"Wirtschaftskulturen ändern sich nicht so einfach"
Bild: GemeinfreiEngland 1345
Das spätmittelalterliche England war arm, allein die Wollproduktion war exportfähig. Nach der verpatzten Frankreich-Invasion des englischen Königs Edward III. konnte er seine Schulden bei norditalienischen Bankiers nicht mehr begleichen. Florentinische Handels- und Finanzhäuser hatten Ausgaben für Geschenke, Hof, Flotte und Militär der englischen Krone mit Krediten finanziert. Zugleich waren die Italiener nicht mehr bereit, die gewohnten Preise für englische Wolle zu bezahlen. Der König stellte den Schuldendienst ein. In Florenz brachen große Finanzhäuser zusammen.
Bild: GemeinfreiÖsterreich 1811
Das Kaisertum Österreich erklärte 1811 den Staatsbankrott. Es hatte 1809 den Fünften Koalitionskrieg gegen das napoleonische Frankreich verloren. Im Frieden von Schönbrunn hatte sich Kaiser Franz I. verpflichtet, 85 Millionen Francs Kriegskontribution an Frankreich zu zahlen. Diese Zahlungsverpflichtung traf ein Land, dessen Staatsschulden bereits durch die vorangegangenen Kriegsjahre stark gestiegen waren. Der Schulddienst verschlang ein Drittel der Staatseinnahmen. Die mit den Staatsbankrott verbundene Entlastung des Staatshaushaltes war nicht lange wirksam. Bereits 1812 mit dem Beginn des Sechsten Koalitionskrieges nahm Österreich erneut Schulden auf. Am 1. Juni 1816 folgte der nächste Staatsbankrott.
Bild: GemeinfreiGriechenland 1893
Mit den klassischen Worten „Leider sind wir pleite“ verkündete der griechische Ministerpräsident Charilaos Trikoupis im griechischen Parlament den Staatsbankrott. Schon in den ersten Jahren des jungen griechischen Staates war es 1833 zu einem Bankrott gekommen. Aufgrund der wegbrechenden Einnahmen nach einem Preisverfall für das einzige griechische Exportprodukt – Korinthen – konnten die bestehenden Kredite nicht mehr bedient werden. Auch die eigentlich als Pfand vereinbarten Einnahmen aus Monopolen und Zöllen wurden nicht mehr gezahlt. Die Mittel aus den Anleihen waren weitgehend für Rüstung und den Staatsapparat verwendet worden. Die Modernisierung der Wirtschaft war fehlgeschlagen.
Bild: dapdSowjetrussland 1918
Die Sowjetregierung unter Lenin weigerte sich 1918, die Schulden des Russischen Reiches zu bedienen. Die noch ausstehenden Anleihen des russischen Staates und russischer Unternehmen waren vor 1914 hauptsächlich in Frankreich platziert worden. Ganz aufgegeben hatten die Besitzer die Hoffnung aber nie. Zu Recht: Nach dem Zusammenbruch des Sowjet-Regimes wurden die Anleihen in den 1990er Jahren von Russland getilgt.
Bild: AKGDeutschland 1923 und 1948
„Mama, wirf mir mal eine Million runter, ich will mir ein Abziehbildchen kaufen“, so lautete 1923 ein beliebter Witz. In Folge des Ersten Weltkriegs und der extremen Staatsverschuldung kam es 1923 zur Hyperinflation. Damals trugen die Deutschen die Millionenscheine wäschekorbweise zum Lebensmitteleinkauf. Der Wert des Geldes fiel schneller, als nachgedruckt werden konnte. Nebeneffekt: Die Anleihen des Reichs waren nichts mehr wert. Dann zog die Regierung die Notbremse und führte die Rentenmark ein, die eine Billion Reichsmark ersetzte.
Auch nach dem Zweiten Weltkrieg waren die Anleihen des Deutschen Reiches bei seinen eigenen Banken und Bürgern mit der Währungsreform von 1948 wertlos geworden.
Bild: APArgentinien 1982 und 2001
Am 26. Dezember 2001 stellte die argentinische Regierung alle Zahlungen für die Staatsschulden ein. Zugleich gab Argentinien die Bindung der Währung an den US-Dollar auf. Von seinen 130 Milliarden Dollar Schulden wurden 60 Milliarden umgeschuldet, was die internationalen Banken als de facto Staatspleite einstuften.
