Geldpolitik: Was die Deutschen über die EZB wissen

Geldpolitik: Was die Deutschen über die EZB wissen

, aktualisiert 14. November 2011, 09:31 Uhr
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Statt Verständnis Protest: Das belagerte Gelände der Europäischen Zentralbank in Frankfurt.

von Johannes PennekampQuelle:Handelsblatt Online

Selten war effektive Geldpolitik so wichtig wie heute. Doch laut Forschern wissen die Deutschen mitten im Überlebenskampf des Euro erschreckend wenig über die Maßnahmen der Zentralbanker in Europa.

DüsseldorfEr sah die Antwort auf die Frage als seine Mission an – doch geliefert hat er sie nicht: „Was genau ist die Aufgabe der Europäischen Zentralbank?“ Das wollte Ex-Zentralbankchef Jean-Claude Trichet den Europäern „umfassend“ und „leicht zugänglich“ erklären. Schließlich sei es für die EZB wichtig, dass die Menschen verstehen, warum Geldwertstabilität die Voraussetzung für den Wohlstand ist, schrieb der Franzose staatstragend in einer EZB-Broschüre.

Doch statt einfacher Erklärungen liefern die Banker auf knapp 80 Seiten komplizierte Satzgebilde, die aus einer Uni-Vorlesung stammen könnten. „Aufgrund seiner Liquidität erbringt Geld seinem Besitzer eine Dienstleistung, indem es Transaktionen erleichtert“, schreiben die Autoren, um zu erklären, wozu man Bargeld benötigt. „Da braucht man einen BWL-Bachelor, um das zu verstehen“, kritisiert Edith Neuenkirch, die gemeinsam mit dem Marburger Makroökonomen Bernd Hayo erforscht hat, wie gut die Deutschen über Geldpolitik Bescheid wissen.

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Ihre Ergebnisse sind ernüchternd: Mitten in der Krise verstehen die Deutschen nicht, welche Rolle die EZB in der Wirtschaft spielt. Über die Aufgaben und Instrumente der Zentralbank wissen sie bestenfalls bruchstückhaft Bescheid. Die Mehrheit weiß weder, dass die Institution unabhängig entscheiden soll, noch welche Folgen eine Leitzins-Erhöhung hat. Die Unwissenheit der Bürger könnte die Legitimation der EZB schwächen und zur Gefahr für den privaten Geldbeutel werden, befürchten die Forscher.

Wie weit verbreitet die Defizite sind, offenbart unter anderem die Studie des Frankfurter BWL-Professors Guido Friebel, der schon vor zwei Jahren über 2000 Wirtschaftsstudenten zur Krise befragte: Selbst die angehenden Ökonomen können grundlegende wirtschaftliche Zusammenhänge oft nicht erklären, bilanzierte der Forscher. Wichtige EU-Politiker wie den Ratspräsidenten Herman Van Rompuy, kennt nur jeder vierte Deutsche. Im internationalen Vergleich rangiert die Bundesrepublik in Sachen ökonomischer Sachverstand im Mittelfeld, weit abgeschlagen hinter Finanzmetropolen wie Singapur und Hongkong, zeigte der italienische Ökonom Tullio Jappelli kürzlich.

Diese eklatanten Wissenslücken stehen im starken Gegensatz zur Dringlichkeit, mit der die Sorge ums Geld den Deutschen unter den Nägeln brennt. Die repräsentative Erhebung des Marburger-Forscher-Duos, durchgeführt von der Gesellschaft für Konsumforschung, brachte ans Licht: Fast jeder Dritte hält „die Bekämpfung steigender Preise langfristig für Deutschland für am wichtigsten.“

Link zum kostenlosen Download der im Text zitierten Studien


Wer wenig Ahnung von Wirtschaft hat, geht höhere Risiken ein

Die Crux: Die Wissensdefizite der Bürger könnten diesem Ziel im Weg stehen und sie selbst in finanzielle Bedrängnis bringen: Wer weniger Ahnung von Wirtschaft hat, geht bei der Geldanlage unfreiwillig höhere Risiken ein und verschuldet sich sorgloser, zeigen empirische Studien. „Wer nicht ahnt, dass Zinsen auch irgendwann wieder steigen, entscheidet sich oft falsch“, erklärt Forscher Hayo. Da sich Amerikaner, die sich mit Finanzen kaum auskannten, im Vorfeld der Finanzkrise besonders häufig Hypothekenkredite aufschwatzen ließen, halten einige Ökonomen die Defizite sogar für einen Mitverursacher des globalen Crashs.

Doch was müssen die Währungshüter in Frankfurt tun, um Inflation zu bekämpfen oder die Wirtschaft mit frischem Geld zu versorgen? „Die Mehrheit der Deutschen kann die elementaren geldpolitischen Fragen nicht beantworten“, sagt Forscher Hayo. Nur jeder Zweite kennt das zentrale Ziel der EZB, die Preisstabilität im Euro-Raum. Dass bei Inflationsgefahr der Leitzins angehoben werden sollte, damit Geld teurer wird, weiß nur jeder Fünfte. Zwei Drittel gaben dagegen fälschlicherweise an, die Zinsen sollten sinken oder stabil bleiben. Große Verwirrung auch bei der Frage nach der Unabhängigkeit: Nicht einmal jeder Dritte wusste, dass die Banker losgelöst von den Regierungen entscheiden sollen.

Der Marburger Ökonom Hayo sieht durch die Unwissenheit die Legitimation der EZB geschwächt. Anders als Regierungen sind die Zentralbanker nicht vom Volk gewählt und können daher bei Unzufriedenheit auch nicht einfach abgewählt werden. Um Zustimmung für ihre Maßnahmen zu bekommen, „ist es daher umso wichtiger, dass die EZB die Bürger über ihre Ziele und Strategie aufklärt“, sagt der Ökonom. Doch genau das gelinge den Währungshütern nicht: „Die EZB sitzt in ihrem Elfenbeinturm.“

Die Nutznießer könnten die Politiker sein, fürchtet das hessische Forscher-Duo. Obwohl es sich bislang nur um eine Schuldenkrise einiger Länder handle, würden die Mandatsträger bewusst von einer „Euro-Krise" sprechen und so Ängste schüren. Ihre mögliche Absicht: „Sie wollen von der Verunsicherung profitieren und ihre Politik als alternativlos darstellen“, behauptet Hayo.

Geraten durch die großen Defizite sogar Grundannahmen der Ökonomie ins Wanken? „Wir gehen in vielen Modellen davon aus, dass Menschen rationale Erwartungen haben und vollständig informiert sind“, so der Forscher, „das scheint mir nicht haltbar.“ Die Konsequenz: Ökonomen müssten grundsätzlicher über ihre Annahmen und den Wert ihrer Forschungsergebnisse nachdenken.

Der Hochschullehrer erfährt die Unwissenheit und Verunsicherung der Bürger in jüngster Zeit immer häufiger am eigenen Leib. Zuletzt fragte eine Seniorenvereinigung bei ihm an. Die meistgestellte Frage während Hayos Vortrag zur Krise: Wer soll das alles bezahlen?

Link zum kostenlosen Download der im Text zitierten Studien

Quelle:  Handelsblatt Online
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