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Wirtschaftskulturen: "Wirtschaftskulturen ändern sich nicht so einfach"

Wirtschaftskulturen: Unterschiede machen Europa stark

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"Wirtschaftskulturen ändern sich nicht so einfach"

England 1345

Das spätmittelalterliche England war arm, allein die Wollproduktion war exportfähig. Nach der verpatzten Frankreich-Invasion des englischen Königs Edward III. konnte er seine Schulden bei norditalienischen Bankiers nicht mehr begleichen. Florentinische Handels- und Finanzhäuser hatten Ausgaben für Geschenke, Hof, Flotte und Militär der englischen Krone mit Krediten finanziert. Zugleich waren die Italiener nicht mehr bereit, die gewohnten Preise für englische Wolle zu bezahlen. Der König stellte den Schuldendienst ein. In Florenz brachen große Finanzhäuser zusammen.

Bild: Gemeinfrei

Das heißt, die Menschen müssen sich einig sein, dass es wichtig ist, zum Beispiel ein Defizit einzuschränken. Und das kann man nicht durch Gesetze erreichen?

Man kann es versuchen, zum Beispiel durch den Vertrag von Maastricht und den Fiskalpakt. Aber so etwas funktioniert in der Regel nicht, weil hinter diesen gesellschaftlichen Mentalitäten noch eine dritte Ebene kommt, nämlich handfeste, sehr widerstandsfähige Wirtschaftskulturen. Mit Gesetzen ist da nichts zu erreichen, da ist Hopfen und Malz verloren.

Man könnte dagegen einwenden, dass wir längst auf dem Weg in eine gemeinsame, globale Kultur sind, die auch die Wirtschaft umfasst.

 Es gibt zweifellos eine globale Popkultur. Und wenn Sie durch die Städte gehen, so sehen die Geschäfte überall auf der Welt zum Verwechseln ähnlich aus. Aber das trifft nicht auf die Organisationsweise der Wirtschaft zu, wie wir in unserem aktuellen Buch zeigen. Je globaler die Märkte zusammenhängen, desto wichtiger wird es, komparative Vorteile zu entwickeln. Bei der Wirtschaftskultur, wie ich sie verstehe, geht es nicht um den Einzelnen und nicht um Gesellschaft und Staat, sondern um die Organisation der Wirtschaft und die Denk- und Handlungsweisen ihrer Akteure. Die Unternehmer, die Gewerkschafter, auch die Konsumenten akzeptieren einfach in manchen Regionen der Welt besondere Spielregeln, weil sie sich davon Vorteile versprechen. Und diese ändern sich nicht so einfach. Die Banken haben in Deutschland und Mitteleuropa zum Beispiel die historische Erfahrung gemacht, dass es für unsere Wettbewerbsfähigkeit gut ist, über geduldiges Kapital zu verfügen. Dass es gut ist, eine langfristige unternehmerische Perspektive  zu finanzieren.

Aber hat sich das nicht gerade geändert? Ist die Deutschland AG nicht  passé?

Wir haben noch die Sparkassen und die Genossenschaftsbanken - fast 60 Prozent des Bankensystems. Und die bringen diese Geduld immer noch auf. In England und Amerika ist das sehr selten. Deren komparativer Vorteil ist das Risikokapital – was auf vielen Märkten ebenfalls wichtig ist. Man kann nicht sagen, die einen sind schlechter organisiert als die anderen. Das deutsche Bankensystem ist so wie es ist, weil die hiesige Produktionsweise es so erfordert. Das ist historisch so gewachsen: Wir sind auf nachindustrielle Maßschneiderei ausgerichtet, und die braucht eine langfristige Finanzierung. Wir haben gute Erfahrungen damit gemacht.

Griechenland - Schwieriger Privatisierungsplan

Der griechische Staat besitzt Unternehmensbeteiligungen im geschätzten Wert von 34 Milliarden Euro. Hinzu kommt staatlicher Grundbesitz, den die Regierung in Athen auf rund 280 Milliarden Euro taxierte. Doch die Privatisierung der Besitztümer kommt nicht so richtig in Gang. Bisher konnten nur 1,8 Milliarden Euro durch Privatisierungen eingenommen werden. In diesem Jahr soll nach Aussage der Regierung nur noch die staatliche Lotterie und ein Gebäude in Athen verkauft werden. Das hier zu sehende Parlamentsgebäude in Athen steht jedoch nicht zum Verkauf.

Bild: dpa

Schauen wir mal auf die Eurozone. Was unterscheidet die deutsche Wirtschaftskultur von der der Mittelmeerländer?