Argentinien hatte zu der Zeit eine offizielle Arbeitslosenrate von über 18 Prozent, doch die tatsächliche Quote war weitaus höher. Es kam zu Generalstreiks, Schießereien mit der Miliz und die Plünderung von Supermärkten.
Schon 1982 hatte es eine "Schulden-Restrukturierung" gegeben. Den IWF als Helfer gab es noch nicht. Das "Bank Advisory Committee" (BAC), in dem sich die Gläubigerbanken zusammengeschlossen hatten zwang Argentinien 1982 zu einem Umschuldungsprozess, der sich über elf Jahre hinzog.
Bild: dpaBrasilien 1999
Das heutige Boom-Land Brasilien erlebte 1999 eine schwere Finanzkrise. Brasiliens Probleme begannen schon 1980, als immer größere Budgetdefizite sich zu einem Schuldenberg aufgetürmt hatten, den ausländische Investoren nicht mehr finanzieren wollten. Am 14. Januar 1999 brachen die brasilianischen Finanzmärkte und in der Folge auch die Realwirtschaft zusammen, nachdem das Land seine Währung drastisch abwerten musste. Erst nach grundlegenden Strukturreformen gesundete Brasiliens Wirtschaft.
Bild: APRussland 1998
Seit der Auflösung der Sowjetunion war Russlands Wirtschaftsleistung kontinuierlich zurückgegangen, von 1997 auf 1998 um fünf Prozent. Parallel stiegen die Schulden und Zinsen an. Aus der Sowjetzeit hatte Russland 23 Milliarden Dollar Schulden übernommen - 140 Milliarden waren inzwischen hinzugekommen. Im August 1998 zwangen die Gesamtschulden von 149 Milliarden Dollar (knapp 100 Prozent der Wirtschaftsleistung) Russland dazu, die Zahlungen vorerst auszusetzen. Schon im Herbst 1997 lag die Inflationsrate bei 50 Prozent und die Zinsen für russische Staatsanleihen bei 13 Prozent.
Bild: APKorea 1997
Süd-Koreas Staatsbankrott deutete sich bereits 1996 an, als das Budgetdefizit von zwei auf fünf Prozent hochschnellte, und die Auslandsschulden anschwollen. Die Exportkrise verschärfte sich Anfang 1997 und eine Reihe von Großkonzernen ging Bankrott.
Im November 1997 brachen die Aktien und der Kurs des Won an der Börse ein. Die Regierung rief den IWF an, der im Dezember das bis dahin größte Rettungspaket seiner Geschichte schnürte. Darin enthalten war eine Umschuldung von 62 Milliarden Dollar auf günstigere Zinsen.
Bild: APMexiko 1982
Mexikos Finanzkollaps war Teil der großen lateinamerikanischen Schuldenkrise, die in den 60er Jahren begann und auch Argentinien und Brasilien traf. Bis in die 80er Jahre bekamen diese Länder große Auslandkredite, da ihre Industrialisierungs- und Infrastrukturvorhaben hohe Renditen versprachen. Von 1979 bis 1983 vervierfachte sich der Schuldenberg Mexikos. Im August 1982 verkündete das Land, seine internationalen Schulden nicht mehr bedienen zu können. Die nachfolgenden Einschnitte waren schmerzhaft: Der Peso wurde dreimal hintereinander abgewertet und alle Banken wurden verstaatlicht.
England 1345
Das spätmittelalterliche England war arm, allein die Wollproduktion war exportfähig. Nach der verpatzten Frankreich-Invasion des englischen Königs Edward III. konnte er seine Schulden bei norditalienischen Bankiers nicht mehr begleichen. Florentinische Handels- und Finanzhäuser hatten Ausgaben für Geschenke, Hof, Flotte und Militär der englischen Krone mit Krediten finanziert. Zugleich waren die Italiener nicht mehr bereit, die gewohnten Preise für englische Wolle zu bezahlen. Der König stellte den Schuldendienst ein. In Florenz brachen große Finanzhäuser zusammen.
