Zinsentscheid: Jetzt zockt Draghi richtig

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Zinsentscheid: Jetzt zockt Draghi richtig

, aktualisiert 07. November 2013, 17:41 Uhr
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EZB-Chef Mario Draghi in der Europäischen Zentralbank in Frankfurt.

von Saskia Littmann

Aus Angst vor sinkenden Preisen senkt die Europäische Zentralbank den Leitzins auf ein Rekordtief. Wenn er Pech hat, feuert EZB-Chef Mario Draghi die Sorgen vor der Deflation damit erst richtig an.

Mario Draghi lässt sich nicht beirren. Mit betont fester Stimme verliest der Chef der Europäischen Zentralbank (EZB) seine Stellungnahme. Er scheint sich bei seiner Entscheidung hundertprozentig sicher zu sein. Selbstverständlich ist das nicht. Denn der Italiener hat zusammen mit seinen 22 Kollegen aus dem EZB-Rat den Leitzins der Euro-Zone auf ein neues Rekordtief gesenkt. Nur noch 0,25 Prozent Zinsen müssen Europas Banken jetzt zahlen, wenn sie sich bei der Zentralbank Geld leihen wollen. Damit können sich die Geldinstitute so günstig refinanzieren wie noch nie.

Für die meisten Beobachter kommt diese Entscheidung unerwartet, deshalb wirft sie viele Fragen auf.

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Warum senkt die EZB den Leitzins erneut?

Hauptgrund für die Zinssenkung sind die niedrigen Inflationsraten im Euroraum. Die Preissteigerung war im Oktober mit 0,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr überraschend niedrig. Das ist der niedrigste Wert seit der Krise, also seit November 2009. Das eigentliche Inflationsziel der Zentralbank liegt bei einem Wert nahe aber unter zwei Prozent. Stabile Preise sieht die EZB als ihr Hauptmandat. Draghi erklärte, angesichts der niedrigen Inflationsraten rechne man über einen längeren Zeitraum mit niedrigen Inflationsraten. Wie lange dieser Zeitraum genau ist, konnte der Italiener nicht sagen. "Wir werden uns dazu im Dezember äußern, aber es ist kein kurzer Zeitraum", sagte Draghi. Mit Hilfe der niedrigeren Zinsen wolle die EZB den Zeitraum verkürzen.

Draghi selber will mit der Zinssenkung zeigen, dass er seine Worte ernst meint. Dafür verweist er auf seine langfristige Bindung an niedrige Zinsen, im Fachjargon Forward Guidance genannt. Die Zentralbank hatte zuletzt immer wieder bekundet, die Zinsen blieben gleichbleibend niedrig, solange die Inflationsraten unverändert stabil blieben. Da diese aber unerwartet deutlich gesunken seien, musste die EZB handeln, erklärt Draghi.

Warum sind niedrige Inflationsraten so schlimm?

Grundsätzlich sind nicht die niedrigen Inflationsraten das größte Problem, sondern die steigende Wahrscheinlichkeit sinkender Preise. Sie schüren die Angst vor einer Deflation. Diese Gefahr wollen die Notenbanker um jeden Preis verhindern. Sinkende Preise gelten deshalb als so gefährlich, weil sie Investitionen ausbremsen. Wenn Verbraucher und Unternehmen damit rechnen, dass die Preise noch weiter sinken, werden sie aufhören zu konsumieren und Investitionen in die Zukunft verschieben. Für Verbraucher mag das zwar auf den ersten Blick verlockend klingen, allerdings kommt dadurch die Dynamik einer Volkswirtschaft zum Erliegen. Ein Beispiel ist Japan, das asiatische Land kämpfte zwei Jahrzehnte mit Deflation.

Gefahr der sinkenden Preise Warum wir das Deflationsgespenst (noch) nicht fürchten müssen

Wenn Europas Notenbanker morgen über den Leitzins abstimmen, dürfte die mögliche Deflationsgefahr eine zentrale Rolle spielen. Warum Ökonomen noch Entwarnung geben und warum sinkende Preise so gefährlich sind.

Aufgrund der niedrigen Inflationsraten in der Euro-Zone ist die Diskussion um eine drohende Deflation neu entbrannt. Quelle: Marcel Stahn für WirtschaftsWoche

Draghi verwies darauf, dass die Notenbanker sich nicht umsonst auf ein Inflationsziel von knapp unter zwei Prozent geeinigt hätten. Damit solle beispielsweise den unterschiedlichen Entwicklungen in den einzelnen Mitgliedstaaten der Euro-Zone Rechnung getragen werden. Müsse ein Land Preisanpassungen vornehmen, sei das bei einer Inflation von etwa zwei Prozent deutlich einfacher als bei stagnierenden Preisen.

Müssen wir Deflation fürchten?

Draghi erklärte, die EZB sehe im Großen und Ganzen keine Deflation, er rechne nicht mit einem "weit verbreiteten Verfall von Preisen in vielen Güterkategorien und in mehreren Ländern", so der Italiener. Auch viele Ökonomen halten das aktuelle Risiko sinkender Preise für relativ gering. Entscheidend sind nämlich nicht die aktuellen Inflationsraten, sondern die für die Zukunft erwarteten. Erst wenn diese deutlich sinken, steigt die Deflationsgefahr. Noch liegen die Erwartungen allerdings zwischen einem und zwei Prozent Teuerung. Im Dezember werden dazu neue Daten veröffentlicht. Deshalb hatten viele Volkswirte frühestens dann mit einer Zinssenkung gerechnet. Eine mögliche Deflation wurde zuletzt breit diskutiert, möglicherweise fühlte die EZB sich unter Druck gesetzt. "Offensichtlich sah sich die EZB unter Zugzwang", sagt Christoph Balz, Analyst bei der Commerzbank.

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