Zinsentscheid: Die EZB probt ihre Hinhaltetaktik

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Zinsentscheid: Die EZB probt ihre Hinhaltetaktik

von Saskia Littmann

Wie erwartet hat die Europäische Zentralbank den Leitzins auf seinem Rekordtief belassen. Während einige Marktteilnehmer sich mehr erhofften, spielt die EZB auf Zeit.

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EZB-Präsident Draghi nach der Ratssitzung in Frankfurt.

Abwarten und Tee trinken. Denn wer nicht weiter weiß, der hält vorerst besser die Füße still. Nicht viel anders sieht zurzeit die Taktik der Europäischen Zentralbank (EZB) aus. Es wird zwar viel diskutiert, entschieden wurde allerdings nichts.

Wie von den meisten Beobachtern erwartet haben die europäischen Notenbanker am Donnerstag den Leitzins auf seinem Rekordtief von 0,5 Prozent gelassen. Die Diskussion habe sich nicht um die Frage gedreht, ob die Zinsen noch weiter gesenkt werden sollten, so EZB-Chef Mario Draghi. Stattdessen hätte der 23-köpfige EZB-Rat diskutiert, ob die jüngsten Konjunkturdaten ein erneutes Ändern der Leitzinsen erforderlich machten. Zwar habe sich beispielsweise die Kreditvergabe an Unternehmen in Krisenländern wie Spanien oder Portugal nicht nennenswert gebessert. Anderseits sei etwa die Inflation wieder leicht gestiegen, die EZB rechnet weiterhin mit Preisstabilität in der Euro-Zone. Für 2013 geht die Notenbank allerdings von einem Schrumpfen der Wirtschaft in den Euro-Ländern um 0,6 Prozent aus. Im März lag die Prognose noch bei 0,5 Prozent.

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Im Wiederholungs-Modus

Spannender als die eigentliche Zinsentscheidung war zuletzt die Frage, ob die EZB weitere unkonventionelle Maßnahmen aus dem Köcher zaubert, beispielsweise um die Kreditvergabe in Europas Süden wieder anzukurbeln. Doch auch hier übt sich Draghi in Zurückhaltung. Das Gesagte entsprach teilweise wortwörtlich dem, was Draghi schon in den Monaten zuvor angekündigt hatte. Gebetsmühlenartig wiederholt der Italiener, die EZB sei technisch bereit dazu, die Einlagezinsen in den negativen Bereich zu drücken. Ob und wann sie das tue sei aber vollkommen offen. "Wir sind bereit, zu handeln" - dieser Satz hatte bereits nach den letzten Zinsentscheiden für Spekulationen gesorgt. Beobachter fragten sich, welches Instrument die EZB noch aus der Hinterhand zaubern könnte. Denn die meisten sind überzeugt, dass die Zentralbank ihre Möglichkeiten bereits weitestgehend ausgeschöpft hat. "Das Repertoire an Maßnahmen ist nahezu erschöpft", sagt etwa Michael Schubert, EZB-Experte bei der Commerzbank.

Quelle: rtr

Doch nachdem Draghi die negativen Einlagezinsen beim letzten Zinsentscheid ins Spiel gebracht hatte, hagelte es daran Kritik von allen Seiten. Im Laufe der Wochen war die Zahl der Gegner immer größer geworden. Als einer der ersten warnte der deutsche EZB-Direktor Jörg Asmussen, die Zentralbank müsse beim Thema negative Einlagezinsen sehr vorsichtig sein. Er gehöre zu denen in der EZB, die dem Thema weniger offen gegenüber stünden, so der Deutsche. Neben Asmussen äußerten auch der Chef der österreichischen Nationalbank Ewald Nowotny sowie dessen französischer Kollege Christian Noyer ihre Bedenken.

Einlagezinsen bestimmen, wie viel Geld die Banken von der Zentralbank bekommen, wenn sie ihr Geld über Nacht bei den Frankfurter Währungshütern parken. Würde der Zins ins Negative gesenkt, käme das einer Art Strafzins für die Geldinstitute gleich. Wer Einlagen nicht in Form von Krediten verleiht, sondern sie aus Angst vor weiteren wirtschaftlichen Katastrophen bei der EZB einquartiert, muss Strafe zahlen. Auf diese Weise könnte die EZB versuchen, die schwächelnde Kreditvergabe wieder ein wenig auf Trab zu bringen.

Die Maßnahmen der Notenbanken gegen die Krise

  • August 2007

    Die Probleme an den Hypotheken- und Kreditmärkten greifen auf den Interbanken-Geldmarkt über. EZB und Fed sehen sich gezwungen, zusätzlich Liquidität in den Markt zu pumpen.

  • 12. Dezember 2007

    Die Notenbanken in den fünf wichtigsten Währungsräumen greifen gemeinsam ein, um ein Austrocknen der Geldmärkte zu verhindern.

  • 15. September 2008

    Nach der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers öffnen die großen Zentralbanken die Geldschleusen, um mitten in der Panik an den Finanzmärkten die Geschäfte am Geldmarkt am Laufen zu halten.

  • 8. Oktober 2008

    Die wichtigsten Notenbanken weltweit senken gemeinsam die Zinsen - ein historischer Schritt. 4. Dezember 2008: Die EZB senkt ihren Leitzins überraschend um einen dreiviertel Prozentpunkt auf 2,5 Prozent. Es ist der größte Zinsschritt seit der Einführung des Euro und der Gründung der europäischen Notenbank.

  • 16. Dezember 2008

    Die Fed kappt ihren Leitzins auf eine Spanne zwischen null und 0,25 Prozent - ein Rekordtief.

