in Euro nicht zurückzahlen. Sie würden ihre Altlasten also mit der günstigeren Drachme bezahlen. Das wäre in der Tat eine Art Schuldenschnitt. Das wäre ein Ende mit Schrecken, aber wenigstens eine Lösung. Zumal ein Haircut nur das Eingeständnis wäre, was es alle wissen: Große Teile der Bürgschaften sind verloren. Auch ich persönlich wäre betroffen. Aber so ist das halt.

Sie besitzen griechische Staatsanleihen?

Ich habe vor ein paar Jahren gesagt: Jetzt wette ich mal darauf, dass Merkel und die EZB einknicken, und Griechenland immer weiter rausboxen. Also habe ich ein paar griechischen Staatsanleihen gekauft. Zu dem Zeitpunkt waren sie noch 50 Prozent ihres Ausgabewertes wert. Zwischenzeitlich sind die Papiere auf einem Gegenwert von 20 Prozent gefallen. Jetzt wieder bei 50 Prozent. Dank Frau Merkel habe ich also noch keinen Cent verloren.  

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25 Kommentare zu Walter Krämer: "Irgendwann kommt in Europa der große Knall"

  • Zitat "h habe einfach mal das griechische private Geldvermögen und die Schulden des Landes gegenübergestellt. Es zeigte sich: Zu dem Zeitpunkt, als die griechischen Staatsanleihen auf nur noch 20 Prozent des Nennwertes notierten, waren die gesamten griechischen Schulden niedriger als das Geldvermögen der Bürger. Sprich: Griechenland hätte sich aus eigener Kraft entschulden können, ohne dass die Bürger ihre Immobilen hätten verkaufen müssen und in die Armut getrieben worden wären."

    Hier muss sich der Autor vorwerfen lassen, ähnlich populistisch zu argumentieren wie die unteschwellig kritisierten "Rettungsbefürworter", denn die Gegenüberstellung suggeriert, man hätte tatsächlich zu 20 von 100 die Schulden zurückkaufen können: mit den ersten größeren Käufen wären aber die Preise der Anleihen deutlich gestiegen/die Renditen gesunken; zumindest über den Markt hätten sich - anders als der Autor behauptet - die Griechen nicht wie beschrieben entschulden können (davon abgesehen wäre der Staat Griechenland genauso hoch verschuldet gewesen wie zuvor, allerdings hätten die Gläubiger gewechselt).

  • Sicherlich. Das ist absehbar!
    Und der Knall kommt dann, wenn Deutschland nicht mehr zahlen kann oder will. Diese Union existiert doch nur noch als Transferunion. Vom deutschen Steuerzahler in die Kassen der Banken. Und dafür brauchen wir Brüssel?

  • Sehr guter Kommentar, danke Wiwo. Es muss mehr solcher Artikel geben, die mit klaren Worten aufzeigt, wie die Eurorettung eine Umverteilung von Wohlstand ist.
    Die Privatvermögen in den Krisenstaaten sind allemal größer als die in Deutschland (in Italien 175% des BIP).
    Das zeigt, wie schlecht deutsche Politiker die Krise lösen, auf Kosten der deutschen Rentner, Sparer, jungen Generation und zu Gunsten der deutschen Exportirmen, Banken und vor allem zu Gunsten der ausländischen Reichen. Zahlen griechische Reeder jetzt Steuern? Warum zahlen Griechen nicht auf alle Yachten, auch die die unter 10,50 m sind Steuern?
    Warum prangern deutsche Politiker (wo bleibt der Aufschrei der Opposition) diese Missstände nicht an?

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