Wirtschaftswachstum: Spaniens triste Erholung

Wirtschaftswachstum: Spaniens triste Erholung

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Spaniens Wirtschaft wächst wieder. Doch der Aufschwung ist längst noch nicht bei den Bürgern und im Stadtbild angekommen.

von Tim Rahmann

Spanien hat nach zwei Jahren endlich die Rezession überwunden. Zudem braucht das Land keine Hilfsmilliarden mehr aus dem Rettungsschirm. Ist damit alles gut in Spanien? Weit gefehlt.

Den Gang ins Standesamt können sich spanische Paare demnächst sparen. Stattdessen können sie im Brautkleid und Frack zu ihrem Notar gehen. Denn: Künftig sollen auch Juristen Paare trauen – und im Streitfall wieder scheiden dürfen. Die Reform soll Gerichte und Standesämter entlasten und ist ein Beispiel, an wie viele Schrauben die spanische Regierung von Ministerpräsident Mariano Rajoy gedreht hat, um die tiefe Wirtschafts- und Schuldenkrise in den Griff zu bekommen.

Nach über zwei Jahren ist die Wirtschaft im dritten Quartal 2013 erstmals wieder gewachsen. Das Bruttoinlandsprodukt legte um 0,1 Prozent im Vergleich zum Vorquartal zu. Die längste Rezession Spaniens seit dem Ende der Franco-Diktatur (1939 bis 1975) ist damit beendet. Gleichzeitig kann das Land aus dem europäischen Rettungsprogramm aussteigen, dass für die Sanierung der Banken gebraucht wurde. „Todo bien?“ Ist damit wieder alles gut im Euro-Krisenland?

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Keine Frage: Es gibt vermehrt Anzeichen dafür, dass Spanien das Schlimmste überstanden haben könnte. So legen die Exporte zu, ausländische Investoren kaufen Anteile an spanischen Unternehmen und auch an den Anleihemärkten genießt das Urlaubsland neues Vertrauen. Ende Oktober sind die Renditen für spanische Staatsanleihen erstmals seit Monaten wieder unter die Marke von 4,0 Prozent gefallen. Und: Die Ratingagentur Fitch droht Madrid nicht länger mit einer Abstufung. Der Ausblick der Kreditbewertung wurde von „negativ“ auf „stabil“ angehoben.

Wissenswertes über Spanien

  • Nicht weit zum Strand

    Ob in Barcelona, Santander oder Málaga: Spaniens Bürger haben oftmals den Strand vor der Tür. Kein Wunder: Immerhin 4.064 Kilometer lang ist die spanische Küste. Die Fläche der Strände beträgt gar über 8000 Kilometer. Ausgerechnet die Hauptstädter müssen allerdings auf das Baden im Meer im Alltag verzichten. Sie sind gut 350 Kilometer vom Meer entfernt.

  • Stierkampf ist Kulturgut

    Die spanischen Stierkampf-Fans jubeln, Tierschützer sind empört: In der vergangenen Woche erklärte das Parlament das blutige Spektakel zum Kulturgut. Damit wird der Stierkampf, der in der heutigen Form in Spanien seit vier Jahrhunderten besteht, zum ersten Mal in der Geschichte gesetzlich anerkannt und einem besonderen Schutz unterstellt.

  • Spanien ist Exportweltmeister

    … allerdings nur beim Verkauf von Olivenöl. Fast die Hälfte (44 Prozent) aller verkauften Flaschen des Pflanzenöls kommen aus Spanien. Auch Autos und Kfz-Teile werden global verkauft, dazu Maschinen, Chemieprodukte und Nahrungsmittel. Deutschland ist zweitgrößter Handelspartner Spaniens nach Frankreich in Bezug auf die Exporte, bei den Importen Spaniens liegt Deutschland auf Platz eins (vor Frankreich).

  • Kein Abend ohne Tapas

    Tapas – das spanische Pendant zu Antipasti – gehören in Spanien zu einem guten Abend dazu. Die Appetithäppchen, die zu Wein oder Sangria gereicht werden, verzehrt man üblicherweise im Stehen. Meist werden sie kostenlos als Beilage zum Getränk serviert. Einer Legende zufolge soll König Alfons X. von Kastilien während einer Krankheit gezwungen gewesen sein, kleine Zwischenmahlzeiten zu sich zu nehmen. Nach seiner Genesung soll er veranlasst haben, Wein immer mit einem Appetithappen zu servieren. Dieser Brauch hält sich bis heute.

  • Spitzenreiter im Weinanbau

    Spanien hat mit 1,2 Millionen Hektar die größte Weinanbaufläche der Welt. Auf ihren Bodegas – so nennen sich die spanischen Weingüter – zaubern spanische Winzer aus mehr als 250 Rebarten die verschiedensten Sorten Wein. Damit werden die Spanier zum Spitzenreiter im Weinanbau.

