InterviewWalter Krämer: "Irgendwann kommt in Europa der große Knall"

20. Juni 2013
"Die Bundesregierung agiert nach dem Motto ,Augen zu und durch'", kritisiert Walter Krämer. Der Dortmunder Wirtschaftsprofessor will sich trotz kritischer Stimmen weiter zur Euro-Rettungspolitik äußern. Etwa mit seinem neuen Buch "Kalte Enteignung". Quelle: PresseBild vergrößern
"Die Bundesregierung agiert nach dem Motto ,Augen zu und durch'", kritisiert Walter Krämer. Der Dortmunder Wirtschaftsprofessor will sich trotz kritischer Stimmen weiter zur Euro-Rettungspolitik äußern. Etwa mit seinem neuen Buch "Kalte Enteignung". Quelle: Presse
von Tim Rahmann

Walter Krämer, Initiator des Ökonomen-Aufrufs von 2012, glaubt nicht an eine Wende zum Guten in der Euro-Krise. Im Interview erklärt der Wirtschaftsprofessor, wie der Euro unseren Wohlstand gefährdet, wieso es keinen zweiten Protestbrief geben wird - und warum er griechische Staatsanleihen hält.

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WirtschaftsWoche: Herr Krämer, Sie schreiben in Ihrem neuen Buch "Kalte Enteignung": "Der Euro bedroht uns dreifach – durch Inflation, den Wertverfall deutschen Auslandsvermögens und durch Kreditausfälle in Südeuropa, für die der Steuerzahler bürgt". Welches ist momentan die akuteste Gefahr?

Walter Krämer: Die Kreditausfälle sind sicherlich das derzeit größte Risiko. Griechenland wird niemals in der Lage sein, die riesigen Staatsschulden aus eigener Kraft abzubauen. Dass Schuldenschnitte in der Euro-Zone kein Tabu sind, haben wir ja auch schon gesehen. Rund 100 Milliarden Euro mussten Gläubiger beim ersten Griechenland-Hilfspaket abschreiben.

Wann kommt der nächste Schuldenschnitt?

Das hängt davon ab, wie generös die Europäische Zentralbank weiterhin beim Ankauf von Staatsanleihen und beim Gelddrucken ist. Mit ihrer Ankündigung, den Euro auf jeden Fall zu verteidigen, werden die Probleme der Krisenländer überspielt. Gelöst sind sie dadurch nicht. Irgendwann kommt in Europa der große Knall.

Griechenlands Baustellen 2013

  • Haushaltskonsolidierung

    Griechenland muss gemäß dem neuen Sparprogramm den Staatshaushalt um 13,5 Milliarden Euro bis Ende 2014 entlasten. Weitere 3,4 Milliarden Euro sollen anschließend bis 2016 eingespart werden. Das Programm sieht vor, Renten und Löhne zu kürzen, das Rentenalter auf 67 Jahre anzuheben und Staatsbedienstete zu entlassen. Nur so wird Athen die Voraussetzungen für weitere Hilfszahlungen erfüllen können.

    Das Ziel der Troika (EU, IWF, EZB) ist es, den Schuldenstand des Landes auf 120 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu drücken. Doch davon ist Athen nach wie vor weit entfernt: Die Verbindlichkeiten des Landes belaufen sich auf über 165 Prozent des BIP. 2022 soll Griechenland dieses Ziel erreichen – zwei Jahre mehr, als ursprünglich von der Troika geplant. Doch 2013 dürfte es weiter schwierig für das schuldengeplagte Land werden. Allein, weil die Wirtschaft wohl zwischen 4,2 bis 4,5 Prozent schrumpfen wird.

  • Kampf dem Steuerbetrug

    Die CD, mit Namen von 2000 Griechen mit Schweizer Geldkonten, die zwei Jahre lang verschwand und nun den sozialistischen Ex-Finanzminister Giorgos Papakonstantinou hinter Gitter bringen könnte, zeigt: Griechenland muss den Steuerbetrug konsequenter angehen. Das sieht auch eine Mehrheit der griechischen Bevölkerung so. 68 Prozent kritisierten in einer Umfrage der Tageszeitung "To Vima", dass ihre Regierung den Steuerbetrug nicht konsequent bekämpft.

  • Privatisierung

    Die Regierung in Athen muss die Privatisierung von Staatsbesitz weiter vorantreiben. Im vergangenen Jahr hatte der Hellenic Republic Asset Development Fund (HRADF), die Privatisierungsanstalt des griechischen Staates, zahlreiche Vorhaben auf dem Weg gebracht. Doch nur eine Handvoll von Projekten sind tatsächlich über die Bühne gegangen. Was noch zu privatisieren ist: Flughäfen, Regierungsgebäude, maritime Häfen, die staatliche Pferderenn Wetten-Gesellschaft.

  • Neugliederung der Verwaltung

    Die Zahl der Angestellten im öffentlichen Dienst wird 2013 weiter abnehmen. Insgesamt sollen bis Ende des Jahres 25.000 Arbeiter weniger für den Staat arbeiten. Zahlreiche Organisationseinheiten und Behörden müssen fusionieren oder geschlossen werden.

Das wäre die Insolvenz Griechenlands – oder das Aufflammen von Inflation im gesamten Euro-Raum.