Das heißt, die Menschen müssen sich einig sein, dass es wichtig ist, zum Beispiel ein Defizit einzuschränken. Und das kann man nicht durch Gesetze erreichen?
Man kann es versuchen, zum Beispiel durch den Vertrag von Maastricht und den Fiskalpakt. Aber so etwas funktioniert in der Regel nicht, weil hinter diesen gesellschaftlichen Mentalitäten noch eine dritte Ebene kommt, nämlich handfeste, sehr widerstandsfähige Wirtschaftskulturen. Mit Gesetzen ist da nichts zu erreichen, da ist Hopfen und Malz verloren.
Man könnte dagegen einwenden, dass wir längst auf dem Weg in eine gemeinsame, globale Kultur sind, die auch die Wirtschaft umfasst.
Es gibt zweifellos eine globale Popkultur. Und wenn Sie durch die Städte gehen, so sehen die Geschäfte überall auf der Welt zum Verwechseln ähnlich aus. Aber das trifft nicht auf die Organisationsweise der Wirtschaft zu, wie wir in unserem aktuellen Buch zeigen. Je globaler die Märkte zusammenhängen, desto wichtiger wird es, komparative Vorteile zu entwickeln. Bei der Wirtschaftskultur, wie ich sie verstehe, geht es nicht um den Einzelnen und nicht um Gesellschaft und Staat, sondern um die Organisation der Wirtschaft und die Denk- und Handlungsweisen ihrer Akteure. Die Unternehmer, die Gewerkschafter, auch die Konsumenten akzeptieren einfach in manchen Regionen der Welt besondere Spielregeln, weil sie sich davon Vorteile versprechen. Und diese ändern sich nicht so einfach. Die Banken haben in Deutschland und Mitteleuropa zum Beispiel die historische Erfahrung gemacht, dass es für unsere Wettbewerbsfähigkeit gut ist, über geduldiges Kapital zu verfügen. Dass es gut ist, eine langfristige unternehmerische Perspektive zu finanzieren.
Aber hat sich das nicht gerade geändert? Ist die Deutschland AG nicht passé?
Wir haben noch die Sparkassen und die Genossenschaftsbanken - fast 60 Prozent des Bankensystems. Und die bringen diese Geduld immer noch auf. In England und Amerika ist das sehr selten. Deren komparativer Vorteil ist das Risikokapital – was auf vielen Märkten ebenfalls wichtig ist. Man kann nicht sagen, die einen sind schlechter organisiert als die anderen. Das deutsche Bankensystem ist so wie es ist, weil die hiesige Produktionsweise es so erfordert. Das ist historisch so gewachsen: Wir sind auf nachindustrielle Maßschneiderei ausgerichtet, und die braucht eine langfristige Finanzierung. Wir haben gute Erfahrungen damit gemacht.
Bild: dpaGriechenland - Schwieriger Privatisierungsplan
Der griechische Staat besitzt Unternehmensbeteiligungen im geschätzten Wert von 34 Milliarden Euro. Hinzu kommt staatlicher Grundbesitz, den die Regierung in Athen auf rund 280 Milliarden Euro taxierte. Doch die Privatisierung der Besitztümer kommt nicht so richtig in Gang. Bisher konnten nur 1,8 Milliarden Euro durch Privatisierungen eingenommen werden. In diesem Jahr soll nach Aussage der Regierung nur noch die staatliche Lotterie und ein Gebäude in Athen verkauft werden. Das hier zu sehende Parlamentsgebäude in Athen steht jedoch nicht zum Verkauf.
Bild: dpaDer griechische Staat soll mehr als 50 öffentliche Unternehmen besitzen, vom Athener Gemüse-Großmarkt über Hafenanlagen bis zu den Staatsbahnen OSE. Doch die meisten Unternehmen schreiben rote Zahlen und sind deshalb schwer zu verkaufen. Das ist allerdings die einzige noch verbleibende Vermögensquelle des Landes: Die Gold- und Devisenreserven sind auf gerade mal 5,8 Milliarden geschmolzen. Immerhin befinden sich noch 244 Milliarden Euro an Geldvermögen im Besitz der Bürger.