  • 18. März 2009

    US-Notenbankchef Bernanke kündigt den Ankauf von Staatspapieren für zunächst 300 Milliarden Dollar an. Die Fed erweitert außerdem ihre bestehenden Programme zur Stützung der Kreditmärkte und Banken auf rund eine Billion Dollar.

  • 7. Mai 2009

    Die EZB senkt ihren Leitzins auf das Rekordtief von einem Prozent.

  • 24. Juni 2009

    Die EZB stellt den Banken der Euro-Zone erstmals für ein ganzes Jahr Liquidität zur Verfügung. Mehr als 1000 Banken rufen die Riesensumme von 442 Milliarden Euro ab.  6. Juli 2009: Die EZB beginnt offiziell mit dem Ankauf von Pfandbriefen.

  • 16. Dezember 2009

    224 Banken aus der Euro-Zone rufen beim letzten Jahrestender der EZB knapp 100 Milliarden Euro ab. Das ist ein Wendepunkt.

  • 19. Februar 2010

    Die Federal Reserve erhöht den Zinssatz für Übernachtkredite von 0,5 auf 0,75 Prozent und verteuert damit Notkredite für Banken erstmals seit Ausbruch der Krise.

  • 25. März 2010

    EZB-Chef Trichet kündigt an, dass die Notenbank auch über das Jahresende 2010 hinaus Sicherheiten mit einem schwächeren Rating als „A-“ akzeptieren wird. Sie hilft damit indirekt den griechischen Banken und erleichtert die Refinanzierung Griechenlands.

  • 10. Mai 2010

    Die EZB kündigt im Kampf gegen die eskalierende Schuldenkrise in der Euro-Zone an, am öffentlichen und privaten Anleihemarkt in großem Stil aktiv werden zu wollen. Die Notenbank gibt damit ihren Widerstand gegen den Ankauf von Staatsanleihen der Euro-Länder auf, der Kritikern zufolge zu einem Ansteigen der Inflation führen könnte. Laut EU-Vertrag kann die EZB die Anleihen nur am Sekundärmarkt erwerben und nicht direkt bei den Regierungen.

  • 10. August 2010

    Die Fed stoppt unter dem Eindruck der nur zähen Konjunkturerholung in den USA und der andauernden Misere am Arbeitsmarkt den begonnenen Exit. Sie will Geld, dass sie durch Fälligkeit bereits erworbener Immobilienpapiere bekommt, wieder reinvestieren und neue Staatsanleihen kaufen.

  • 5. Oktober 2010

    Japans Notenbank zieht im Kampf gegen Wirtschaftskrise, Deflation und den starken Yen weitere Register. Sie senkt den Leitzins auf null und legt einen fünf Billionen Yen (60 Milliarden Dollar) schweren Fonds auf, über den sie die unterschiedlichsten Wertpapiere ankaufen und so weiteres Geld in die Wirtschaft pumpen will.

  • 3. November 2010

    Die Fed beschließt den Ankauf von weiteren Staatsanleihen im Volumen von 600 Milliarden Dollar bis Ende der ersten Jahreshälfte 2011. Zusätzlich sollen auslaufende Papiere aus dem Bestand ersetzt werden. Insgesamt hat die neuerliche Geldspritze damit ein Volumen von 850 bis 900 Milliarden Dollar.

  • 16. Dezember 2010

    Die EZB beschließt eine Verdoppelung ihres Grundkapitals auf knapp elf Milliarden Euro. Bezahlen müssen dies die ihr angeschlossenen nationalen Notenbanken: Die Bundesbank muss entsprechend des Kapitalschlüssels gut eine Milliarde Euro auf ihren Anteil dazupacken.

  • 18. März 2011

    Nach Erdbebenkatastrophe, Tsunami und Atomdebakel in Japan intervenieren die wichtigsten Notenbanken der Welt gemeinsam am Devisenmarkt.

  • 8. August 2011

    Die EZB beginnt mit dem Ankauf von Anleihen Italiens und Spaniens. Beide Länder waren zuvor ins Visier der Märkte geraten.

  • 9. August 2011

    Die Fed erklärt, dass sie ihren Leitzins wegen der mauen Konjunktur noch für „mindestens“ zwei Jahre nahe Null halten will.

  • 30. November 2011

    In einer koordinierte Aktion stellen EZB und Fed sowie die Notenbanken Kanadas, Japans, Großbritanniens und der Schweiz den von der Krise gebeutelten europäischen Banken Dollar zur Verfügung. Den Instituten fiel es zuletzt schwer, sich Dollar-Kredite zu beschaffen - viele US-Investoren haben ihnen aus Angst vor den Folgen der Schuldenkrise den Geldhahn zugedreht. Fast gleichzeitig lockert auch die chinesische Notenbank unerwartet ihre Geldpolitik. Sie senkte erstmals seit drei Jahren die Mindestreserve-Anforderungen der Banken.

Kein Erfolg in Dänemark

Auch viele Ökonomen hatten an der Wirkung negativer Einlagezinsen gezweifelt. Es bestünde die Gefahr, dass der negative Zins das Gegenteil von dem bewirkt, was er eigentlich erreichen soll - statt zu florieren, dürfte die Kreditvergabe weiter zurückgehen. Denn das ein entsprechendes Manöver auch nach hinten losgehen kann, hat das Beispiel Dänemark gezeigt. Um die hohen Kapitalzuflüsse aus der Euro-Zone abzufedern und die dänische Krone vor einer weiteren Aufwertung zu bewahren, drückte die dänische Notenbank den Einlagezins im Juli vergangenen Jahres unter null Prozent. Statt allerdings wie erhofft die Zinsen für Sparer zu senken, erhöhten die betroffenen Geldinstitute lieber die Zinsen für Unternehmenskredite.

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