Genau. Eine Notenbank kann einen Schuldenschnitt verhindern und bis zum Exzess Geld drucken. Das hat Deutschland ja 1923 bewiesen. Eine Hyperinflation aber wäre schlimmer als jeder Staatsbankrott. Deswegen wird es wahrscheinlich weitere Schuldenschnitte geben und eine moderate Inflation im Euro-Raum. Das träfe Sparer wie Steuerzahler gleichermaßen.

Sie schreiben, dass Hilfsprogramme der europäischen Steuerzahler eigentlich unnötig seien, weil beispielsweise die Griechen ihre Staatsschulden selbst tilgen könnten.

Ich habe einfach mal das griechische private Geldvermögen und die Schulden des Landes gegenübergestellt. Es zeigte sich: Zu dem Zeitpunkt, als die griechischen Staatsanleihen auf nur noch 20 Prozent des Nennwertes notierten, waren die gesamten griechischen Schulden niedriger als das Geldvermögen der Bürger. Sprich: Griechenland hätte sich aus eigener Kraft entschulden können, ohne dass die Bürger ihre Immobilen hätten verkaufen müssen und in die Armut getrieben worden wären.

Sie sprechen sich für eine Verstaatlichung von griechischem Privatvermögen aus?

Ich liefere einen Denkansatz, wie Griechenland aus eigener Kraft gesunden kann. Bevor man die europäischen Steuerzahler anpumpt, sollte man selbst schauen, ob man den Karren nicht eigenständig aus dem Dreck ziehen kann. Das ist möglich. Aber gleichzeitig nur eine Möglichkeit von vielen.

Walter Krämers neues Buch "Kalte Enteignung" ist am 20. Juni im Campus-Verlag erschienen. Quelle: Presse
Walter Krämers neues Buch "Kalte Enteignung" ist am 20. Juni im Campus-Verlag erschienen. Quelle: Presse

Nennen Sie uns eine zweite.

Das Tragische an der Schuldenkrise ist doch, dass besonders die Arbeitnehmer, die Rentner und die jungen Erwachsenen, die auf Jobsuche sind, betroffen sind. Gleichzeitig gibt es insbesondere in den Krisenländern große Vermögen. Hier sollte gegengesteuert werden. Das heißt gar nicht, dass ich große Steuererhöhungen fordere, sondern vielmehr, dass bestehende Gesetze angewandt werden und zunächst einmal jeder seine Abgaben zahlt. Die Steuerbehörden in Südeuropa müssen effektiver werden und härter gegen Steuersünder vorgeben. Zwischen 20 und 30 Billionen teilweise illegal beiseite geschaffter Euros dümpeln weltweit auf Steueroasen herum. Könnte man die anzapfen, wäre die Euro-Krise morgen Früh zu Ende.

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Kommentare | 25Alle Kommentare
  • 20.06.2013, 07:22 UhrMartin

    Zitat "h habe einfach mal das griechische private Geldvermögen und die Schulden des Landes gegenübergestellt. Es zeigte sich: Zu dem Zeitpunkt, als die griechischen Staatsanleihen auf nur noch 20 Prozent des Nennwertes notierten, waren die gesamten griechischen Schulden niedriger als das Geldvermögen der Bürger. Sprich: Griechenland hätte sich aus eigener Kraft entschulden können, ohne dass die Bürger ihre Immobilen hätten verkaufen müssen und in die Armut getrieben worden wären."

    Hier muss sich der Autor vorwerfen lassen, ähnlich populistisch zu argumentieren wie die unteschwellig kritisierten "Rettungsbefürworter", denn die Gegenüberstellung suggeriert, man hätte tatsächlich zu 20 von 100 die Schulden zurückkaufen können: mit den ersten größeren Käufen wären aber die Preise der Anleihen deutlich gestiegen/die Renditen gesunken; zumindest über den Markt hätten sich - anders als der Autor behauptet - die Griechen nicht wie beschrieben entschulden können (davon abgesehen wäre der Staat Griechenland genauso hoch verschuldet gewesen wie zuvor, allerdings hätten die Gläubiger gewechselt).

  • 20.06.2013, 08:08 UhrMatthes

    Sicherlich. Das ist absehbar!
    Und der Knall kommt dann, wenn Deutschland nicht mehr zahlen kann oder will. Diese Union existiert doch nur noch als Transferunion. Vom deutschen Steuerzahler in die Kassen der Banken. Und dafür brauchen wir Brüssel?

  • 20.06.2013, 08:11 UhrUmverteilungsmaschine

    Sehr guter Kommentar, danke Wiwo. Es muss mehr solcher Artikel geben, die mit klaren Worten aufzeigt, wie die Eurorettung eine Umverteilung von Wohlstand ist.
    Die Privatvermögen in den Krisenstaaten sind allemal größer als die in Deutschland (in Italien 175% des BIP).
    Das zeigt, wie schlecht deutsche Politiker die Krise lösen, auf Kosten der deutschen Rentner, Sparer, jungen Generation und zu Gunsten der deutschen Exportirmen, Banken und vor allem zu Gunsten der ausländischen Reichen. Zahlen griechische Reeder jetzt Steuern? Warum zahlen Griechen nicht auf alle Yachten, auch die die unter 10,50 m sind Steuern?
    Warum prangern deutsche Politiker (wo bleibt der Aufschrei der Opposition) diese Missstände nicht an?

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