Bild: dpaPortugal - Versteckte Goldreserven
Gemessen am Bruttoinlandsprodukt hat Portugal mit sechs Prozent die größten Gold- und Devisenreserven der Euro-Zone: 18 Milliarden Euro ist der Schatz der Notenbank wert. Doch laut Gesetz kann die Zentralbank dem Finanzministerium nur jedes Jahr die Erträge aus Zins- und Wertpapiererträgen überweisen - das Gold kann also nicht zur Schuldentilgung verwendet werden.
Portugals Privathaushalte besitzen ein Geldvermögen von immerhin 384 Milliarden Euro. Ein Teil davon stünde für eine Vermögensabgabe und damit zur Sanierung der Staatsfinanzen zur Verfügung.
Bild: dpaAußerdem befinden sich Unternehmensbeteiligung im Wert von 32 Milliarden Euro im Besitz des Staates. Der aktuelle Sanierungsplan der Troika sieht acht Milliarden Euro aus Privatisierungserlösungen vor - bisher nahm die Regierung circa drei Milliarden Euro ein. Derzeit stehen noch der Flughafenbetreiber ANA, das Energieunternehmen GALP sowie die Fluggesellschaft TAP zum Verkauf, für die sich auch die Deutsche Lufthansa interessiert.
Bild: dapdIrland - Die Angst vor dem Ramschverkauf
Die Regierung in Dublin (Foto) hat der Bevölkerung versichert, sie lasse sich von den internationalen Geldgebern nicht zu einem „Ramschverkauf" von Staatsvermögen zwingen. Geschätzt wird der Wert der Unternehmen in Staatsbesitz auf knapp 22 Milliarden Euro geschätzt. Die in der Krise verstaatlichten Banken sind jedoch nach wie vor defizitär und praktisch unverkäuflich. Irlands Refinanzierungsbedarf bis Ende 2013 beläuft sich auf knapp zwölf Milliarden Euro. In der nächsten Zeit stehen die Privatisierung der Lotterie, der Ländereien und Holtzwerke, des Gasversorgers BGE an und der restliche 25-Prozent-Anteil an Aer Lingus an.
Bild: dapdDarüber hinaus besitzt der irische Staat ganz oder teilweise ein Dutzend Häfen, mehrere Nahverkehrs- und Busunternehmen, die Eisenbahn, Stromversorger, den staatlichen Rundfunk- und TV-Sender RTE und die Nationale Agentur für Ölreserven. Dieses Portfolio soll aber offenbar nicht privatisiert werden
Bei den eigenen Gold- und Devisenreserven ist für das Land, dessen Banken voll von der Finanzkrise getroffen wurden, nichts mehr zu holen. Der "Staatsschatz" beträgt nur noch 1,4 Milliarden Euro. Dagegen besitzen die Privathaushalte ein Geldvermögen von 297 Milliarden Euro, das zum Teil durch eine Vermögensabgabe abgeschöpft werden könnte.
Bild: ReutersItalien - Reiche leben das Dolce Vita
Regierungschef Mario Monti (Foto) will 26 Milliarden Euro will er binnen drei Jahren im Haushalt einsparen. Auch von der Bevölkerung mehrheitlich abgelehnte Privatisierungen sind kein Tabu, um den Schuldenberg von fast zwei Billionen Euro abzubauen. Und hier ist einiges zu holen: Der Immobilienbesitz des Landes wird auf bis zu 370 Milliarden Euro geschätzt, hinzu kommen Unternehmensbeteiligungen für mehr als 100 Milliarden Euro.
Viele Immobilien lassen sich allerdings nicht sofort zu Geld machen, weil sie Ministerien oder Ämter beherbergen. Aus ihrem Gebäudebestand will die Regierung nun Immobilien im Wert von rund 40 Milliarden Euro über Fonds verkaufen. Bei der Privatisierung von Staatsunternehmen zögert sie noch, weil der Versorger Enel und der Ölkonzern Eni, an denen der Staat je ein Drittel hält, lange als Dividenden-Garanten galten.