„Der Aufschwung ist signifikant“, sagt Walther von Plettenberg, Geschäftsführer der Deutschen Handelskammer für Spanien in Madrid. „Seit der Jahresmitte häufen sich die guten Nachrichten.“ So hätten die Exporte zugelegt, die Produktivität sowieso und auch ausländische Investoren kämen zurück in das Land und investierten in Unternehmen und Immobilien. Im Fokus der Exporte steht vor allem die Industrie: Spanien verkauft Maschinen und beliefert die Automobilhersteller in Deutschland und der Welt.

Auch viele kleine und mittelständische Unternehmen, die die Krise überlebt haben, eroberten neue Märkte. „In Spanien ist der Binnenmarkt weggebrochen. Die Unternehmer hatten die Wahl: Entweder exportieren und sich dem Wettbewerb stellen – oder den Laden dichtmachen“, sagt von Plettenberg. Bei vielen habe der Transformationsprozess erstaunlich gut geklappt.

Und dennoch: Die Krise ist noch nicht überstanden. „Die Basisdaten stimmen zum ersten Mal seit 2007“, so von Plettenberg. „Aber das Land steht noch vor großen Herausforderungen.“

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9 Kommentare zu Wirtschaftswachstum: Spaniens triste Erholung

  • Na klar, Spanien braucht keine "Hilfsmilliarden" mehr, denn das Spiel geht jetzt so:

    1. Banken holen billiges Geld von der EZB und kaufen Staatsanleihen ihrer Pleite-Heimatländer

    2. Diese Banken kommen wegen der faulen, unbesicherten Staatsanleihen in ihrem Besitz in Schwierigkeiten

    3. Der deutsche Steuerzahler rettet per Bankenunion die Pleite-Bank.

    4. Das Spiel geht wieder von vorne los.

    Ergebnis: EuroBonds sind überflüssig, Deutschland bürgt und zahlt immer.
    Und wem haben wirs zu verdanken? CDU-CSU-FDP-SPD-Grünen. Und den deutschen Wählern.

  • 2014 sind Europawahlen!
    Ab jetzt sind nur noch gute Nachrichten in und für Europa angesagt.

    Wer diesen Sparer- und Rentenenteignern noch irgend etwas glaubt dem kann nicht mehr geholfen werden.

    Europa NEIN DANKE!

  • @Realist

    Vielmals für Entschuldigung. Aber der Artikel sagt: "Gleichzeitig kann das Land aus dem europäischen Rettungsprogramm aussteigen, dass für die Sanierung der Banken gebraucht wurde." Mit der erzwungenen Übernahme der Kreditausfälle u. tw. kompletten Übernahme von Banken einschließlich deren Schulden u. Kreditausfälle kam der Staat erst in Schieflage. Die Ausfallquote lag in Spanien tw. bei weit über 38 %; Stand 2011. Heute stehen in ESP rd. 21 000 angefangene Bauruinen rum, darunter ganze Stadtviertel, Flughäfen u. jede Menge Ferienresidenzen.

    Die span. Banken mussten das Geld sich ja irgendwie sich besorgt haben. Sie tappten ebenfalls in die von Otte beschriebene Kreditklemme. Europas Banken fehlen 241 Milliarden Dollar für Kredite, die im Jahr 2011 fällig werden. Die Banken sind kollektiv nicht in der Lage ihre auslaufenden Kredite zu refinanzieren. Allein im kommenden Jahr 2012 müssen Kredite im Wert von 720 Milliarden Dollar refinanziert werden. Quelle: http://dmn.blogformdm.com/2011/11/33808/.
    Quelle, Stand 2011: http://www.manager-magazin.de/finanzen/artikel/a-792382-5.html
    Spanien
    Gesamtverschuldung: 457 % des BIP, darunter: Unternehmen: 192 %, Banken: 111 %, private Haushalte: 87 %, Staat: 67 %.
    Wie Irland war auch Spanien vor der Krise ein besonders sparsamer Staat. Der Staat stand vor 2007 mit rd. 28 % des BIP in der Kreide. Noch heute ist das Königreich geringer verschuldet als die anderen großen Industrieländer. Nach dem Bauboom und der geplatzten Spekulationsblase am Immobilienmarkt belastet die private Verschuldung aber die Wirtschaft - die spanischen Unternehmen mehr noch als die Haushalte.
    Unter de.statista.com, Basic Account for free, findet sich, auch nach Branchen auf geschlüsselt, jede Menge an Information, dass die Banken, und nicht der Staat, das Problem in Spanien sind. Er u. die AN mussten für die fehlgeschlagenen Geschäftsmodelle der Banken büßen. Wie überall in Europa!


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