Europäische Zentralbank nährt Hoffnung auf Ende der Geldschwemme

Zinsentscheid: EZB nährt Hoffnung auf Ende der Geldschwemme

, aktualisiert 08. Juni 2017, 15:52 Uhr
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EZB-Präsident Mario Draghi bei der Rats-Sitzung in Tallinn, Estland.

Zarter Hoffnungsschimmer für Sparer im Euroraum: Erstmals gibt die EZB Hinweise auf einen Einstieg in den Ausstieg aus ihrer ultralockeren Geldpolitik. Bis die Zinsen steigen, dürfte es allerdings noch dauern.

Europas Währungshüter tasten sich an ein Ende ihrer Billiggeldschwemme heran. Zugleich warnte der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), Mario Draghi, aber vor übertriebene Erwartungen auf ein schnelles Ende der Niedrigzinsen. „Ein außergewöhnliches Maß an geldpolitischer Unterstützung ist immer noch nötig“, sagte Draghi nach der auswärtigen Sitzung des EZB-Rates in der estnischen Hauptstadt Tallinn.

Den Leitzins im Euroraum beließ der Rat auf dem Rekordtief von null Prozent. Parken Finanzinstitute überschüssiges Geld bei der EZB, müssen sie dafür unverändert 0,4 Prozent Strafzinsen zahlen. Für den Kauf von Staats- und Unternehmensanleihen will die Notenbank bis mindestens zum Jahresende weiter monatlich 60 Milliarden Euro aufwenden.

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Erstmals gab die EZB aber vorsichtige Hinweise auf einen Einstieg in den Ausstieg. Die Notenbank beurteilte die Wachstumsrisiken für den Euroraum als „weitgehend ausgeglichen“ statt „abwärtsgerichtet“ und betont die verbesserten konjunkturellen Rahmenbedingungen stärker. Zudem verzichteten die Währungshüter auf den Hinweis auf mögliche weitere Zinssenkungen. Beides gilt unter Ökonomen als erstes Signal, dass sich die Währungshüter allmählich an eine Normalisierung ihrer Geldpolitik herantasten.

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Der Bankenverband BdB begrüßte die „ersten Trippelschritte in Richtung Ausstieg aus der extrem expansiven Geldpolitik“, hätte sich angesichts der stabilen Konjunkturentwicklung im Euroraum aber ein „entschlosseneres Vorgehen gewünscht“, wie BdB-Hauptgeschäftsführer Michael Kemmer sagte.

Kritik am EZB-Kurs kommt seit langem aus wirtschaftlich starken Ländern wie Deutschland. Denn Sparer bekommen kaum noch Zinsen, Banken tun sich mit dem Geldverdienen schwer. Allerdings profitieren auf der anderen Seite Kreditnehmer von günstigen Konditionen - zum Beispiel beim Kauf von Häusern und Wohnungen.

Ökonomen erwarten, dass die EZB schrittweise erst das Anleihenkaufprogramm („Quantitative Easing“/QE) zurückfahren wird und dann - womöglich erst 2019 - die Zinsen allmählich anheben wird.

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Das viele billige Geld soll im Idealfall die Konjunktur anschieben und die Teuerungsrate nachhaltig in Richtung der EZB-Zielmarke von knapp unter 2,0 Prozent treiben - weit genug weg von der Nulllinie. Dauerhaft niedrige Preise auf breiter Front gelten als Risiko für die Konjunktur: Unternehmen und Verbraucher könnten Investitionen aufschieben, in der Hoffnung, dass es noch billiger wird.

Im Mai lagen die Verbraucherpreise im Euroraum nach Zahlen des europäischen Statistikamts Eurostat um 1,4 Prozent über dem Vorjahreswert. Die Kerninflation ohne schwankungsanfällige Energie- und Lebensmittelpreise erreichte 0,9 Prozent.

Vor allem wegen der niedrigen Ölpreise werden die Verbraucherpreise nach Einschätzung der EZB allerdings langsamer steigen als zuletzt erwartet. Für das laufende Jahr rechnet die Notenbank nun mit einer Teuerungsrate von 1,5 Prozent (März-Prognose: 1,7 Prozent). Auch für 2018 und 2019 senkten die Währungshüter ihre Prognose.

Der Wirtschaft im Euroraum traut die Notenbank indes ein stärkeres Wachstum zu als noch im März. Für das laufende Jahr erwartet sie nach einem schwungvollen Auftakt einen Zuwachs von 1,9 (1,8) Prozent beim Bruttoinlandsprodukt (BIP). Im ersten Quartal hatte die Wirtschaft in den 19 Ländern des Währungsraums nach Angaben von Eurostat um 0,6 Prozent zum Vorquartal zugelegt. Auch 2018 und 2019 rechnet die Notenbank mit einem kräftigeren Plus als noch im Frühjahr.

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