Bild: dpaEin großes Potenzial steckt auch in Italiens reicher Bevölkerung: Fast 3,5 Billionen Euro privates Geldvermögen besitzen die Italiener, fast 900 Milliarden Euro mehr als Portugiesen, Spanier, Griechen und Iren zusammen. Und dass unter den Vermögensbesitzern viele Superreiche sind, zeigt eine Statistik der Unternehmensberatung Boston Consulting Group: Mit 270 000 Millionärshaushalten rangierte das Land 2011 weltweit auf dem siebten Rang.
Hier könnte Ministerpräsident Monti also mit einer umstrittenen Vermögensabgabe etliche Milliarden Euro einnehmen. Die Steuermoral im Land ist allerdings schlecht: 120 Milliarden Euro gehen dem Staat im Jahr durch Steuerhinterziehung verloren.
Bild: dapdSpanien - die Bürger werden geschont
Spaniens Ministerpräsident Rajoy (Foto) muss dringend Geld mobilisieren. Zum einen, um die den EU-Finanzministern versprochenen Einsparungen von 65 Milliarden Euro bis Ende 2014 realisieren zu können. Zum anderen, um die 345 Milliarden Euro aufzubringen, die das Land seinen Gläubigern im gleichen Zeitraum zurückzahlen muss. Über Vermögen die Regierung besonders in Gestalt der Unternehmensbeteiligungen, deren Wert sich nach Schätzungen Ende vergangenen Jahres auf rund 100 Milliarden Euro belief.
Größter Schatz mit 20 Milliarden Euro ist die staatliche Lotteriegesellschaft. Sie steht aber vorerst nicht zum Verkauf, da sie dem Staat regelmäßig satte Gewinne einbringt. Für die Privatisierung infrage kommen hingegen der Flughafenbetreiber AENA sowie die Bahngesellschaft Renfe. Allerdings bezweifelt die Regierung, dass sich die Beteiligungen derzeit gewinnbringend verkaufen lassen - die Unternehmen haben hohe Schulden und werden außerdem subventioniert.
Bild: dapdDie Bevölkerung kann jedoch aufatmen: Eine zusätzliche Belastung für Spaniens Reiche sehen die verschärften Sparpläne, die Rajoy am Mittwoch präsentiert hatte, nicht vor. Stattdessen brach der Regierungschef sein Wahlversprechen und erhöhte die Mehrwertsteuer von 18 auf 21 Prozent. Im Gegenzug wird die Einkommensteuer gesenkt.
Griechenland - Schwieriger Privatisierungsplan
Der griechische Staat besitzt Unternehmensbeteiligungen im geschätzten Wert von 34 Milliarden Euro. Hinzu kommt staatlicher Grundbesitz, den die Regierung in Athen auf rund 280 Milliarden Euro taxierte. Doch die Privatisierung der Besitztümer kommt nicht so richtig in Gang. Bisher konnten nur 1,8 Milliarden Euro durch Privatisierungen eingenommen werden. In diesem Jahr soll nach Aussage der Regierung nur noch die staatliche Lotterie und ein Gebäude in Athen verkauft werden. Das hier zu sehende Parlamentsgebäude in Athen steht jedoch nicht zum Verkauf.
Schauen wir mal auf die Eurozone. Was unterscheidet die deutsche Wirtschaftskultur von der der Mittelmeerländer?
Da kann man weit zurückgehen. Seit rund tausend Jahren gibt es die Handelsachse der Hanse von Flandern über Skandinavien bis Nowgorod. Dann gibt es ebenfalls seit vielen Jahrhunderten die Achse von Flandern über die Champagne nach Genua und die von Flandern über Köln, Frankfurt, Augsburg und Nürnberg nach Venedig. Das sind gewachsene Wirtschaftsräume, die zu einer Vereinheitlichung des Denkens und Handelns geführt haben, also zu einer relativ einheitlichen Wirtschaftskultur. Deutschland ist also eingebettet in eine gewachsene Wirtschaftskultur, die von Skandinavien bis Norditalien, von der Seine bis an die Oder reicht. Die Entstehung ihrer heute noch gültigen Ausprägung kann man ziemlich genau festmachen in der langen Depression von 1873 bis 1896. Es war keine Depression der Löhne und Arbeitsmärkte, sondern eine der Renditen. Da das ausländische Kapital Deutschland verließ und es wenige investitionswillige Wirtschaftsbürger gab, mussten die Universalbanken die langfristige Finanzierung der neuen Industrien übernehmen. Und dann veränderten sich auch die Arbeitsbeziehungen spätestens in den 1890er Jahren mit dem Aufstieg der Gewerkschaften und der Einführung der Mitbestimmung. Denn die neuen Industrien, die Chemie, die Elektrotechnik, der Maschinenbau brauchten qualifizierte Arbeiter. Hire and Fire kam da teuer zu stehen. Die von Bismarck für die Sozialversicherung eingeführten paritätischen Ausschüsse wurden daher zu Mitbestimmungsgremien – ohne gesetzliche Grundlage übrigens, die kam erst 1920.