Da kann man weit zurückgehen. Seit rund tausend Jahren gibt es die Handelsachse der Hanse von Flandern über Skandinavien bis Nowgorod. Dann gibt es ebenfalls seit vielen Jahrhunderten die Achse von Flandern über die Champagne nach Genua und die von Flandern über Köln, Frankfurt, Augsburg und Nürnberg nach Venedig. Das sind gewachsene Wirtschaftsräume, die zu einer Vereinheitlichung des Denkens und Handelns geführt haben, also zu einer relativ einheitlichen Wirtschaftskultur. Deutschland ist also eingebettet in eine gewachsene Wirtschaftskultur, die von Skandinavien bis Norditalien, von der Seine bis an die Oder reicht. Die Entstehung ihrer heute noch gültigen Ausprägung kann man ziemlich genau festmachen in der langen Depression von 1873 bis 1896. Es war keine Depression der Löhne und Arbeitsmärkte, sondern eine der Renditen. Da das ausländische Kapital Deutschland verließ und es wenige investitionswillige Wirtschaftsbürger gab, mussten die Universalbanken die langfristige Finanzierung der neuen Industrien übernehmen. Und dann veränderten sich auch die Arbeitsbeziehungen spätestens in den 1890er Jahren mit dem Aufstieg der Gewerkschaften und der Einführung der Mitbestimmung. Denn die neuen Industrien, die Chemie, die Elektrotechnik, der Maschinenbau brauchten qualifizierte Arbeiter. Hire and Fire kam da teuer zu stehen. Die von Bismarck für die Sozialversicherung eingeführten paritätischen Ausschüsse wurden daher zu Mitbestimmungsgremien – ohne gesetzliche Grundlage übrigens, die kam erst 1920.

Und wie sieht es nun südlich von Genua aus?

Ich will nicht behaupten, diese Länder hätten keine Wirtschaftskultur. Sie haben eine andere. Nur funktioniert sie gegenwärtig nicht allzu gut. Die südeuropäischen Krisenländer haben eines gemeinsam, nämlich die Schwäche des Staates und der Gesellschaft. Die Ursache dafür liegt in rückständigen feudalen Strukturen und im Falle Griechenlands und Süditaliens außerdem in jahrhundertelanger Fremdherrschaft, die dazu führte, dass der Staat als Feind betrachtet wurde. Und wenn der Staat schwach ist, tanzen die Mäuse auf dem Tisch. Unter solchen Bedingungen fällt es schwer, Haushaltslöcher zu stopfen, die Staatsverschuldung zu bremsen oder die Korruption zu bekämpfen. Nicht zufällig haben all diese Länder faschistische Diktaturen erlebt. Die Faschisten wollten die Schwäche des Staates durch autoritäre Ordnung überwinden. Sie scheiterten. Die Europäische Gemeinschaft hat diese Länder an sich gebunden, damit sie nicht zurückfallen in autoritäre Politikmuster.

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5 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 23.08.2012, 17:28 UhrProEuro

    Der Mann gibt einem zu denken. Allerdings glaube ich, dass der wiederum zu wenig auf Ökonomen und Politik hört.

  • 23.08.2012, 09:07 UhrBashi49

    Wieder eine der vernünftigen Stimmen von jemandem, der den Durchblick hat. Es ist ein Elend, daß unsere Politiker dank Tunnelblick mit ihren Entscheidungen völlig danebenliegen. Vielen Dank an die WiWo für diesen Beitrag.

  • 23.08.2012, 06:21 UhrWegweiser

    Es hat genug kompetente Fachleute gegeben, die ausdrücklich vor der Errichtung dieser gemeinsamen Währungsunion gewarnt und die damit verbundenen Entwicklungen klar vorhergesagt haben.

    Wilhelm Hankel und seine Mitstreiter hatten bereits im Jahre 1998 erfolglos gegen diese Währungsunion geklagt und auch in ihrem Buch DIE EURO KLAGE ihre Motive und ihre Beweggründe dazu dargelegt. Alle beschriebenen Entwicklungen sind eingetreten. Man sah in politischen und auch in vielen ökonomischen Kreisen großzügig über diese Fehlentwicklungen hin, da man dieses Projekt niemals ernsthaft öffentlich diskutieren wollte.

    Einige Literaturempfehlungen dazu:
    Wilhelm Hankel, Die Euro Lüge, 3. Auflage, Signum Verlag
    Bruno Bandulet, Die letzten Jahre des Euro, Kopp Verlag
    Karl Albrecht Schachtschneider, Die Rechtswidrigkeit der Eurorettungspolitik, erschienen im Kopp Verlag
    Die heutigen und früheren Mehrfachkläger in Karlsruhe, Das Euro Abenteuer geht zu Ende, erschienen im Kopp Verlag

    Man kann hier diese Entwicklungen, die Verantwortlichkeiten und die Motivationen genau und analytisch nachlesen und nachvollziehen.

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