Und wie sieht es nun südlich von Genua aus?
Ich will nicht behaupten, diese Länder hätten keine Wirtschaftskultur. Sie haben eine andere. Nur funktioniert sie gegenwärtig nicht allzu gut. Die südeuropäischen Krisenländer haben eines gemeinsam, nämlich die Schwäche des Staates und der Gesellschaft. Die Ursache dafür liegt in rückständigen feudalen Strukturen und im Falle Griechenlands und Süditaliens außerdem in jahrhundertelanger Fremdherrschaft, die dazu führte, dass der Staat als Feind betrachtet wurde. Und wenn der Staat schwach ist, tanzen die Mäuse auf dem Tisch. Unter solchen Bedingungen fällt es schwer, Haushaltslöcher zu stopfen, die Staatsverschuldung zu bremsen oder die Korruption zu bekämpfen. Nicht zufällig haben all diese Länder faschistische Diktaturen erlebt. Die Faschisten wollten die Schwäche des Staates durch autoritäre Ordnung überwinden. Sie scheiterten. Die Europäische Gemeinschaft hat diese Länder an sich gebunden, damit sie nicht zurückfallen in autoritäre Politikmuster.
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- Seite 3: "Man hat zu sehr auf die Ökonomen gehört
- Seite 4: "Eine gesamteuropäische Alternative zum Euro"
















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Alle Kommentare lesen23.08.2012, 17:28 UhrAnonymer Benutzer:ProEuro
Der Mann gibt einem zu denken. Allerdings glaube ich, dass der wiederum zu wenig auf Ökonomen und Politik hört.
23.08.2012, 09:07 UhrAnonymer Benutzer:Bashi49
Wieder eine der vernünftigen Stimmen von jemandem, der den Durchblick hat. Es ist ein Elend, daß unsere Politiker dank Tunnelblick mit ihren Entscheidungen völlig danebenliegen. Vielen Dank an die WiWo für diesen Beitrag.
23.08.2012, 06:21 UhrAnonymer Benutzer:Wegweiser
Es hat genug kompetente Fachleute gegeben, die ausdrücklich vor der Errichtung dieser gemeinsamen Währungsunion gewarnt und die damit verbundenen Entwicklungen klar vorhergesagt haben.
Wilhelm Hankel und seine Mitstreiter hatten bereits im Jahre 1998 erfolglos gegen diese Währungsunion geklagt und auch in ihrem Buch DIE EURO KLAGE ihre Motive und ihre Beweggründe dazu dargelegt. Alle beschriebenen Entwicklungen sind eingetreten. Man sah in politischen und auch in vielen ökonomischen Kreisen großzügig über diese Fehlentwicklungen hin, da man dieses Projekt niemals ernsthaft öffentlich diskutieren wollte.
Einige Literaturempfehlungen dazu:
Wilhelm Hankel, Die Euro Lüge, 3. Auflage, Signum Verlag
Bruno Bandulet, Die letzten Jahre des Euro, Kopp Verlag
Karl Albrecht Schachtschneider, Die Rechtswidrigkeit der Eurorettungspolitik, erschienen im Kopp Verlag
Die heutigen und früheren Mehrfachkläger in Karlsruhe, Das Euro Abenteuer geht zu Ende, erschienen im Kopp Verlag
Man kann hier diese Entwicklungen, die Verantwortlichkeiten und die Motivationen genau und analytisch nachlesen und nachvollziehen.